«The Wire»

Zumindest die Kritiker sind sich einig: «The Wire» ist wahrscheinlich die beste Serie aller Zeiten.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vier Jahre zieht Bubbles mit seinen Einkaufswagen um die Häuser, sammelt dies, verkauft das und gibt das verdiente Kleingeld für ein paar Krümel Heroin aus. Stets versichert er, er sei kurz davor, mit den Drogen aufzuhören, und stets fällt er noch ein wenig tiefer und verursacht schliesslich aus Versehen den Tod seines obdachlosen Schützlings, mit dem er wie ein Hund im Keller seiner Schwester wohnt.

Bubbles’ Schicksal ist nur eine der Tragödien in «The Wire», doch in seinem verzweifelten Versuch, trotz allem einen letzten Rest Würde zu bewahren, wird er zur sympathischsten Figur der amerikanischen Fernsehserie. «The Wire», vom «Time»-Kolumnisten Joe Klein für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen, ist untypisches amerikanisches Fernsehen. Die vom ehemaligen Polizeidetektiv Ed Burns und dem ehemaligen Reporter David Simon geschriebene Serie spielt in Baltimore, einer Stadt im freien Fall, wo der Drogenhandel floriert, die Korruption grassiert und Klientelwirtschaft sowie Bürokratie alles zerstört oder abschleift, was einen Neuanfang versucht. Die Show dreht sich um «The Game», das Spiel, wie die Dealer den Drogenhandel nennen, doch die Grenzen zum Rest der Gesellschaft sind fliessend. Minutiös zeichnen Burns und Simon das Sittenbild einer gefallenen Stadt nach, in jeder Staffel auf einen anderen Aspekt fokussierend: die Jagd der Polizei auf die Dealer, das schmutzige Geschäft der Politiker, die anarchischen Schulen und der Niedergang der Medien.

Was nach langweiliger Sozialkritik tönt, ist vor allem ein hervorragend erzähltes Drama. In der vom US-Privatsender HBO von 2002 bis 2008 ausgestrahlten Serie begegnen wir über fünf Staffeln immer wieder denselben Personen, mit allen ihren Macken, Schwächen und Hoffnungen. Wir begleiten etwa den notorisch untreuen, aber aufrechten Polizisten Jimmy McNulty, der alles (und am Ende zu viel) versucht, um den kaltblütigen Drogenboss Marlo Stanfield hinter Schloss und Riegel zu bringen. Wir beobachten Snoop, eine Killerin des Drogensyndikats, die einen so dicken Ghettoslang redet, dass fast nur ihr Partner sie versteht. Und wir lernen den Politiker Tommy Carcetti kennen, der als Weisser in einer mehrheitlich schwarzen Stadt Bürgermeister wird.

Viele Figuren beginnen mit einer Portion Idealismus, doch bleiben sie gefangen in einem verdorbenen System, in dem sie erst kleine Kompromisse eingehen, «bis die Lügen zu gross werden, um sie noch aufzudecken», wie es McNulty formuliert. Wirklich frei ist nur eine Figur: Omar, ein schwuler Gangster, dessen Markenzeichen ist, dass er nicht flucht und nur andere Gangster ausraubt - bis ihn die Kugel eines Zehnjährigen tötet.

Ja, Tote gibt es in «The Wire» Dutzende. Sie sind das sichtbarste Symptom einer scheinbar nicht mehr reformierbaren Gesellschaft. Man fällt, rappelt sich auf, Hoffnung keimt, doch dann ist sie auch schon wieder vorbei, und ein neues Unglück, das keiner gewollt, aber auch nicht verhindert hat, kommt in die Stadt. Die Geschichten sind voller realitätstreuer Details, umrahmt vom Slang der verschiedenen Milieus und von lakonischer Alltagskomik, die ganz ohne didaktisches Moralisieren auskommt.

Als Zuschauer klebt man wie hypnotisiert am Bildschirm, weil einem der unwiderstehliche Rhythmus der Show, die ambivalent gezeichneten Figuren und die unendliche Traurigkeit des Geschehens keine Wahl lassen. Man fiebert mit, vor allem aber verzweifelt man mit. Das Geschehen ist bisweilen wirklich kaum zu ertragen - etwa wenn man sieht, wie Kinder zu Dealern werden -, aber der unerbittliche, von amerikanischen Realitäten gespeiste Blick macht «The Wire» zur vielleicht besten Fernsehserie aller Zeiten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2010, 15:31 Uhr

The Wire spielt in Baltimores Prekariat.

Info

«The Wire» auf DVD: Alle fünf Staffeln in einer Box, ca. 225 Fr. Einzelne Staffeln ab ca. 60 Fr.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Weihnachtshopping in letzter Minute

History Reloaded Österreich ist, was übrig bleibt

Die Welt in Bildern

Land ahoi! Die Superjacht «Sunseeker 74 P» wird auf einem Tieflader über eine Strasse transportiert. Ziel ist eine Wassersportmesse in Düsseldorf, Deutschland. (18. Dezember 2018)
(Bild: Sascha Steinbach) Mehr...