TV-Kritik

Tief im Trash

Die «Tatort»-Folge «Alle meine Jungs» aus Bremen wartete mit viel Pop und zwei ungeschickten Ermittlern auf – und einem starken Roeland Wiesnekker als mafiöser Bewährungshelfer.

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Bewährungshelfer Uwe Frank (Roeland Wiesnekker) ist «nicht so der Bürotyp», deshalb betreibt er seine Geschäfte in einem abgeranzten chinesischen Restaurant, wo die Krustentiere im Aquarium schwadern und «Daddy Cool» von Boney M. aus den Boxen säuselt. Das passt, wird Frank doch von allen Papa genannt, und seine Klienten sind seine «Jungs», womit der Titel dieser «Tatort»-Folge aus Bremen auch geklärt wäre. Seine Ex-Knackis also bringt dieser Papa alle beim gleichen Müllunternehmen unter und versorgt sie in Reihenhäuschen in der gleichen Strasse, wo sie abends gemeinsam grillieren und den fleischgewordenen Gewerkschaftertraum zelebrieren. Als nun aber einer dieser Jungs erstochen in seinem Mülltransporter gefunden wird, interessiert das niemanden im Müll-Clan, und auch ohne den Scharfsinn der Kommissare Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) wäre man draufgekommen: Da stimmt etwas nicht.

«Glaubst du, wir spielen jetzt Goodfellas?», fragt Papa der Bewährungshelfer einmal, und tatsächlich fragt man sich während dieses «Tatorts» immer wieder, in was für einem Film man denn nun gelandet ist. Wähnt man sich im schummrig-plüschigen Chinarestaurant mit dem schmierig lächelnden Wiesnekker noch in «Godfather»-Gefilden, machen andere Szenen auf Actionfilm – zum Beispiel, als sich die tätowierten, kastigen Müllmänner in Slow Motion zu «Sympathy for the Devil» von den Rolling Stones der Kamera entgegenschieben. Überhaupt spielt die Musik eine grosse Rolle in diesem «Tatort» und lässt die Folge ungewohnt poppig daherkommen. «Mach diese Musik aus, davon kriegt man Durchfall», sagt Papa noch ganz am Anfang. Tatsächlich fällt es schwer, sich auf das ungewisse Schicksal des vom Clan abtrünnigen Sascha (Jacob Matschenz) in der Lastwagenmüllpresse zu konzentrieren, wenn Daft Punk erst noch ihren Sommerhit «Get Lucky» gedüdelt haben.

Sagenhaft farblos, sagenhaft inkompetent

Der Müllpresse nochmals entkommen, beantragt dieser Sascha nun Zeugenschutz bei den Kommissaren Lürsen und Stedefreund – denn wer im Müllclan ausschert, der hat ja eben schnell mal ein Messer im Bauch. Leider ist das Bremer Team allerdings nicht nur sagenhaft farblos, sondern auch sagenhaft inkompetent, sodass Stedefreund von den Müllmännern in einem Hinterhalt mit einer Schaufel niedergestreckt wird und Kollegin Lürsen die Schwester des Abtrünnigen ausgerechnet vor den Augen des grillierenden Clans zur Befragung aufs Präsidium führt. Dumm, diese Idee, und prompt wird die Schwester später in einer Gruppenvergewaltigung schwer verletzt. «Das tut mir leid», sagt Lürsen beim Besuch im Spital, und als sie erfährt, dass ihre Dienstwaffe als Vergewaltigungsutensil diente, tut es ihr noch mehr leid. «Ich soll Ihnen ausrichten, dass Sie mich gefickt haben», sagt das zusammengekrümmte Opfer im Spitalbett. Dabei ist Lürsen doch schon genug traumatisiert – immerhin hat sie in der vorletzten Folge ihren Liebhaber und Assistenten an eine messermordende Psychomutter verloren.

So trägt Regisseur Florian Baxmeyer mit «Alle meine Jungs» viel zu dick auf, als dass einen die Geschichte ernsthaft berührte – den Trash des Milieus scheinen sich die Macher zu sehr zu Herzen genommen zu haben. Dabeibleiben tut man trotzdem – was bestimmt nicht den Bremer Kommissaren zu verdanken ist, sondern der Figur des Bewährungshelfers. Dass sich Roeland Wiesnekker gut macht in der Unterwelt, hat er schon im Langstrassenkrimi «Strähl» bewiesen. Nach diesem Fernsehabend fragt man sich, wieso er nicht längst anstelle von Stefan Gubser für den Schweizer «Tatort» im Einsatz ist.

Erstellt: 18.05.2014, 21:46 Uhr

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