Tödliche Affäre mit dem Stallburschen

Der Chef der Liberalen Partei, sein rachsüchtiger Geliebter und ein Auftragskiller: Ganz England redet gerade über einen vertuschten Kriminalfall – dank der BBC und Hugh Grant.

«A Very English Scandal» erzählt die verhängnisvolle Affäre zwischen dem damaligen Chef der Liberalen und einem Stallburschen. In den Hauptrollen: Hugh Grant und Ben Wishaw. Quelle: Youtube


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Die BBC hat am Sonntagabend eine Dokumentation ausgestrahlt, die vor knapp 40 Jahren gedreht, aber nie gesendet worden ist. Tom Mangold, damals der verantwortliche BBC-Reporter, heute ein alter Herr, präsentierte die Kopie seines Films, die er vor der Zerstörung bewahrt hatte, mit unverkennbarer Genugtuung und den Worten «zu guter Letzt».

Denn es hat vier Jahrzehnte, die neue, gefeierte BBC-Miniserie «A Very English Scandal» und, in der Hauptrolle, den britischen Filmstar Hugh Grant gebraucht, um der Öffentlichkeit – zu guter Letzt – die wahre Geschichte von Jeremy Thorpe, dem ehemaligen Chef der Liberalen Partei, zu präsentieren. Und, im Anschluss an das Drama, dann endlich auch die Reportage.

Die Serie von heute und die Doku von damals erzählen die so tragische wie absurde Geschichte vom Parteichef, der zu einer Zeit, als Homosexualität in England noch strafbar war, eine längere Affäre mit einem Stallburschen gehabt und diesen dann verlassen hatte. Norman Scott, der Liebhaber von Thorpe, ging in seiner Enttäuschung mit Liebesbriefen und saftigen Details zur Polizei. Aber seine Aussagen wanderten in die Tresore von Polizei, Geheimdienst und Parlament. Dann versuchte er, Thorpe zu erpressen, wurde aber über Mittelsmänner abgefunden. Als Scott immer labiler und damit für Thorpe gefährlicher wurde, beschloss der Politiker, seinen ehemaligen Liebhaber beseitigen zu lassen.

Zeugen wurden beeinflusst, Akten verschwanden. Der Prozess endete mit einem Freispruch

Ein Freund heuerte, wiederum über Mittelsmänner, einen Killer an, der ihn umbringen sollte. Der erschoss allerdings, aus Angst vor Hunden, zuerst die Dogge, mit der Scott unterwegs war; beim Versuch, Scott selbst zu ermorden, versagte die Waffe. Nach langen, verschleppten Ermittlungen kam es schliesslich zu einem spektakulären Prozess, den das ganze Land gebannt verfolgte. Doch: Thorpe wurde sowohl vom Vorwurf des Mordes als auch vom Vorwurf, einen Mord in Auftrag gegeben zu haben, freigesprochen.

Nicht nur BBC-Reporter Tom Mangold glaubte damals: Das sei ein Fehlurteil, Justiz und politisches Establishment hätten den bekannten Politiker geschützt. Tatsächlich hatten Behörden und der Geheimdienst MI5 Akten über Thorpes homosexuelle Affären in ihren Schränken, die nie herausgegeben wurden. Zeugen waren beeinflusst worden, Aussagen verschwanden. Mangolds Dokumentation war zum Prozessende 1979 fertig gewesen; produziert in der Gewissheit, dass die Beweise gegen Thorpe erdrückend waren. Nach dem Freispruch verschwand der Film im Archiv. Bis heute.

In dem Dreiteiler, den die BBC jetzt sendete, spielt Hugh Grant den einstigen Star der Liberalen mit einer grandiosen Mischung aus Verklemmtheit, Verweigerung und Arroganz. Ben Whishaw, bekannt seit seiner Hauptrolle als Jean-Baptiste Grenouille im Film «Das Parfum», ist ihm als psychisch instabiler und von der Mission der Rache besessener Liebhaber ebenbürtig – eine grossartige Besetzung in einer grossartigen Erzählung.

Mindestens ebenso sehr wie diese Starbesetzung aber schlugen die aktuellen Enthüllungen der BBC die Briten in ihren Bann – präsentiert von Tom Mangold, der ja schon 1979 das Thorpe-Drama verfolgt hatte. In der «Sunday Times» beschreibt er, wie er vor zehn Jahren von einem Mann angesprochen wurde, der ihm Einzelheiten zu dem geplanten Mordanschlag erzählte. Die Polizei tat seither, laut Mangold, was sie zuvor getan hatte: Sie verschleppte die Suche nach möglichen Mittätern.

Immerhin: Pünktlich zum Sendetermin wurde jetzt bekannt, dass die Ermittlungen nun doch wieder aufgenommen wurden. Denn: Der angeheuerte Killer, der damals nur den Hund, aber nicht den Lover erschoss, soll quicklebendig in West-London wohnen.

Erstellt: 07.06.2018, 11:14 Uhr

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