Rezension

Überall Abzocker und Etikettenschwindler

Der «Kassensturz» wird 40. Der ungebrochene Erfolg der Konsumentensendung hat viel mit Schweizer Eigenarten zu tun.

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Vor 40 Jahren moderierte Roger Schawinski in einem zu engen, ausgeliehenen Jackett den ersten «Kassensturz». Auch die Namenswahl war ungünstig: Im «Kassensturz» geht es nicht ums Sparen, sondern um Konsumentenschutz. Den Zuschauern war das egal, 1800 Ausgaben später ist die Sendung das erfolgreichste Magazin im Schweizer Fernsehen. Über eine halbe Million Zuschauer schalten sich am Dienstagabend ein, wenn hohe Roaminggebühren angeprangert oder Kaffeekapseln verglichen werden. Mit einem Marktanteil von 33 Prozent ist der «Kassensturz» unter den europäischen Konsumentensendungen der Spitzenreiter.

Dass eine Sendung in der schnelllebigen Medienwelt so alt wird, ist eine Überraschung. Dass sie das mit unverändertem Konzept schafft, fast ein Wunder – zumal im reichsten Land der Welt eine Konsumentensendung als Dauerbrenner paradox ist. Im Ausland sind ähnliche Sendungen konjunkturabhängig. Ist die Wirtschaftslage gut, interessieren sich die Leute weniger für Konsumthemen.

Unterhaltende Funktion

Der Schweizer Sonderfall ist zum einen auf das hohe journalistische Niveau der Sendung zurückzuführen. Der Kassensturz begnügt sich nicht mit Testvergleichen über Kino-Popcorn und Mineralwasser, sondern bietet auch engagierte, systemkritische Berichte über Pensionskassen oder recherchiert im Zuge der Globalisierung Produktionsbedingungen im Ausland.

Der Erfolg des «Kassensturz» hat aber auch viel mit Schweizer Privilegien und Eigenarten zu tun. Wir können es uns leisten, auf Qualität – und nicht nur den Preis – zu achten. Gleichzeitig bedient die Sendung des Schweizers Sparsamkeit und die Angst vor Wohlstandsverlust. Wie die vielen Dokus und Quiz, die auf SRF zu sehen sind, speist sie sich auch aus unserem Hang zur Selbstbespiegelung und der Freude am Wissenserwerb. Nicht zufällig erinnert der «Kassensturz» an eine Schulstunde: Unaufgeregt und sachlich wird über Themen gesprochen, Fachausdrücke werden erklärt und komplexe Formulierungen vermieden. Den Vorwurf einer gewissen Bevormundung, wie sie auch Lehrmeistern eigen ist, muss sich die Sendung wohl gefallen lassen.

Durch Abkürzungen und Tricks zu Wohlstand

Welche Wirkung hatten 40 Jahre «Kassensturz»? Sind die Konsumenten vorsichtiger, die Produzenten korrekter geworden? Wahrscheinlich sind das die falschen Fragen. Denn der «Kassensturz» hat trotz seiner hehren Ziele auch eine unterhaltende Funktion. Wie einst bei «Aktenzeichen XY» kann sich der Zuschauer in der Bürgerstube wohlig ob den offenbar omnipräsenten Abzockern und Etikettenschwindlern gruseln. Gleichzeitig wiegt er sich im Glauben, dank der Sendung davor gefeit zu sein. Der «Kassensturz» vermittelt so Sicherheit – was wir Schweizer bekanntlich mögen.

Der ernste Duktus der frühen TV-Jahre hat sich natürlich längst verloren, die Sendung ist dynamischer geworden, Sketch-Einlagen eines Komikers verleihen gar eine ironische Note. Nach wie vor aber zelebriert das Gefäss den Triumph des kleinen Mannes über jene, die durch Abkürzungen und Tricks zu Wohlstand kommen wollen. Bezeichnenderweise stammt die Hälfte der «Kassensturz»-Themen vom Publikum; der «Kassensturz» macht so aus Opfern Ankläger. Dies ist vielleicht der Grund, weshalb man nach der Sendung zwar informiert, ja gar aufgeklärt ist – aber auch stets ein bisschen irritiert den Fernseher ausschaltet. Der Mensch mag ein betrügerisches Wesen sein, aber fast schlimmer noch als Schwindler sind übereifrige Petzer. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.01.2014, 16:29 Uhr

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