Und dann drängeln sich Gölä und Trauffer ins Rampenlicht

«The Voice of Switzerland» ist zurück. Bei der Castingshow sollte die Musik im Zentrum stehen – doch dafür sind die Juroren wohl zu eitel.

Kuba im Kulturschock: Der Kandidat Raffael wird von den Jurymitgliedern DJ Antoine und Trauffer angetanzt. Foto: 3+

Kuba im Kulturschock: Der Kandidat Raffael wird von den Jurymitgliedern DJ Antoine und Trauffer angetanzt. Foto: 3+

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Sechs Jahre lang musste die Schweiz darben: Nachdem das Schweizer Fernsehen 2014 «The Voice of Switzerland» aus dem Programm eliminiert hat, feiert die Franchise-Castingshow für Gesangeskunst beim Privatsender 3+ ihre Wiederauferstehung. Und bereits mit dem Prolog zur ersten Folge ist der Kreativabteilung des Senders ein kleines filmisches Meisterwerk geglückt: Der erste Einspieler ist eine Charakter-Auslegeordnung des musikalischen Kampfgerichts, wofür eigens ein unter dringendem Animationsverdacht stehender 3+-Helikopter mit rätselhaftem Lasten-Gehänge in den helvetischen Luftraum geschickt wird.

An einem Bergsee sitzen die von Gölä und Trauffer verkörperten Büetzer Buebe auf zwei Quads, tragen maskenbildnerisch aufgeraute Lederjacken und geben an, nach Kandidaten zu fahnden, die «handgemachte, geile Musik machen». Noah Veraguth und Anna Rossinelli schöngeisteln in einem «Schöner Wohnen»-Setting über das «harte Musikbusiness», während DJ Antoine trotz Hudelwetter mit Sonnenbrille aus einem Hochpreis-Hotel schreitet und sogleich in seinem Rolls Royce verschwindet. Vermutlich will er andeuten, dass in seinem Team die Aussicht auf Glamour und Reichtum am günstigsten ist.

Helikopter mit rätselhaftem Lasten-Gehänge: Szene aus dem ersten Einspieler. Foto: 3+

Die Bassstimme aus dem Off überbietet sich derweil in Sachen Superlative und kündigt nicht nur die «erfolgreichste Musikshow der Welt» an, sondern auch die «stärksten Talente», die «besten Stimmen der Nation» und die «beste Jury, die das Land zu bieten hat».

Das Filet-Stück des «The Voice»-Formats sind bekanntlich die sogenannten «blind auditions»: Die Jury sieht die Kandidaten nicht und entscheidet allein aufgrund der Stimmen, ob jemand weiterkommt oder ob es von der Showbühne direkt wieder zurück in die sicherere Erwerbstätigkeit geht.

Bemerkenswerte Exponenten unter dem singenden Personal

Es soll sich hier also um die schiere Musik und nicht um Äusserlichkeiten drehen – eine Idee, mit der sich vor allem der DJ Antoine etwas schwertut: Nachdem ihn sein Drehstuhl ins Sichtfeld der ersten Kandidatin geschleudert hat, sind seine ersten gestammelten Worte: «Du bist blond, wunderschön wie ein Engel – irgendwie englisch».

Was die Jury auch nicht so recht verstanden hat, ist, dass sich die Sendung eigentlich nur am Rande um sie selber drehen sollte. Doch weil das Musikerleben in der Schweiz eben kein leichtes ist, und sich eher selten im Fokus von Fernsehkameras abspielt, nützt die Fünferschaft jede sich bietende Gelegenheit, um auf die Bühne zu stürmen: Noah Veraguth überredet einen Kandidaten, als Zugabe ein Lied aus seinem Songkatalog zu singen, Anna Rossinelli gesangsduelliert sich bald mit dem blonden Engel im Bühnenrund. Und in der wohl miserabelst geheuchelten Fake-Spontanhandlung seit Erfindung des Farbfernsehens volkstümeln Trauffer, Gölä und DJ Antoine den Gassenhauer «Ma Chérie» in einem Vollplayback-Jam ins Auditorium.

Vollplaypack-Jam-Band: Trauffer, DJ Antoine und Gölä. Foto: 3+

Unter dem singenden Personal, das bei der Jury vorstellig wird, finden sich immerhin ein paar bemerkenswerte Exponenten: Da wäre einmal der Axel, ein unter ausschweifendem Selbstbewusstsein leidender Jazzschüler, der mit Sex punkten möchte (und deshalb nicht ganz überraschend bei DJ Antoine landet). Da ist die sonderbare Metal-Shouterin Jacky, die Gölä als «Urgesteinrocker» empfindet, «Highway to Hell» singt, wenn es ihr schlecht geht und als erste Amtshandlung ein kunterbuntes Plüschtier vor sich auf die Bühne stellt.

Und dann ist da noch der bemitleidenswerte Kubaner Raffael. Er soll in seiner früheren Heimat bereits ein Star gewesen sein und gedenkt nun, seine Karriere mit einer Karaoke-Version von «Despacito» neu zu lancieren. Bald wird gewahr, dass ihm in der Schweiz hartes Brot aufgetischt wird: Die einzigen, die sich für ihn umdrehen, sind die Büetzer Buebe, und bald wird er auf offener Bühne von Trauffer und DJ Antoine hüftbetont angetanzt. Nach diesem Kulturschock ist sein Lächeln etwas gequält.

Überraschung! Max Loong im Spital. Foto: 3+

Moderiert wird die Sendung übrigens von Max Loong und Christa Rigozzi – doch die sind in der Vorrunde noch zu Nebenrollen verknurrt: Loong überrascht mit schlecht versteckter Kamera Pflegefrauen in Spitälern, Rigozzi übt sich im Backstage in der hohen Kunst des Mitfieberns. Das kann sie gut.

Ob dieses Format tatsächlich neue Talente in die Musikverwertungskette schleust, ist fraglich. Nicole Bernegger, die erste von zwei Schweizer «The Voice»-Gewinnerinnen, hat sich kürzlich aus allen Verträgen gelöst und beginnt ihre Karriere wieder von vorne. Tiziana Gulino ist im Musical-Milieu gelandet und nur noch eingefleischten Castingshow-Bewunderern ein Begriff. Wenn es so weiter geht, muss man sich zumindest um die Karrieren der Jury-Mitglieder keine Sorgen machen.

Erstellt: 27.01.2020, 23:01 Uhr

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