TV-Kritik

Und jetzt bitte abtreten

Wenn die Konkurrentin jung, blond und selbstsicher ist, kann man schon mal Selbstzweifel kriegen. So erging es im neusten «Tatort» Oldie-Kommissarin Odenthal.

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In Ludwigshafen war Kommissar Mario Kopper im Urlaub, ersetzt wurde er von einer Polizistin. Koppers Kollegin, Lena Odenthal, hatte daran wenig Freude. Die Neue war ihr Gegenteil: Jung, selbstsicher, blond, verheiratet. Am Tatort, wo ein toter Architekt mit einer Champagnerflasche im Allerwertesten gefunden wurde, übernahm der Jungspund das Ruder.

Auf dem Weg zum Hauptquartier erlitt Odenthal prompt eine Panikattacke. War das die eine Leiche zu viel? Hatte sie Angst vor der eigenen Vergänglichkeit? Da half nur noch ein Drink. «Jetzt red doch nicht von Erfahrung. Das heisst doch nur, dass wir alt sind», sagte sie zum Barkeeper, als dieser sie trösten wollte. Dann wurden ihre existenzialistischen Zweifel konkret: «Meine grösste Angst ist, dass ich allein zu Hause sterbe und dass mich niemand findet und dass meine Katze nach ein paar Tagen, wenn das Katzenfutter aufgebraucht ist, anfängt, mich aufzufressen.»

Es war also einer jener «Tatorte», wo der Kriminalfall Nebensache ist und stattdessen im Innenleben eines Polizisten ermittelt wird. Oft scheitern diese Filme, weil die Drehbuchautoren das Publikumsinteresse an Privatleben und Psyche der Protagonisten überschätzen. Wen kümmert es, ob ein Kommissar Bindungsängste hat, weil ihm als Kind in der Badewanne das Gummientchen weggenommen wurde? Gebt uns eine Leiche und einen Täter!

Kalter Ton

Diesmal hatte die Psychologiestunde eine gewisse biografische Berechtigung. Seit 25 Jahren ermittelt Odenthal im «Tatort». Ulrike Folkerts, die Odenthal spielt, ist 53. Einst als Power-Frau angetreten, hat ihr Ruf bei den Zuschauern gelitten. Seit Jahren wankt die Polizistin wie auf Beruhigungspillen durch die Filme. Nun hat sie zumindest einen Grund für diese Schläfrigkeit - sie leidet offenbar unter Überarbeitung und ständiger Erreichbarkeit. Sie schlief schlecht, beging während der Ermittlungen Fehler, es schwindelte ihr regelmässig und einmal kippte sie gar ganz aus den Latschen.

In der Folge kriegte nicht nur die junge Kollegin ihre Verunsicherung zu spüren. Der Witwe des Architekten unterstellte sie Naivität und listete in kaltem Ton sämtliche Affären auf, die ihr Mann hatte. Dass die Frau danach einen Selbstmordversuch unternahm, schien Odenthal ebenfalls egal zu sein. Vielleicht weil sie selber an Suizid dachte. Jedenfalls starrte sie immer wieder mit leerem Blick von Brücken herunter.

Der irrlichternden Lena Odenthal sah man gerne zu, aber längerfristig lässt sich die Figur mit einem Burnout kaum retten. Freudig vernahm man deshalb folgende Anspielung der jungen Blondinen-Polizistin: «Was war das für ein Drama, bis meine Grossmutter eingesehen hat, dass sie mit dem Skilaufen aufhören muss!» Zwar hat sie Oldie Odenthal wohl bloss zur Entschleunigung raten wollen. Doch wir blenden das aus und deuten es so: Die ausgebrannte Kommissarin tritt demnächst ab. So gesehen, wars ein wirklich guter «Tatort». 

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.10.2014, 08:00 Uhr

Kritik, Rating, Diskussion

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