«Unsere Zuschauer sterben nicht aus»

Die «Tagesschau» ist 60 Jahre alt – Redaktionsleiter Urs Leuthard gibt ihr noch viele Jahre.

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Urs Leuthard, die «Tagesschau» hat kürzlich ihren sechzigsten Geburtstag gefeiert. Wir Menschen werden mit 65 Jahren pensioniert. Ist die «Tagesschau» nicht allmählich reif für ihre Pensionierung?
Nein. Es gibt bestimmte Dinge, die nicht pensioniert werden müssen. Und dazu gehört die «Tagesschau». Ich bin überzeugt davon, dass es die «Tagesschau» auch in 60 Jahren noch gibt.

Wer wird denn die «Tagesschau» in 60 Jahren noch sehen wollen?
Das ist eine gute Frage (lacht). Nun sind wir im Bereich des Spekulativen angelangt ... Wenn ich wüsste, wie die Fernsehlandschaft in zehn Jahren aussehen wird, könnte ich viel Geld verdienen.

Die «Tagesschau» ist keine Jugendsendung. Das Publikum ist überaltert. Wenn es wegstirbt, sendet die «Tagesschau» ins Leere.
Die «Tagesschau»-Zuschauer sterben nicht aus, das Publikum wächst nach. Auch wenn sich die Medienlandschaft radikal verändern sollte, wird das traditionelle Format «Tagesschau» noch lange bestehen bleiben. Aber es wird ein Parallel­angebot geben. Derzeit sind wir noch die Programmmacher – künftig werden sich immer mehr Zuschauer ihre eigene «Tagesschau» zusammenstellen. Sie werden selbst bestimmen, wann sie die Nachrichten konsumieren, was, wo und wie lange. Ich glaube nicht, dass das eine das andere ablösen wird. Aber wir sind natürlich gefordert: Wir müssen die Inhalte zur Verfügung stellen, aus denen die Interessierten auswählen können. Irgendwann werden wir unsere Beiträge bereitstellen, sobald sie fertiggestellt sind, also zum Beispiel schon nachmittags um drei Uhr. Wir werden sie dann um 19.30 Uhr gebündelt ausstrahlen.

Auf der Homepage von SRF?
Das weiss ich noch nicht. Vielleicht wird es auch spezielle Fernsehportale geben. Das ist Zukunftsmusik.

Wenn alles schon auf dem Netz ist – wer braucht dann die traditionelle «Tagesschau» noch?
Nicht nur die Rentner. Sie wird auch bei den Jungen ein Publikum haben. Wir bieten Orientierung. Wir fungieren mit unserer professionellen journalistischen Sicht als Gatekeeper, wir wählen aus der Nachrichtenflut aus, was wir aktuell, relevant und interessant finden.

Die «Tagesschau» als Gatekeeper. Das ist doch genau das, was auch jedes Newsportal macht.
Wir haben entscheidende Vorteile: Wir müssen nicht die Schnellsten sein, das erwartet niemand. Dafür sollten wir die Besten sein. Wir sind eine Marke, die eine enorm hohe Glaubwürdigkeit hat. Wir haben nicht nur die Möglichkeiten, die News abzubilden, wir können auch Hintergrundinformationen und Analysen dazu liefern. Unser Korrespondentennetz wurde nicht abgebaut, wir haben es in den letzten Jahren ausgebaut. Deshalb glaube ich, dass wir ein besserer Gatekeeper sind als andere Newsportale.

Warum experimentiert man nicht mit komplett neuen, zeitgemässeren Formen der «Tagesschau»?
Wir entwickeln uns, indem wir mehr Vertiefung, mehr Orientierung, mehr Schwerpunkte anbieten. Aber eine radikal andere «Tagesschau»? Das wollen unsere Zuschauer nicht. Und da geben uns auch die zuletzt wieder gestiegenen Marktanteile recht.

Müsste in einer Zeit, in der man Nachrichtenschnipsel über den ganzen Tag konsumiert, die «Tagesschau» nicht viel mehr Hintergrund liefern und mehr Schwerpunktsendungen machen?
Wir haben heute mehr Schwerpunkte als vor fünf Jahren. Aber es gibt Grenzen: Wir haben bei einem Marktanteil von ungefähr 50 Prozent auch den Auftrag, eine gewisse Breite zu pflegen.

Wer schaut sich eigentlich aktuell die «Tagesschau» noch an?
Das Durchschnittsalter unserer Zuschauer liegt bei zirka 60 Jahren, sie kommen aus allen sozialen Schichten. Wir haben etwa gleich viel Publikum in den Städten wie auf dem Land, etwas mehr als die Hälfte ist männlich.

Also ein sehr gemischtes Publikum –abgesehen vom Alter. Wie könnten Sie mehr junges Publikum anlocken?
Ich fände es spannend, herauszufinden, wie unsere Sendung bei der Jugend mehr Anklang finden könnte. Es würde wohl bedeuten: Einen stärkeren Einbezug von Social Media, eine andere Bildsprache, ein Themenmix, der jungen Leuten gefällt. Aber machen wir uns nichts vor, damit käme man nicht zu hohen Quoten! Wir haben ja vor zwei Jahren die Sendung «Treffpunkt Bundesplatz» gemacht. Wir arbeiteten konsequent trimedial und setzten stark auf Social Media. Da haben wir gemerkt, dass der Altersdurchschnitt sofort abgenommen hat.

Wäre das nicht die Richtung, in welche die Entwicklung langfristig gehen sollte, um die «Tagesschau» nicht doch in Pension zu schicken?
Gut möglich. Aber auch wir sind finanziell unter Druck, und das ganz grosse Publikum erreicht man damit nicht.

2001 zählte die «Tagesschau» durchschnittlich 1 045 000 Zuschauer, heute sind es noch 647 000. Wenn das so weitergeht, schaut in zwei Jahrzehnten niemand mehr «Tagesschau».
Wenn ich nochmals auf die beiden Angebote zurückkommen darf – der Zuschauer als Programmmacher und die traditionelle Sendung – dann wird letztere natürlich darunter leiden. Aber noch haben wir einen Marktanteil von 50 Prozent. In den letzten Monaten lag er sogar etwas höher.

Und das ist wirklich genug? Sollte die «Tagesschau» als Medium mit verfassungsrechtlichem Auftrag, zur Meinungsbildung der Bevölkerung beizutragen, nicht mehr ansprechen?
Wenn wir die Zahlen anderer öffentlich-rechtlicher Sender anschauen, sind wir zufrieden. Klar wäre es schön, noch mehr Publikum zu haben ...

Im Vergleich zu deutschen Nachrichtensendungen wirken die Moderatoren in der Schweiz sehr brav. Warum arbeiten Sie nicht vermehrt mit Anchor Men oder Anchor Women?
Das tun wir. Unsere Moderatoren sind keine Nachrichtensprecher, sie sind Redaktoren, ihre journalistische Kompetenz ist absolut zentral. Darüber hinaus brauchen sie natürlich eine Auftrittskompetenz. Die Moderatoren sollen Glaubwürdigkeit ausstrahlen und sie müssen eine hohe Bildschirmpräsenz haben. Zudem ist es mir wichtig, dass die Leute fähig sind, zu improvisieren. Ich möchte, dass noch viel mehr Gespräche mit zugeschalteten Korrespondenten entstehen und es nicht beim Frage-Antwort-Spiel bleibt.

Wie wichtig ist für Sie die Eigenheit eines Moderators, durch die er Zuschauer an die Sendung binden kann?
Jede Moderationsperson muss ihre Persönlichkeit einbringen. Die einen polarisieren etwas mehr, die anderen weniger. Unsere aktuelle Mischung ist sehr gut. Franz Fischlin und Cornelia Boesch polarisieren kaum, was die Zuschauerreaktionen anbelangt. Florian Inhauser hingegen ist ein anderer Typ. Er polarisiert mehr und löst auch entsprechende Reaktionen aus – sowohl positive wie negative.

In anderen Nachrichtensendungen gibt es Kommentare. Klare politische Stellungnahmen könnten die Sendungen doch beleben. Warum enthält man sich bei der Schweizer «Tagesschau» des politischen Kommentars?
Ich bin wahnsinnig froh, dass das fehlt. Mich interessiert die persönliche Meinung des Journalisten XY nicht. Als öffentliches Fernsehen haben wir eine andere Funktion als Zeitungen, wir sollten nicht kommentieren.

Wir wissen ja, dass es keinen objektiven Journalismus gibt. Wäre es nicht ehrlicher, Sie würden das deutlich machen?
Es gibt keine totale Objektivität, klar. Die sechs Jahre bei der «Arena» haben mich aber geprägt: Natürlich habe ich eine politische Meinung, wenn es mir jedoch nicht gelingt, eineinhalb Stunden pro Woche neutral zu sein und allen dieselbe Möglichkeit zuzugestehen, ihre Argumente vorzubringen, dann habe ich meinen Job verfehlt. In dem Sinne glaube ich schon, dass eine objektivierte Haltung möglich ist. Und das verlange ich auch von meinen Leuten.

Und das klappt so gut, dass Sie den Vorwurf mangelnder Objektivität nie hören?
Doch, den hören wir schon. Der Syrien-Krieg ist ein gutes Beispiel. Wir erhalten viele Zuschriften von Leuten, die denken, dass wir auf der Seite der Amerikaner sind. Sie wollen uns klarmachen, dass die Amerikaner die wirklichen Terroristen sind, und wir endlich damit aufhören sollten, Assad zu kritisieren. Der mache ja nichts anderes, als gegen die Terroristen im eigenen Land vorzugehen. Das wäre dann für sie objektiv.

Erstellt: 02.10.2013, 13:26 Uhr

Urs Leuthard: Redaktionsleiter der Tagesschau des Schweizer Fernsehens. (Bild: SRF)

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