Von allen guten Geistern verlassen

Der neuste «Tatort» machte auf Horrorfilm. Konnte das gut gehen?

«Der Exorzist» im «Tatort»: Kommissar Brix' Wohnpartnerin Fanny (Zazie de Paris) ist von einem Dämonen besessen.

«Der Exorzist» im «Tatort»: Kommissar Brix' Wohnpartnerin Fanny (Zazie de Paris) ist von einem Dämonen besessen.

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Eine nächtliche Strasse, der Wind heult und ein alter Mann taucht aus dem wabernden Nebel auf. Eine OFF-Stimme fragt, ob man an Geister glaube, dann der Filmtitel in blutroten Lettern: «Fürchte dich». Was ist denn hier los, hat sich die «Tatort»-Community beim gestrigen Filmauftakt sicher gefragt. Wurde aus Versehen ein alter Edgar-Wallace-Film aufgeschaltet? Nein, es ist Halloween-Zeit, deshalb kam der Krimi aus Frankfurt als Schauermär daher.

Der Mann im Nebel war auf dem Weg zum Haus von Kommissar Brix, wo er Brix’ Wohnpartnerin Fanny im Schlaf überraschte und versuchte, das Haus in Brand zu setzen. Weil er dabei einen Schwächeanfall erlitt, misslang das Vorhaben, aber dem herbeigeeilten Brix entging nicht, dass der Alte mit unheilvollem Blick den Dachstock fixierte. Dort entdeckte Brix denn auch ein Mädchenskelett aus den 50er-Jahren. Zusammen mit der Enkelin des Alten fand er heraus, dass seine Bleibe ein ehemaliges Waisenhaus ist, wo die Heimleiterin durch einen Streich der Waisen ums Leben gekommen war. 50 Jahre später kehrte sie nun als zombiesker Geist zurück, weil sie mit den Lebenden noch eine Rechnung offen hatte.

Die Rächerin aus dem Totenreich war nicht das einzige paranormale Phänomen in diesem «Tatort». Telefone entwickelten Eigenleben, Tarotkarten verkündeten Verderben und Fanny machte einen auf «Exorzist»: Wie im Horrorfilmklassiker verwandelte sich ihr Gesicht in eine Fratze, aus dem Mund kamen mit verformter Stimme Verwünschungen und Flüche.

Der Hessische Rundfunk, der die Frankfurt-«Tatorte» produziert, ist für seine gelungenen filmischen Experimente bekannt, etwa der Italo-Western «Im Schmerz geboren» oder der Film-im-Film «Wer bin ich?». Hier zahlte sich der Wagemut nicht aus. Wer noch nie einen Horrorfilm gesehen hat - und das sind im Primetime-Publikum viele - war von den Schockmomenten wohl überfordert. Für Horrorfans wiederum war «Fürchte dich» nicht zum Fürchten, sondern ein kruder Mix aus Versatzteilen ihres Lieblingsgenres. Wie in japanischen Horrorfilmen flirtete Regisseur Andy Fetscher ein bisschen mit dem Kontrast zwischen Geisterglauben und dem hochtechnisierten Alltag. Und von den US-Horrorfilmen wurden ikonische Einstellungen wie die perspektivisch gefilmte Kellertreppe und das obligatorische Happy-End geklaut: Das Bösewird vertrieben, die Ordnung ist wieder hergestellt.

Dazu kam der tatort-typische Zwang, eine Handlung zu generieren, die eine sozialkritische Haltung hat. Das wahre Monster, das am Ende gebodigt wurde, war nämlich weder die besessene Fanny noch die Zombie-Heimleiterin. Sondern ein bünzliger Bürgermeister, der die Taten seines pädophilen Vaters zu vertuschen versuchte, der im Waisenheim Arzt war. Der angekündigte «Albtraum»-Krimi war so bestenfalls ein öffentlich-rechtlicher Halloweenplausch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.10.2017, 21:40 Uhr

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