TV-Kritik

Wannenmachers «Kulturplatz» platzt aus allen Nähten

Gestern Abend war die Premiere des neuen «Kulturplatz». Eine kürzere Sendung, die inhaltlich überladen wirkte.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit Plätzen haben die Schweizer ihre liebe Mühe. Im Ausland bewundern sie die grossen, freien Flächen in den Städten. Doch sobald in ihrem eigenen Land ein leerer Raum entsteht, packt sie der Horror Vacui – die Scheu vor der Leere –, und sie füllen ihn wieder mit viel Schnickschnack auf. So geschehen in der prächtigen Bahnhofshalle in Zürich, die immer wieder für Veranstaltungen herhalten muss und viel zu selten ihre schlichte Grösse ausstrahlen darf.

Ähnlich erging es auch dem neuen «Kulturplatz» im Schweizer Fernsehen. Nachdem die SRF-Verantwortlichen die alte Sendung leer geräumt hatten und an einen prominenteren Ausstrahlungsort gleich nach «10vor10» gerückt hatten, durfte man gespannt sein, was die Redaktion mit dem freien Platz machen würde.

«Höher hinaus?»

Doch es packte sie nach alter Schweizer Manier bloss der Horror Vacui: Sie stellte die kürzere Sendezeit mit derart vielen Inhalten voll, dass der Zuschauer am Schluss erschlagen von der Fülle des Gezeigten vor dem Fernseher sass und mehr gesehen zu haben glaubte als im alten «Kulturplatz», der einige Minuten länger dauerte. Gut ausgenutzte Sendezeit, könnte man da sagen. Aber weniger wäre mehr gewesen – gerade bei kulturellen Themen.

Dass einem der neue «Kulturplatz» überladen erschien, hat viel mit dem neuen Konzept zu tun. Die Sendung wird nämlich nicht mehr im Studio aufgezeichnet, sondern an einem attraktiven kulturellen Schauplatz. Das hat zur Folge, dass die Zeit zwischen den anspruchsvollen Beiträgen auch noch mit Inhalten gefüllt wird, nämlich mit Berichten über diesen Ort.

In der gestrigen Ausgabe führte die Moderationsrückkehrerin Eva Wannenmacher durch den Prime Tower in Zürich, das zurzeit höchste Gebäude in der Schweiz. Sie stand in der Garage und auf dem Dach, wo sie die grandiose Aussicht lobte. Doch der Zuschauer sah vor allem Dach.

In den Zwischenstockwerken führte sie ein belangloses Kurzinterview mit den Architekten Annette Gigon und Mike Guyer («126 Meter ist der Prime Tower hoch, wären Sie gerne noch ein bisschen höher hinaus?») und zeigte die über acht Etagen verteilte Kunstsammlung einer anonym bleiben wollenden Anwaltskanzlei.

Der Kameramann als Künstler

«Es sieht so aus, als wäre der autonome Block von Zürich zu Besuch gewesen», frotzelte Wannenmacher über eine Wandmalerei der deutschen Künstlerin Katharina Grosse. Und am Schluss sagte sie nicht minder flapsig: «Das ist Kunst, die Sie nie mehr zu Gesicht bekommen, es sei denn, Sie investieren in eine juristische Beratung – das Budget einer Ferienwoche am Mittelmeer.» Da haben wir aber Glück gehabt!

Eben nicht, denn von den gefilmten Kunstwerken war reichlich wenig zu sehen, weil sich der Kameramann selber als Künstler verstand – da eine Unschärfe, dort ein Zoom, hier ein schneller Schnitt oder eine Aufnahme aus einem kuriosen Winkel. Wer einzelne Bildschnipsel erhaschen konnte, musste schon selber wissen, was er sah, weil die Malereien und Skulpturen nicht benannt wurden.

So viel zu den Beiträgen zwischen den Beiträgen. Ach ja, die gab es ja auch noch. Und die waren wie immer von ordentlicher Qualität: Mit dem Schweizer Autor Charles Lewinsky ging man nach Theresienstadt zum Schauplatz seines neuen Romans, mit der Schriftstellerin Charlotte Roche ergötzte man sich an Obszönitäten, mit dem Fotografen Jos Schmid hielt man Gletscher mittels Daguerreotypie fest und mit der ägyptischen Theaterregisseurin Laila Soliman, die ans Theater Spektakel kommt, erlebte man die Revolution hautnah mit. Spannende, aktuelle Beiträge.

Bleibt zu hoffen, dass die Beiträge von nächster Woche, wenn der «Kulturplatz» aus der Fondation Beyeler in Riehen BS kommt, mehr Freiraum bekommen und nicht auch beinahe vom Rahmenprogramm erdrückt werden.

Erstellt: 25.08.2011, 10:12 Uhr

Artikel zum Thema

«Bauchentscheide verursachen auch mal Bauchschmerzen»

Interview Eva Wannenmacher ist bekannt für überraschende Jobwechsel. Im Interview spricht sie über gewagte Entscheide und sagt, warum sie bei der neuen Langstrassen-Doku manchmal lieber weggeschaut hätte. Mehr...

Eva Wannenmacher zurück bei «Kulturplatz»

Überraschende Rückkehr: Die langjährige «Kulturplatz»-Moderatorin Eva Wannenmacher moderiert neu die Sendung und löst Nicole Salathé ab. Im Januar hatte Wannenmacher ihren Rücktritt erklärt. Mehr...

Eva Wannenmacher verlässt SF

Eva Wannenmacher kehrt nach ihrer Babypause vorerst nicht auf den Bildschirm zurück. Die «Kulturplatz»-Moderatorin verlässt das Schweizer Fernsehen auf eigenen Wunsch. Mehr...

Dossiers

Kommentare

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...