Warum die SRG die TV-Kosten erst jetzt offenlegt

Es geht der SRG bei der Kostenoffenlegung nicht um Transparenz. Sie will vorab ihre Pfründen verteidigen.

So viel kosten die besten SRF-Sendungen. (Video: TA/lko)
Video: SRF

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Plötzlich geht es schnell. Gestern hat die SRG auf der SRF-Homepage eine Liste publiziert, auf die die Schweiz lange gewartet hat. Sie zeigt, wie teuer einzelne TV-Formate den Gebührenzahler zu stehen kommen. Dabei hatte Ladina Heimgartner, die junge Direktorin von Radiotelevisiun Svizra Rumantscha, den revolutionären Schritt erst Mitte Juni in der SRF-Diskussionssendung «Arena» angekündigt.

In nur vier Monaten hat die SRG nun also realisiert, was sie zuvor über Jahre hinweg als Ding der Unmöglichkeit bezeichnet und selbstherrlich vom Tisch gewischt hatte. Mit den stets gleichen Argumenten sperrte sich der Medienkoloss in der Vergangenheit gegen die von Politik und Medien immer und immer wieder geforderte Kostentransparenz: Die SRG könne beim besten Willen keine genauen Zahlen nennen, hiess es jeweils – zu komplex sei deren Berechnung, zu schwierig deren Erklärung, zu gross der Wettbewerbsnachteil, den ihre Bekanntgabe brächte.

Mehr als faule Ausreden waren das nie. Schliesslich machen die öffentlich-rechtlichen Sender etwa in Deutschland, England oder Irland längst vor, dass es geht. Nun gibt es auch die SRG zu: Es fehlte bislang bloss am Willen. Die SRG-Chefetage hat ihre Meinung nicht wirklich freiwillig geändert. Veranlasst hat die Spitzkehre vielmehr der gewaltige Druck, unter dem das Unternehmen steht: Die «No Billag»-Initiative, deren Sammelfrist im Dezember abläuft, will der SRG den Geldhahn zudrehen. Im Parlament steht 2016 die heisse Service-public-Debatte an – und zahlreiche Vorstösse fordern bereits, die SRG organisatorisch und publizistisch einzuschränken. Im Jahr darauf muss ihre Konzession erneuert werden, in der auch der Leistungsauftrag neu festgeschrieben wird.

Haarscharf entgangen

Richtig brisant sind diese Geschäfte für die SRG freilich erst, seit sie sich im Juni erstmals in ihrer Geschichte vor dem Volk behaupten musste – und nur haarscharf einer empfindlichen Niederlage entging. Doch spätestens der unerwartet giftige Abstimmungskampf zum neuen Radio-und-TV-Gesetz offenbarte SRG-Generaldirektor Roger de Weck, dass er handeln muss. Seither unternimmt der Chefstratege alles dafür, seinen Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen und die gängige Kritik zu entkräften: Die SRG sei zu teuer, zu träge, zu intransparent. Schritt für Schritt baut de Weck ein cleveres Abwehrdispositiv auf, das den drohenden Abbau verhindern, die Pfründen sichern soll.

Clevere Taktik

Der noch im RTVG-Abstimmungskampf geheim eingefädelte Werbedeal mit Swisscom und Ringier ist dabei einer der Bausteine: Das Joint Venture schafft Fakten und stärkt die SRG, lange bevor sich die Politik mit ihrer künftigen Ausrichtung und dem Umfang des Service public befasst. Auch die Anfang Oktober selbst verordnete Diät ist Teil der Taktik: 40 Millionen Franken sollen gespart, 250 Stellen gestrichen, das Programm beschnitten werden, verkündete die SRG. Die Botschaft an Politik und Volk: Die Mittel sind knapp, doch Schuldenwirtschaft ist kein Thema, denn die SRG wird unternehmerisch geführt. Dabei ist es mehr als fraglich, ob überhaupt Kündigungen nötig sind und das Angebot für das Publikum spürbar reduziert werden muss.

Nur im Ansatz transparent

Im selben PR-Licht ist nun auch die gestrige Offenlegung der TV-Sendungskosten zu sehen. Sie simuliert einen Schritt auf die Kritiker zu, soll guten Willen demonstrieren. Doch mit der tatsächlich geschaffenen Transparenz ist es nicht allzu weit her.

So betreffen die Zahlen etwa nur ausgewählte Formate des Fernsehen und nur der Deutschschweiz. Sie geben dabei zwar einen Eindruck von den Grössenordnungen in den diversen Sparten. Zumindest annähernd waren diese aber bereits bekannt.

Bei der Information sind die Angaben so rudimentär, dass der Erkenntniswert minimal ist, solange unklar bleibt, was etwa umstrittene Sendungen wie «Glanz&Gloria» kosten. Mitunter sind die Zahlen gar irreführend. Bestes Beispiel: der Sport, bei dem die effektiven Produktionskosten verschleiert werden, indem die enorm teuren TV-Übertragungsrechte einfach ausgeklammert werden. Die so präsentierten Zahlen der SRG sind unvollständig, ungenau und mangels inhaltlicher Begründung frei interpretierbar. Zur notwendigen Versachlichung der Debatte um den Service public und die Leistungen der SRG werden sie damit kaum beitragen.

Erstellt: 22.10.2015, 09:12 Uhr

Das sagt das SRF

Frau Wenger, warum macht SRF die Sendungskosten öffentlich?

Andrea Wenger: Wir verstehen den Wunsch der Öffentlichkeit, zu wissen, wohin ihre Gebührengelder fliessen. Mit der Offenlegung der Kosten vieler Eigenproduktionen sind wir diesem Wunsch nachgekommen.

Weshalb geschieht das gerade jetzt?

Bei den Sendungskosten Transparenz herzustellen, haben wir im Frühjahr entschieden. Die Aufbereitung der Daten hat etwas Zeit in Anspruch genommen, da es sich um ein sehr komplexes Thema handelt.

Wie wurden die Sendungen ausgewählt, von denen die Kosten kommuniziert wurden?

Wir haben einen Grossteil des Strukturprogramms im Fernsehen ausgewiesen, das während zehn Monaten im Jahr läuft.

Nicht ausgewiesen sind die Gesamtkosten pro Bereich.

Diese Zahlen kann ich nicht angeben. In einem ersten Schritt haben wir die Kosten eines Grossteils unserer TV-Produktionen offengelegt. Wir werden laufend prüfen, wie die Kostentransparenz weiterentwickelt werden kann.

Interview: fs

Das sagen die anderen

Das Schweizer Fernsehen legt die die Kosten seiner Sendungen zumindest teilweise offen. Darüber ist die «Aktion Medienfreiheit» erfreut.

Die Vereinigung, die von SVP-Nationalrätin Natalie Rickli und FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen präsidiert wird, schreibt in einer Medienmitteilung, Kostentransparenz sei eine wichtige Voraussetzung für die Diskussion über den Service public. «Wer über 1,2 Milliarden Franken öffentliche Gelder bezieht, muss über deren Verwendung Rechenschaft ablegen.»

Die gestern veröffentlichten Zahlen seien ein Schritt in die richtige Richtung – «auch wenn die angeführten pauschalen Kostenschätzungen nicht überall gleich aussagekräftig und wenig übersichtlich dargestellt sind». Der Nationalrat hatte im September eine Motion Wasserfallens zum Thema überwiesen.?

Titel: «Kostentransparenz schaffen und Kosteneffizienz steigern». Die SRF-Zahlen lösten gestern auch auf den sozialen Medien Reaktionen aus. «Selbst die günstigsten SRF-Sendungen sind drei- bis viermal teurer als vergleichbare TeleZüri-Sendungen und erreichen etwa gleich viele Zuschauer», schrieb TeleZüri-Journalist Oliver Steffen auf Twitter.

Und Comparis-Krankenkassenexperte Felix Schneuwly liess über denselben Kanal verlauten: «Krass: 1 Tatort = 150 Schawinskis? Kein Wunder, Schawinskis Statisten kriegen kaum Schmerzensgeld.»fs

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...