Weibliche Figuren, wie es sie in der Popkultur kaum gibt

Queere Protagonistinnen in einem Agententhriller: «Killing Eve» meistert das scheinbar Unmögliche – ohne dabei in Klischees zu verfallen.

Villanelle (Jodie Comer) und Eve Polastri (Sandra Oh) jagen einander.

Villanelle (Jodie Comer) und Eve Polastri (Sandra Oh) jagen einander. Bild: BBC America

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Die Klinge des Messers bohrt sich schon in die Haut, Eve Polastri (Sandra Oh) ist der Killerin Villanelle (Jodie Comer) hilflos ausgeliefert. Doch anstatt zuzustechen, beugt die sich über den Hals der Ermittlerin und atmet den Duft ihres Parfüms ein. Des Parfüms, das sie ihr zuvor geschickt hatte. Es scheint wie eine Szene, wie sie in vielen Serien oder Filmen zu sehen ist, wenn mit homoerotischem Subtext die Zuschauer geködert werden sollen – «Queerbaiting» nennt man das. Nicht so in «Killing Eve». Hier ist die Homoerotik nicht versteckt, sondern offengelegt. Villanelle ist bisexuell, sie zelebriert ihre Vorliebe für Frauen – und zwar ganz abseits von Klischees.

Wenn lesbische Frauen in Filmen und Serien sonst morden, müssen sie das in aller Regel als «pathologische Killerlesbe» tun: Eine in einer lesbischen Partnerschaft lebende Frau entscheidet sich (eher überraschend) doch für einen Mann, woraufhin die Ex durchdreht und zur psychopathischen Mörderin wird. Das kennt man aus Filmen wie «Basic Instinct» oder Serien wie Tatort und NCIS.

Dass sich dieses Klischee bis heute hält, und immer noch die dominierende Darstellung lesbischer Figuren im Fernsehen ist, ärgert die Kommunikationswissenschaftlerin und Journalistin Elke Amberg. Sie hat in der Studie «Schön! Stark! Frei! Wie Lesben in der Presse (nicht) dargestellt werden» die Sichtbarkeit von homosexuellen Frauen in den Medien untersucht. Aus ihren Ergebnissen folgert sie die Forderung nach mehr Diversität - in der Berichterstattung und für Serien-Charaktere.

Denn dass gerade lesbische und bisexuelle Liebe in Filmen und Serien unterrepräsentiert ist, zeigen Studien wie der amerikanische CARD Report der Annenberg School of Journalism and Communication der University of South California. Er untersuchte im Jahr 2014 insgesamt 414 Filme und Fernsehserien auf Diversität und Inklusivität. Von den 11 194 Charakteren mit erkennbar dargestellter Sexualität waren nur 158 schwul, 49 lesbisch und gerade mal 17 bisexuell.

Queerness ja, aber nicht als einziges Merkmal

«Killing Eve» ist hier ein kleiner Lichtblick: ein Agententhriller, der mit den Motiven des Genres spielt und so seine Konventionen bricht. Es gibt viele Gründe, die Serie überschwänglich zu loben: wegen der überraschenden, oft sarkastischen Dialoge und dem punktgenauen Timing, mit dem die Darstellerinnen sie abliefern. Wegen der Kamera, die den Protagonistinnen so nahekommt, dass eine fast schon überzeichnete Intimität entsteht. Wegen ihres Tempos. Wegen des Soundtracks und der Ausstattung, die zwischen Grandeur (Villanelles Pariser Appartement) und Tristesse (das Londoner Quartier der Ermittlung) kein noch so winziges Detail vernachlässigt.

Doch die zentrale Leistung der Serie ist die Charakterzeichnung ihrer Protagonistinnen: Die Ermittlerin Eve scheint zunächst das Klischee des verkrachten Cops zu erfüllen, als sie an einem Samstag verkatert und viel zu spät in die MI5-Zentrale stolpert. Schnell wird aber klar, dass sie im Gegenteil organisiert und ordentlich ist, eine liebevolle, fast schon langweilige Beziehung führt und ihre Freizeit im Bridge-Club ihres Mannes verbringt.

Die Sexualität vieler Figuren entspricht nicht der heterosexuellen Norm. Neben Villanelle ist da etwa Eves Kollege Bill. Der hat hat eine schwule Seite, die er nicht als Widerspruch zur Ehe mit der Mutter seines Kindes missverstanden wissen will. Obwohl offen thematisiert, ist die Queerness der Figuren allerdings nie das bestimmende Charaktermerkmal oder die Handlungsmotivation der Figuren.

Auftragskillerin mit Flair: Villanelle (Jodie Comer) zelebriert selbstbewusst ihre Weiblichkeit - und ihre Vorliebe für Frauen. Foto: BBC America

Ein wichtiger Schritt hin zur gleichberechtigten Darstellung von Homosexuellen, findet die Kommunikationswissenschaftlerin Amberg. Um Klischees zu entkommen, müssten Figuren realistisch charakterisiert werden, sagt sie. In «Killing Eve» funktioniert das über Ambivalenz. Es ist zwar die attraktive Mörderin, die am offensten ihre queere Sexualität auslebt. Ausserdem mordet sie aus einer veritablen, nicht weiter erklärten Lust am Töten heraus, ohne dafür mit einer moralisierenden Backstory als Rechtfertigung ausgestattet zu sein. Dazu ist sie aber auch schrullig, launisch und sarkastisch. Und manchmal fast kindlich – etwa wenn sie ihrem Kontaktmann Konstantin kleine Streiche spielt, ihm ein Geburtstagsfest mit opulenter Torte und einer Wohnung voller Luftballons ausrichtet und sich mit angeklebtem Bart und Jeansjacke als sein Doppelgänger kostümiert.

Villanelle ist damit eine weibliche Figur, die es in der Popkultur so bisher nicht gab: eine böse, zynische Psychopathin, vergleichbar am ehesten mit Hannibal Lecter. Und wie bei Lecter hegt der Zuschauer für sie eine Faszination und Sympathie, obwohl der moralische Kompass eigentlich eine andere Richtung vorgibt. Die Kulturwissenschaftlerin Sabrina Eisele beschreibt solche Charaktere in ihrem gleichnamigen Buch als «entgrenzte Figuren des Bösen». Bisher waren die aber eben vorwiegend männlich. «Wenn Frauen etwas Böses tun, wird das im Regelfall als Racheakt dargestellt», meint Eisele. «Das wird sich nach und nach in unserer Filmkultur ändern, da sich auch das Frauenbild wandelt.»

Dass die Frauenfiguren in «Killing Eve» derart vielschichtig sind, dürfte auch am Team liegen, das für BBC America den Roman «Codename Villanelle» des Briten Luke Jennings adaptiert hat. Es ist grossteils weiblich. Die Chef-Autorin und Showrunnerin Phoebe Waller-Bridge legte die Serie bewusst als «weibliche Erzählung» an. Produziert wurde sie unter anderem von Sally Woodward Gentle und der Hauptdarstellerin Sandra Oh.

Das zeigt, dass es für eine realistischere Darstellung von Vielfalt in der Fiktion auch einer Vielfalt hinter den Kulissen bedarf. Nur so können hartnäckige Klischees – wie das der Killerlesbe – irgendwann endgültig besiegt werden. Bis dahin ist «Killing Eve» die wahrscheinlich fortschrittlichste Repräsentation von Queerness im Krimi-Genre.

«Killing Eve» läuft auf dem Amazon Prime Kanal Starzplay.

Erstellt: 04.03.2019, 16:55 Uhr

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