Weltrettung zuerst – dann Hausaufgaben

Engagiert bis zum Umfallen: SRF porträtierte Schweizer Klima-Aktivistinnen.

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Da sitzen sie nun, groggy und glücklich. Die Demo ist gerade zu Ende gegangen. Sie müssten schauen, sagt Fanny im Tram zu Jonas, dass sie sich kein Burnout einhandelten. Jonas sagt «Jaja, ist gut», tippt weiter aufs Tablet. Eine Pressemitteilung muss noch raus. Hier der Wunsch nach schöner Freizeit, dort die Notwendigkeit, die Welt zu retten – was für ein absurder Kontrast. Jonas lacht, tippt dann weiter.

Fröhlicher wurde der SRF-Dok «Klimastreik» nicht mehr. Er zeigte Teenager, die sich fürs Klima engagieren, jeden Tag und stundenlang. Keine Zivilisations-Aussteiger, die in Baumhütten gammeln und Thoreau lesen. Sondern fleissige Schülerinnen und Schüler kurz vor der Matura.

Die alten Slogans benutzt

Leicht haben sies nicht. Zur Verknappung der Freizeit kommt die Ahnung, dass es für die Rettung bereits zu spät sein könnte. Die Zumutung, sich mit Trollen und Hedonisten herumschlagen zu müssen. Der Anspruch, privat ein Vorbild sein zu wollen. «Ich hatte immer einen Sechser-Schnitt», sagt mal eine Aktivistin. «Warum heute nicht mehr?», fragt eine andere zurück. Antwort: Weil sie die Themen nicht mehr verstehe, weil sie keine Zeit mehr habe, weil sie gestresst sei.

Was der Film auch zeigte: Die Klimabewegung nutzt zwar Whatsapp und Laptop, gleicht ansonsten aber stark älteren Umweltschutzbewegungen. Workshops werden organisiert, Plakate gemalt, Slogans adaptiert. Früher rief man «Hopp, hopp, hopp, Atomraketen stopp». Heute ruft die Demo-Menge «Hopp, hopp, hopp, Klimawandel stopp».

Dass die Filmemacherinnen mit den Porträtierten sympathisieren, war schnell klar. Viel Raum für Parolen, auch für abgedroschene, dazu ein pumpend-euphorisierter Soundtrack. Ist ja auch nachvollziehbar: Das Engagement der Jugendlichen ist anerkannt dringlich, die Wissenschaft steht an ihrer Seite. Die Bewegung wirkt teils geradezu schockierend vernünftig. Nichts spricht dagegen, in hiesigen Kantinen nur noch einmal pro Woche Fleisch anzubieten, wie das ein Aktivist im Film vorschlägt. Und schwer ist dem Teenager Jonas zu widersprechen, wenn er sagt, Politiker verhielten sich in der Klimafrage wie Kinder.

Modus der Pauschal-Anklage

Etwas Skepsis hätte dem Film dennoch gutgetan. Erstarrt die Bewegung im Modus der rabiaten Pauschal-Anklage, nach dem Vorbild von Greta Thunberg? Warum schliesst sie sich nicht den Grünen an? Was halten die Jugendlichen von Leuthards Energiewende oder vom Atomstrom, der ja gerade vielen Bürgerlichen als neue alte Retterin gilt?

Kein Nachhaken zur merkwürdigen Tatsache, dass die Klimastreiks heute vor allem Schulrektoren in die Bredouille bringen – Schulrektoren, die im Film viel Verständnis für ihre Schüler zeigten? Und täuscht der Anschein, oder sind die Streiks und zumal deren Organisation bisher vor allem eine Angelegenheit der Gymnasiasten?

Diese Fragen lagen nahe, blieben aber ungestellt. Gross die Wahrscheinlichkeit, dass die Schülerinnen Antworten gewusst hätten, dass sie auch gern welche gegeben hätten. So aber wirkte dieser Film, der dem TV-Publikum die grimmig entschlossenen Teenager näherbringen wollte, als wolle er seine Protagonisten vor sich selber schützen. Als nähme er die Jungen nicht ganz ernst.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.03.2019, 08:23 Uhr

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