Wenn Weihnachtsmänner und Puppen Pädos jagen

Der Münchner «Tatort» ist nicht bloss ein Psychothriller, sondern gruselt sich zu moralischen und politischen Grundsatzfragen vor.

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Schon wieder ein Grusel-«Tatort» – denkt man erst genervt, als die Augen der Puppe im Dunkel aufglühen und ihr Mündchen sich öffnet. «Lena!», ruft sie, und das Mädchen tapst durch die schlafende Villa und macht dem Weihnachtsmann die Balkontür auf. Nächster Morgen: Lena liegt narkotisiert im Gartenzelt, die Eltern liegen im Haus in ihrem Blut. Und irgendwie hat das Massaker im schicken Münchner Viertel mit dem Suizid einer alten Dame in einem Wohnsilo zu tun.

Die in Ehren ergrauten bayrischen Kult-Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) kapieren bald, dass da ein selbst ernannter Rächer sexuell missbrauchter Kinder unterwegs ist, der mit Smart-Puppen operiert. Aber das Drehbuch von Michael Comtesse und Michael Proehl baut nicht bloss einen spannungsgeladenen Thriller rund um einen Psycho, der natürlich in der Kindheit selbst gequält wurde – toll: der junge Leonard Carow. Nein, in «Wir kriegen euch alle» darf man, zusammen mit den Figuren, grundsätzlich überlegen, ob schlimme Verbrechen schlimme Verbrechen rechtfertigen. Selbstjustiz glänzt kurzfristig als Kinderschutzmassnahme. Zur Erholung von solchen Abgründen reicht der Film witzige Kabbeleien zwischen den Ermittlern.

Maschinerie der Manipulation

Zudem bugsiert der finale Storydreh die Chose ins Politische. Es geht darum, wie die Ängste und Verzweiflungen der Menschen raffiniert bespielt werden; wie man ihnen Erlösungmythen so eintrichtert, dass sie dafür alle Normen brechen. Regisseur Sven Bohse hat sich besonders für diese Maschinerie der Manipulation interessiert, sagt er. Und er trickst auch den Zuschauer aus, wenn er einen ganzen Stall an – klischierten – Opfern präsentiert, die dann auf unterschiedliche Weisen zu Tätern werden.

Die melodramatische Story mit ihren diversen, überkandidelten Strängen hat ein gewisses Glaubwürdigkeitsproblem, verstärkt noch durch Bohses Faible für überklare Bilder: hier die Villenfassade, da der Plattenbau; hier der weisse, autoritäre Patriarch mit Trophy Wife, da die asiatische Nanny. Aber Bohses Lust an scharfkantiger Ästhetik spiegelt sich zum Glück auch im schönen Minimalismus bei Kameraführung und Farbgebung wider und in den harten Schnitten, die den Puls hochjagen – derweil moralische Zweifel wie unheimliche Nebelfetzen durch den Plot driften. Ein sehenswerter Sonntagskrimi.

Erstellt: 02.12.2018, 22:01 Uhr

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