«Wir haben einen Systemfehler»

SRF-Ökonomin Patrizia Laeri will mehr Frauen in der Spitzenwirtschaft, im Bundeshaus, auf Wikipedia.

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Warum braucht es «Frauen für Wikipedia»?
Ungefähr 85 Prozent der Biografien auf Wikipedia sind Männern gewidmet, 90 Prozent aller Einträge wurden von Männern verfasst. Nun ist Wikipedia aber nicht irgendeine Website, sondern die wichtigste Informationsseite der Welt. Wenn man jemanden googelt, erscheint zuerst der Wikipedia-Eintrag – oder eben nicht. Es geht mir darum, Frauen besser sichtbar zu machen. Ich will nicht jammern, sondern Einfluss nehmen.

Männer dominierten die Geschichte. Logisch, dass es mehr Männer-Einträge auf Wikipedia gibt.
Die Bedeutung der Frauen wurde und wird konsequent geschmälert. Wie sich dieser männliche Blick zeigt? Vor kurzem gabs auf Wikipedia mehr Einträge zu Pornodarstellerinnen als zu Schriftstellerinnen. Die Einträge zu den Frauen sind durchschnittlich kürzer, drehen sich öfters ums Private, ums Mutter- oder Ehefrau-Dasein. Da werden uralte Rollenbilder tradiert. Dazu kommt das Phänomen des elitären Hackens. So wollten männliche Wikipedia-Mitarbeiter Donna Strickland einen Eintrag verwehren. Ihre wissenschaftliche Arbeit sei zu wenig relevant. Donna Strickland ist, muss man wissen, Nobelpreisträgerin für Physik.

Welche Wikipedia-Einträge stammen von Ihnen? Welches wird Ihr nächster sein?
Das sage ich nicht. Aber es gibt schon einige Wirtschaftsfrauen, die es verdient hätten. Etwa jene, die es in die «Bilanz»-Bestenliste geschafft haben. Und wir werden versuchen, Dina Pomeranz wieder auf Wikipedia zu bringen. Unser Eintrag zur Schweizer Wirtschaftswissenschaftlerin wurde ja gelöscht. Zu wenig relevant, wurde uns gesagt. Das ist doch unglaublich.

Ihren eigenen Eintrag haben Sie aber nicht selber geschrieben, oder?
Nein. Und ich bin, ehrlich gesagt, auch nicht zufrieden mit ihm. (lacht) Er ist arg kurz. So könnte man etwa darauf hinweisen, dass ich als erste deutschsprachige TV-Journalistin in Nordkorea gewesen bin, unter anderem.

Sie kennen die hiesigen Wirtschaftsbosse, moderierten jüngst am WEF. Ist da die Dringlichkeit, Frauen gleichberechtigt zu behandeln – also nicht zuletzt gleichberechtigt zu bezahlen –, angekommen?
Gar nicht. Die Fortschritte sind gleich null. Schauen Sie sich die Zahlen an. In den grössten Unternehmen gibts praktisch keine Chefinnen, von den 100 grössten Schweizer Firmen haben gerade mal vier eine Verwaltungsratspräsidentin. «Frauenförderung», das bedeutet in der Schweizer Wirtschaft noch immer vor allem «Feigenblatt». Da wird viel Pinkwashing betrieben. So gibt es Firmen, die ständig irgendwelche Gender- und Inclusion-Anlässe veranstalten und zeitgleich #MeToo-Fälle haben. Allein schon wegen #MeToo würde es sich übrigens lohnen, mehr Frauen anzustellen. #MeToo ist ein gewaltiges Reputationsrisiko. Und Frauen im Team senken erwiesenermassen den Testosterongehalt.

Gewisse US-Banker überlegen sich gegenteilige Massnahmen. Sie sehen Frauen wegen #MeToo als Prozessrisiko.
Ob das ein Trend ist, lässt sich noch nicht abschätzen. Dafür fehlen mir die nötigen Zahlen.

Zurück in die Schweiz: Warum gibt es so wenige Frauen in der Wirtschaftselite?
Das ist einfach zu erklären: Weil die Schweiz ein frauenfeindliches Wirtschaftssystem hat. Die OECD kritisiert uns zu Recht jedes Jahr aufs Neue dafür. Wir haben ein unglaublich teures Betreuungssystem, keine Ganztagesstrukturen, einen rückständigen Mutterschaftsurlaub statt Elternzeit für alle... Es ist rational leider nachvollziehbar, wenn Schweizer KMU Frauen benachteiligen – weil sie heute tatsächlich mehr kosten und öfters ausfallen. Frauen werden in der Schweiz diskriminiert. Eigentlich ein Fall für die Wettbewerbskommission: Ein Marktteilnehmer wird systematisch diskriminiert.

Sie sind für Quoten.
Braucht es, ja. Und zwar in den Geschäftsleitungen und in den Verwaltungsräten. Eine Quote von 30 Prozent wäre vernünftig. Die Quote wäre temporär. Sie würde so lange aufrechterhalten, bis sich die Situation normalisiert hat und Frauen in diesen Positionen selbstverständlich geworden sind. Und nicht vergessen: Gemischte Teams bringen die besten Resultate, das zeigen Studien.

Die Quote ist ein planwirtschaftliches Instrument.
Ich bin ein liberal denkender Mensch und stehe Quoten grundsätzlich auch kritisch gegenüber. Aber wir haben in der Schweiz einen gröberen Systemfehler, den es zu beheben gilt. Die Quote ist ein taugliches Mittel dafür. Wir brauchen sie jetzt, sonst ändert sich nichts.

Sind Sie auch für eine Quote für Transmenschen?
Fände ich gut, ja. Aber jetzt muss es erst einmal darum gehen, Frauen, die ja über 50 Prozent der Bevölkerung stellen, die gleichen Startbedingungen zu verschaffen.

Sie betonen, Medien würden unsere Geschlechtervorstellungen prägen. Könnte Ihr Arbeitgeber, das Schweizer Fernsehen, mehr tun?
Die BBC versucht seit Anfang Jahr, gleich viele Expertinnen wie Experten zu befragen. Sie versucht auch, in ihren Berichten gleich viele Frauen wie Männer zu Wort kommen zu lassen. Ich finde, wir beim SRF haben schon ein gutes Bewusstsein dafür, sollten aber vielleicht sogar den Versuch der BBC übernehmen.

Sie engagieren sich auch für «Helvetia ruft», ein überparteiliches Projekt, das mehr Frauen nach Bundesbern bringen will. Per Crowdfunding wollen Sie 50’000 Franken sammeln. Was passiert mit dem Geld?
Ich sammle kein Geld. Ich bin von «Helvetia ruft» als Referentin zum Stand der Frauenförderung in der Wirtschaft eingeladen worden. Meinen Vortrag bei dieser überparteilichen Initiative für mehr Frauen in der Politik habe ich unentgeltlich gehalten. Dabei bin ich als Privatperson, die sich für die Gleichberechtigung der Frau einsetzt, aufgetreten.

Nützt es den Frauen nicht mehr, wenn ein Mann gewählt wird, der sich für gleiche Löhne, Krippen usw. einsetzt, als eine Frau, die konsequent wirtschaftsliberal argumentiert und für die eine Familie reine Privatsache ist?
Das ist mir zu ideologisch. Frauen sollen jede Art von Politik machen können, so wie Männer auch. Und eine Magdalena Martullo-Blocher kann als Unternehmerin ein tolles Vorbild sein. Sie ist ein Vorbild für Mädchen, indem sie einfach macht.

Können Sie sich selber ein Engagement in einer Partei vorstellen?
Ich wurde kürzlich von einer Partei, deren Name ich nicht nenne, für eine Nationalrats-Kandidatur angefragt. Ich habe abgesagt. Als SRF-Mitarbeiterin kommt das sowieso nicht infrage. Aber auch sonst sehe ich mich eher als Start-up-Gründerin, ich muss Resultate sehen und frei wirken können. Ich habe grossen Respekt vor dem langwierigen Ringen um Kompromisse im Parlament. Aber mir fehlte dafür definitiv die Geduld.
(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 01.02.2019, 15:54 Uhr

Patrizia Laeri ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Journalistin des Schweizer Fernsehens.

Nächsten Mittwoch findet der Projekttag «Frauen für Wikipedia» statt, den Laeri initiiert hat. (Bild: SRF)

Die Strickland-Kontroverse

Die von Laeri erwähnte Physikerin Donna Strickland ist Objekt einer Wikipedia-Kontroverse. Es gab keinen Wikipedia-Eintrag zu Strickland, bis die Kanadierin im Oktober letzten Jahres den Nobelpreis für Physik gewann. Laut der Wikimedia Foundation, die Helfer und Mittel für Wikipedia organisiert, wollte im März 2018 ein Wikipedia-Autor einen Beitrag zu Strickland eröffnen. Die seinerseits zitierten Quellen hätten allerdings nicht den Anforderungen von Wikipedia entsprochen. Deswegen sei der Eintrag gelöscht worden. Wikipedia-Verteidiger verwahren sich in der Strickland-Kontroverse mit Verweis auf ebendiese Qualitäts-Standards von Wikipedia gegen den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit. (lsch)

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