Wirbel um Doku über Todesflug 111

Eine kanadische Dokumentation berichtet über einen möglichen Brandsatz an Bord der abgestürzten Swissair-Maschine vor Halifax. Wie seriös ist der Film? Und weshalb zeigt SF die Doku nicht?

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War eine Bombe für den Absturz des Swissair-Flugs 111 über Halifax verantwortlich? Die ungeheuerliche These machte im August zum ersten Mal die Runde: Offenbar stiess der SF-Journalist Fritz Muri auf Dokumente, die beweisen, dass der Untersuchungsbericht der kanadischen Sicherheitsbehörde manipuliert wurde. Das Schweizer Fernsehen bestätigte damals, an Recherchen über einen möglichen Brandsatz an Bord der MD-11 zu sein.

Am kommenden Freitag strahlt der kanadische TV-Sender CBC nun einen Dokumentarfilm aus, der ebenfalls einen Terroranschlag als Unfallursache in Betracht zieht. Die Journalisten sind offenbar im Besitz von Dokumenten, die eine Unterschlagung von Beweismitteln aufdecken. SF war laut «Blick» Co-Produzent des Films – ist jetzt aber kurzfristig ausgestiegen: «Warum zeigt SF den Film nicht?», fragt das Boulevardblatt.

Auch für Bea Tschanz ist die Entscheidung von SF unverständlich. Die Leute von CBC seien erstklassige Journalisten, die sich nicht einfach in etwas hineinsteigern würden, so die ehemalige Swissair-Kommunikationschefin heute im «Blick». Bei SF ist man da anderer Meinung. «Die bisherigen Rechercheergebnisse rechtfertigen aus unserer Sicht eine Publikation zum jetzigen Zeitpunkt nicht», so SF-Chefredaktor Diego Yanez gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Nach unserem heutigen Erkenntnisstand gehen die Ergebnisse nicht über Indizien und Spekulationen hinaus. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, Spekulationen zu verbreiten.»

Weiter bestreitet Yanez, dass das Schweizer Fernsehen Co-Produzent sei. «Im Rahmen der Recherchen und der Produktion hat unser Journalist Fritz Muri mit den Kollegen in Kanada punktuell zusammengearbeitet. In einem solchen Fall ist das nichts Unübliches.» Laut Yanez sei eine Ausstrahlung der kanadischen Doku denn auch nicht geplant gewesen. In kanadischen Medien ist derweil zu lesen, dass die Macher der Doku die Geschichte grossen Zeitungen angeboten hätten, aber Absagen kassierten. Erst CBC und SF hätten Interesse an der Sache gezeigt.

Man habe den kanadischen Film auch noch nicht gesehen, man werde ihn anschauen, sobald er verfügbar sei, so Yanez weiter: «Es ist zurzeit nicht geplant, den kanadischen Film zu zeigen. Falls die eigenen Recherchen zu Ergebnissen führten, die über einen Indizienstatus hinausgingen, werden wir selbstverständlich berichten. Es bleibt auch abzuwarten, was der Film für Reaktionen in Kanada auslöst.»

Fazit: SF traut der Beweisführung der kanadischen Doku nicht – oder aber man will einfach zuerst den eigenen Film fertigstellen (anders gesagt: Die Kanadier waren schneller). Auf letztere Vermutung geht Yanez diplomatisch ein: «Unsere Recherchen im Zusammenhang mit dem Untersuchungsbericht zum Absturz der SR 111 laufen noch.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.09.2011, 11:55 Uhr

Die kanadische Doku

Eine Dokumentation im kanadischen Sender CBC rollt am Freitag den Absturz von SR 111 neu auf. Der Unfalluntersuchungsbericht der kanadischen Sicherheitsbehörde TSB von 2003, fünf Jahre nach dem Crash, sei manipuliert worden, sagt ein an der Untersuchung beteiligter Forensiker laut «Blick» in der Reportage-Sendung «The Fifth Estate». Brisante Beweisstücke seien unterschlagen worden. Und er selber sei von seinen Vorgesetzten genötigt worden, die Protokolle der kriminaltechnischen Untersuchungen zu fälschen und wichtige Beweise verschwinden zu lassen. Darunter der Bericht eines unabhängigen Metallurgen aus Ottawa, der im Auftrag der Untersuchungsbehörden auf einem Sitz des Cockpit-Wracks geschmolzenes Aluminium mit einer erheblichen Menge Magnesium und anderen Metallen entdeckt hatte – Materialien, mit denen man einen Brandsatz herstellen könne.

SR 111

Der Swissair-Flug 111 startete am 2. September 1998 von New York in Richtung Genf. Knapp eine Stunde nach dem Start bemerkten die Piloten Rauch im Cockpit, kurz darauf stürzte die Maschine vor dem kanadischen Halifax in den Atlantik. 215 Passagiere und 14 Besatzungsmitglieder starben. Es war das schwerste Unglück in der Geschichte der Swissair.

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