TV-Kritik

«Zitat Ende. Das waren jetzt meine Worte»

SRF versäumte es gestern, «Literaturclub»-Moderator Stefan Zweifel nach seiner überraschenden Absetzung anständig zu verabschieden. Stattdessen gabs Überheblichkeit.

Routiniert und solide, aber auch etwas langweilig: Der «Literaturclub» von gestern.


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Über vier Bücher wurde gestern Abend im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens diskutiert. Daneben interessierte die Zuschauer aber auch die Frage, wie der abgesetzte Moderator Stefan Zweifel verabschiedet werden würde. Die Antwort: gar nicht. Der aus Hamburg eingeflogene Gastmoderator Rainer Moritz fand zwar viele hübsche Worte für die Romane, die besprochen wurden, aber kein einziges Wort für seinen Vorgänger. Korrekt ist das nicht, zumal Zweifel den Job mehr als zwei Jahre mit Engagement und Verve gemacht hat. Sowohl die Leiter der Sendung als auch die Teilnehmer der Runde schwiegen vielsagend – ein weiterer Fehler in dieser monatelangen Pannenserie, für welche niemand die Verantwortung übernehmen will.

Rainer Moritz, der das falsche Heidegger-Zitat von Elke Heidenreich aus der April-Sendung schnell vom Tisch haben wollte, meinte bloss, dass der Fall nicht zerredet werden sollte: «Die Literatur steht im Zentrum.» Und mit einer ironischen Spitze gegen Heidenreich fügte er lakonisch hinzu: «Alle Zitate wurden dem Moderator vorgelegt.» Das war es denn auch schon; man wollte sich über Belletristik unterhalten und nicht Vergangenes philologisch korrekt aufarbeiten, wie dies Zweifel gefordert hatte.

Heidegger-Experte Rüdiger Safranski sagte gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet, dass es ungeheuerlich sei, wenn der Antisemitismus und die Eliminierung der Juden aus Deutschland gleichgesetzt würden. Nur weil einem jemand unsympathisch sei, dürfe man ihm nicht alles Böse der Welt anlasten. «Wir wollten nicht in ein laufendes Verfahren eingreifen», sagte Kulturchefin Nathalie Wappler nach der Sendung auf die Frage, wieso es keine Verabschiedung von Zweifel gab. Sie spielte damit auf die juristischen Nebengeräusche an, die der Fall nach sich gezogen hat. «Ich bedauere es sehr, dass Zweifel nicht mehr moderiert.»

Ein Neustart ist nötig

Die Sendung selbst war routiniert und solide, aber auch etwas langweilig. Es gab keine richtig guten Diskussionen. Erwartungsgemäss lobten alle in der Runde Remarques «Im Westen nichts Neues». Elke Heidenreich, die es nicht lassen konnte, machte sich lustig über Zweifels Zweifel, als sie an einer Stelle überexplizit sagte: «Ich zitiere nun wörtlich!» Als sie damit fertig war, sagte sie: «Zitat Ende. Das waren jetzt meine Worte.» Wenn man sich schon weigert, einen Zitierfehler aufzuklären, haben solche deplatzierten und überheblichen Bemerkungen zu unterbleiben – das müsste die Sendungsleitung der ach so witzigen, besserwisserischen Kritikerin klar zu verstehen geben. Allerdings hat man den Eindruck, dass niemand vom Schweizer Fernsehen Tacheles redet mit Heidenreich. So amüsiert man sich billig auf Kosten der anderen.

Bei «Americanah» von Chimamanda Ngozi Adichie, den die Kritikerin Hildegard Keller für einen «Megaroman» hält, gab Safranski zu bedenken, dass nicht jeder Roman, der an verschiedenen Orten der Welt spiele, automatisch «Weltliteratur» sei. Das war witzig, doch unterblieb die zentrale Frage einer Literatursendung: Ist es denn ein gutes oder ein schlechtes Buch? Zwischen Weltliteratur und guter Literatur liegen ja Welten. Dann ging es über Bulgarien nach Norwegen, und das Gespräch plätscherte dahin. Was geboten wurde, war also in Ordnung, mehr aber nicht. Die Crux der Routine ist ja, dass sie vor Abstürzen ebenso bewahrt wie vor Höhenflügen.

Im Herbst steht ein Neustart an. Es muss anders werden. Da ausgerechnet der Jüngste ausgeschieden ist, dürfte klar sein: Will der «Literaturclub» kein soignierter Seniorenclub werden, muss nicht nur der Moderator frischen Wind bringen. Denn auch Junge lesen! (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.06.2014, 07:49 Uhr

Heidenreich und Zweifel in einer früheren Sendung.

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