Zu anspruchsvoll für Schweizer Zuschauer?

Zum dritten Mal in Folge räumte die amerikanische Fernsehserie «Mad Men» bei der Emmy-Verleihung einen der Hauptpreise ab. Warum SF sie den Schweizer Zuschauern vorenthält, erklärt Serien-Chef Michel Bodmer.

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«Was wollen Frauen?», fragt der Hauptdarsteller Don Draper seinen Chef in der Werbeabeilung. Dieser weiss die einzig richtige Antwort. «Who cares!» In der amerikanischen Fernsehserie «Mad Men» kümmert es tatsächlich niemanden, was Frauen wollen. Sie spielt in den Sechzigern, als scheinbar noch niemand etwas von Emanzipation wusste und von Rauchverbot ebenfalls nicht. Bei jeder Gelegenheit wird gequalmt – ausser, es wird gerade Whiskey getrunken. Selbst dem Gynäkologen hängt eine Kippe im Mundwinkel, während eine Single-Frau auf dem Stuhl mit den Fersenhaltern sitzt und sich eine Predigt über Flittchen anhören muss, weil sie sich über die Pille informieren wollte.

Ein Graus für emanzipierte Frauen

Bei den Emmy-Awards von gestern Abend in Los Angeles räumte «Mad Men» zum dritten Mal in Folge einen der Hauptpreise ab, die Auszeichnung für die beste Dramaserie. Sie spielt in einer Werbeagentur an der New Yorker Madison Avenue. Daher der Serienname «Mad Men». «Mad» passt jedoch auch für die Männer in der Serie. Ihr Verhalten ist für jede annähernd emanzipierte Frau von heute ziemlich schräg.

Saufen, Rauchen und Frauen, die maximal als Heimchen am Herd genügen oder als feurige Männerfantasie herhalten müssen – ist «Mad Men» zu viel des Guten fürs Schweizer Fernsehen? «Im Gegenteil. Die aufkommende Emanzipation ist das, was uns am meisten interessiert. Ausserdem wird von uns noch nicht verlangt, Humphrey Bogarts Zigarette zu zensurieren», sagt Michel Bodmer, Redaktionsleiter Film und Serien beim Schweizer Fernsehen. Dennoch wird die so erfolgreiche Serie vorerst nicht auf SF zu sehen sein, obwohl Bodmer und seine Redaktionskollegen sich dafür einsetzen. Gründe dafür gibt es verschiedene. Dass von «Mad Men» bis vor kurzem eine deutsche Übersetzung fehlte, ist nur eine davon.

«Serie ist nicht sofort zugänglich»

«Mad Men» ist so anders als die erfolgreichen «Desperate Houswives», «Dr. House», «Grey’s Anatomy» oder «Brothers and Sisters». Die Figuren sind komplex gezeichnet, es ist weder Krimi noch Komödie, es gibt kein klar erkennbares Gut und Böse und wenn, dann ist das Gute in der nächsten Folge böse und umgekehrt. Sie hat fast schon etwas Dokumentarisches und spielt hauptsächlich in der Geschäftswelt der Sechzigerjahre, in denen Männer das Sagen haben. Werbefritzen versuchen, die Kunden zu manipulieren, während sie selber manipuliert werden. Kein Thema, das einem so zu Herzen geht wie die Schwerkranken aus «Grey’s Anatomy», die Beziehungsprobleme bei «Desperate Houswives» oder eine Fehlgeburt bei «Brothers and Sisters».

«Die Serie ist nicht sofort zugänglich und reizvoll. Möglich, dass die Leute nicht die Geduld aufbringen können, um sich darin zu vertiefen», so Bodmer, den die Serie auch erst nach dem fünften oder sechsten Mal gepackt hat. Es sei nicht einfach, den Leuten zu erklären, warum sie sich die Serie anschauen und sie toll finden sollen. Dass sie in den Sechzigerjahren spielt, macht es nicht einfacher. Das junge Publikum, das Serien schaut, kann mit der Zeit wenig anfangen. Die älteren Leute, die einen Bezug zur Zeit haben, schauen weniger Serien. Entsprechend schwierig gestaltete sich bislang die Suche nach einem geeigneten Sendeplatz für die Serie.

Die Branche ist begeistert

Doch etwas ist dran an der Serie, obwohl die Männer ziemlich chauvinistisch sind und die Frauen spiessig. Die damalige Zeit ist optisch wunderbar umgesetzt, alles ist getreu der Sechziger gestylt. Ganze Modelinien wurden nach der Vorlage von «Mad Men» entwickelt. Der Held, der Werber Don Draper, ist zwar ein absoluter Macho, der laszive Frauen vernascht, obwohl er ein hübsches Blondchen zu Hause am Herd hat. Doch Draper hat auch Stil, er ist cool, ihm haftet etwas James-Bond-mässiges an. «Gehen wir es ein wenig langsamer an. Ich will nicht schwanger aufwachen», sagt er zum Arbeitskollegen, der ihn gerade eingeschleimt hat. Womit er überhaupt nichts anfangen kann, sind selbstbewusste, emanzipierte Frauen, die ihm immer öfter vor der Sonne stehen.

Die aufkommende Emanzipation ist Kern der Serie, obwohl sich dies einem nicht gleich zu Beginn erschliesst. Doch bereits in der dritten Staffel ist die Vormacht von Don Draper und den Machomännern arg in Gefahr. Weil die Serie einen völlig neuen Ansatz wagt, hat sie die Branche von Anfang an begeistert. Der Erfolg bei den Emmys ist der Beweis dafür. Ob sie den durchschnittlichen Serienzuschauer ebenfalls zu überzeugen vermag, ist unsicher. In den USA ist «Mad Men» nur über Kabel zu sehen, das sich die Abonnenten einiges kosten lassen müssen. Die Zuschauerzahlen halten sich mit 2,9 Millionen entsprechend in Grenzen. Doch kein Grund für SF, die anspruchsvolle Serie zu ignorieren, vor allem, da die Quoten von Folge zu Folge steigen und dem Kabelsender AMC den bislang grössten Erfolg bescherten. Das anspruchsvolle Publikum zu berücksichtigen, ist schliesslich auch eine Aufgabe des gebührenfinanzierten Fernsehens.

Erstellt: 30.08.2010, 15:19 Uhr

Michel Bodmer ist Redaktionsleiter «Film und Serien» bei SF. (Bild: SF)

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