«Alt? Ich doch nicht!»

Der «Club» von SRF redete übers Alter – und redete es sich schön.

Von links: Eveline Widmer-Schlumpf, Moderatorin Barbara Lüthi und Emil Steinberger. Foto: Screenshot SRF

Von links: Eveline Widmer-Schlumpf, Moderatorin Barbara Lüthi und Emil Steinberger. Foto: Screenshot SRF

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«Alter – Freude oder Frust?»: Der Titel des «Clubs» ist eine typische Journalisten-Formel, an der nichts stimmt. Wenigstens war das auch ein Ergebnis der von Barbara Lüthi geleiteten Sendung. Denn erstens gibt es kein «oder», sondern höchstens ein «und», und zweitens gibt es kein Alter, sondern mindestens deren zwei. Erst das «gute Alter» der fitten Berufsabgänger, die durch die Welt reisen, neue Hobbys pflegen und es sich richtig gut gehen lassen. Dann das «schlimme Alter», in dem die Beschwerden zu Gebrechen werden und man auf Hilfe, gar auf Pflege angewiesen ist.

Das «gute Alter» war in der Sendung gut vertreten, vom 66-jährigen Alltagsphilosophen Wilhelm Schmid bis zu Irmy Hirzel, die mit ihren 85 Jahren noch sich selbst, ihren Garten und ihre zwei Hunde versorgt und nach dem Tod ihres Mannes sogar eine neue grosse Liebe erlebt hat. Und dass Emil Steinberger, noch ein Jahr älter, mit seinen Programmen immer noch die Bühnen rockt, darf man mit gutem Grund bewundern.

Na ja, manches gehe nicht mehr so schnell – das ist offenbar das einzige Zugeständnis, das das Alter diesen beneidenswert rüstigen Senioren abringt. Ansonsten herrschte die Devise: «Alt? Ich doch nicht!»

Die Einstellung ist alles

Im Studio also die Freude, der Frust blieb draussen. Natürlich kann man schlecht eine demente Person in die Runde nehmen, aber lauter gut gelaunte Senioren (und künftige Senioren) ergeben ein verzerrtes Bild. Immerhin sass mit Gabriela Bieri, verantwortlich für die Pflegezentren der Stadt Zürich, eine Vertreterin des Komplexes «Heim» dabei. Niemand gehe freiwillig in ein solches, wusste sie, aber manchmal gehe es eben anders nicht mehr. Bezeichnenderweise trat eine ganz kurze betretene Stille ein, als das Angstwort das erste Mal fiel.

Nein, positiv denken!, lautet die Devise. Eigentlich, so hörte man von allen Seiten, komme es doch nur auf die «Einstellung» an, wie man altere oder mit dem Alter umgehe. Auch, wenn man pflegebedürftig sei – man müsse Hilfe halt annehmen können. Aber so ist es nicht. Manchmal ist die Realität stärker als jede Einstellung. So wusste Emil Steinberger von einer Bekannten zu berichten, der am Monatsende gerade mal zehn Franken bleiben. Eveline Widmer-Schlumpf, Alt-Bundesrätin und Präsidentin der Pro Senectute, wies darauf hin, dass jeder Achte der heute Alten von Armut bedroht ist.

Alle der als «Alte» ins Studio Geladenen haben sich keinerlei Gedanken darüber gemacht, was sie machen, wenn sie alt sind.

Damit war man beim grossen Thema der Finanzierung, das eine eigene Sendung gebraucht hätte – Verlängerung der Lebenszeit, AHV-Sanierung, Umwandlungssatz der Pensionskassen, vielleicht eine «vierte Säule»: Das ist ein technischer Komplex, mit dem die Gäste – ausser der Expertin Widmer-Schlumpf – überfordert waren. Dass sich nur Reiche eine Betreuung zu Hause leisten können, dürfe eigentlich nicht sein, war Konsens; aber was bedeutet das? Und wie wird es sein, wenn immer wenige Junge immer mehr Alte unterhalten müssen?

Das Wörtchen «noch» nehme jetzt in seinem Wortschatz eine wichtige Stellung ein, meinte Wilhelm Schmid. Er schiebe nichts mehr ins Irgendwann, sondern mache Dinge, die er wolle, gleich. Und wie blickt man im Alter in die Zukunft?, fragte Barbara Lüthi zum Abschluss.

«Ich hoffe einfach, es geht lange noch so weiter», meinte der 86-jährige Emil. Also mit 100 noch auf der Bühne? Auch Irmy Hirzel möchte weiterfahren wie bisher, Wilhelm Schmid «noch ein paar Bücher schreiben». Interessanterweise haben sich alle der hier als «Alte» ins Studio Geladenen keinerlei Gedanken darüber gemacht, was sie machen, wenn sie alt sind.

Erstellt: 02.07.2019, 15:49 Uhr

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