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Ein armer Knacker

Ein SRF-Dok ergriff klar Partei – für Cornelius Gurlitt.

Traurige Gestalt: Schauspieler Peter Rühring mimte Cornelius Gurlitt.
Traurige Gestalt: Schauspieler Peter Rühring mimte Cornelius Gurlitt.
Screenshot SRF
«Gurlitts Schatten» zeigte, wie Polizei und Medien dem Kunst-Erben auf die Spur kamen.
«Gurlitts Schatten» zeigte, wie Polizei und Medien dem Kunst-Erben auf die Spur kamen.
Screenshot SRF
Kommt schlecht weg: Ingeborg Berggreen-Merkel, Leiterin der «Taskforce Gurlitt».
Kommt schlecht weg: Ingeborg Berggreen-Merkel, Leiterin der «Taskforce Gurlitt».
Screenshot SRF
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Es gibt diese eine Szene in Stefan Zuckers Dok-Film «Gurlitts Schatten», der gestern Abend auf SRF lief, die schnürt einem das Herz ab. Da sitzt der 80-jährige Cornelius Gurlitt (glaubwürdig gespielt von Peter Rühring) im Pyjama in seinem Wohnzimmer, völlig ermattet von den letzten Stunden, in denen eine Gruppe von Zollfahndern seine Wohnung und sein Leben gestürmt, durchsucht und auseinandergenommen hat. Traurig hebt der alte Mann den Kopf zu einem der Beamten und sagt: «Warum können Sie mit dem Ganzen nicht warten, bis ich tot bin.» Es ist weniger eine Frage als eine Feststellung, und darin liegt schon die ganze Hilflosigkeit, die diesen Menschen ab da begleiten würde angesichts dessen, was ihm da widerfuhr, und die ganze Resignation, die ihn keine zwei Jahre später ins Grab bringen würde.

Vor wenigen Tagen hat im Kunstmuseum Bern die Ausstellung der Sammlung Gurlitt eröffnet; sie ist der vorläufige Endpunkt einer langen, absolut aussergewöhnlichen und teils bitteren Geschichte. «Gurlitts Schatten» indes zeigt ihren Beginn: jenen schicksalhaften 22. September 2010, als im Eurocity von Zürich nach München Cornelius Gurlitt von zwei Zöllnern mit 9000 Euro Bargeld «erwischt» wurde. Illegal war das nicht, aber die Tatsache, dass der Alte etwas von verkaufter Kunst nuschelte, die er von seinem Vater, einem deutschen Kunsthändler, geerbte habe, liess bei den Beamten die Alarmglocken schrillen.

Der Rest ist Geschichte. Man begann, Gurlitt systematisch zu beschatten. 2012 stürmte man seine Wohnung und konfiszierte die gesamte darin vorgefundene Kunstsammlung von weit über 1000 Werken. 2013 bekam das Magazin «Focus» Wind von der Sache und berichtete gross über den «Sensations-Fund» des «Nazi-Schatzes»; das Bild auf dem Cover zeigte Hitler vor ein paar Gemälden. Die Lawine, die damit losgetreten war, rollte rund um die Welt; jeder wollte alles über die angeblich milliardenteure Kunstsammlung wissen – und über deren «Hüter», der, rein juristisch gesehen, nicht mehr und nicht weniger war als ihr rechtmässiger Besitzer.

Den alten Nazi-Knacker mal in die Zange nehmen

Aber wen interessiert schon das Recht, wenn die Story spektakulär und das NS-Regime mit im Spiel ist. Das zeigt dieser Dok-Film ganz deutlich. Stefan Zucker lässt keinen Zweifel daran, auf wessen Seite er steht, nämlich auf jener von Cornelius Gurlitt. Der kommt in den nachgestellten Schlüsselszenen zwar verschroben und zuweilen schroff, aber letztlich als Opfer einer beispiellosen juristischen Fehlleistung rüber, während die Beamten durchwegs eine krude Lust daran an den Tag legen, diesen alten Nazi-Knacker mal in die Zange zu nehmen.

Kritisch beleuchtet wird auch die Rolle der Medien, repräsentiert durch den persönlich zu Wort kommenden «Focus»-Journalisten Markus Krischer, der im Rückblick zwar einsieht, dass das Hochjazzen Gurlitts zu einem vermeintlichen Gralshüter Hitlers Unrecht war. Trotzdem würde er angesichts der historischen Brisanz des Falls immer noch gleich handeln, sprich: den Lebensabend eines alten Menschen zum Allgemeingut und damit zur Hölle machen.

Noch schlechter kommt Ingeborg Berggreen-Merkel weg, die vom Deutschen Bundesamt für Kultur als Leiterin der «Taskforce Gurlitt» – allein der Ausdruck schreit bürokratische Feuerwehrübung – eingesetzt worden war. In ihrer amtsblinden Arroganz merkt sie nicht einmal, wie sie das Vorgehen gegen Gurlitt mit einer einzigen Aussage gleich selbst entlarvt: «Sicher, es war der Bestand eines Privaten, was es nach Deutschem Recht zu sein Eigentum macht. Gleichwohl: Es war gut, dass sich der Staat darum kümmerte.»

Ein guter, schneller Überblick

Bei allem Verständnis dafür, dass sich die Bundesrepublik moralisch verpflichtet fühlte, zu prüfen, ob es hier nicht um Objekte ging, die es an die Erben im Krieg Enteigneter zurückzugeben galt – war es legitim, die Sache auf dem Rücken eines 80-Jährigen auszutragen? Nach dem Motto «Nulltoleranz bei allem, was irgendwie nach NS-Vergangenheit riecht»?

«Gurlitts Schatten» meint: nein. Und lässt, während er den langen Weg der Gurlitt-Bilder ins Kunstmuseum Bern nacherzählt, neben den erwähnten Beteiligten auch den deutschen Autor Maurice-Philip Remy zu Wort kommen. Dessen Buch «Der Fall Gurlitt. Die wahre Geschichte über Deutschlands grössten Kunstskandal» ist ebenfalls diese Woche erschienen –und schlägt sich sogar noch dezidierter als der gestrige Dok-Film auf die Seite Gurlitts. Wer alle Verstrickungen und Hintergründe dieser schier unglaublichen Geschichte im Detail erfahren möchte, kommt auf fast 700 Seiten auf seine Kosten. Wers schneller mag, ist mit Stefan Zuckers Dok-Film aber auch gut bedient.

Podcast auf der SRF-Website, Wiederholung im TV am 4. November um 20.15 Uhr auf 3sat.

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