Britischer kann Humor nicht sein

Vor 50 Jahren zeigte die BBC die erste Sendung von «Monty Python’s Flying Circus». Die radikal absurde Komik ist längst in den Kanon der angelsächsischen Kultur eingegangen.

Fünf der sechs Pythons bei Dreharbeiten 1969: Terry Jones (links), Michael Palin (2.v.l.), Terry Gilliam (Mitte), Eric Idle (2.v.r.) und Graham Chapman (rechts). Foto: BBC

Fünf der sechs Pythons bei Dreharbeiten 1969: Terry Jones (links), Michael Palin (2.v.l.), Terry Gilliam (Mitte), Eric Idle (2.v.r.) und Graham Chapman (rechts). Foto: BBC

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Die schönste Reaktion auf ihre erste Sendung, ausgestrahlt am 6. Oktober 1969, kam von George Harrison. Der Beatle schickte der BBC ein Glückwunschtelegramm, das allerdings nie zu den Komikern von Monty Python gelangte. Später finanzierte Harrison, ein tief religiöser Mensch, ihre Satire «The Life of Brian» über Götzenkult, Bigotterie und religiösen Herdentrieb. «Life of Brian war kein blasphemischer, sondern ein häretischer Film», sagte Python-Mitbegründer Terry Jones später, «weil er nicht auf den Glauben abzielt, sondern auf die Dogmen.»

George Harrison verpfändete sein Haus für den nötigen Bankenkredit und gab zur Begründung an, er wolle den Film sehen. «Das teuerste Kinobillett der Geschichte», kommentierte Eric Idle, ein weiterer der sechs Pythons. «Die Gruppe hat es fertiggebracht, alle Religionen aufs Mal zu verärgern», sagte eine amerikanische Nachrichtensprecherin. Es kam zu Demonstrationen und Zensurversuchen, was den Amerikanern gar nicht gefiel, die das Recht auf freie Meinungsäusserung, in der Verfassung garantiert, sehr ernst nahmen.

Mit jeder Kontroverse wuchs das Interesse. «Ein Film, so lustig, dass ihn die Norweger nicht sehen durften», stand über schwedischen Kinosälen. In England konnte man mit dem Bus in die Nachbarstadt fahren, um «Life of Brian» zu sehen. In der heutigen, gewaltversetzten Hysterie wäre niemand mehr bereit, einen solchen Film zu finanzieren.

Fetisch aller Gymnasiasten: John Cleese in der «silly walk»-Episode aus «Flying Circus». Foto: Montypython.com

Die Pythons werden oft die Beatles der Siebziger genannt, und es stimmt: Beide Gruppen hatten auf ihr Genre einen dermassen grossen Einfluss, dass er bis heute spürbar ist. «Die Bedeutung von Monty Python ist so offensichtlich, dass sie fast selbstverständlich ist», sagt John Oliver, der englische Moderator der amerikanischen «Last Week Tonight Show».

Hohe Bildung, schlechter Geschmack

Die ersten Episoden von «Monty Python’s Flying Circus» liefen damals, 1969, mit tiefen Quoten. «Uns sahen nur Schlaflose, Intellektuelle und Einbrecher», erinnerte sich Michael Palin. Doch das Interesse an ihren Skurrilitäten nahm bald zu. Der Film «Monty Python and the Holy Grail» («Die Ritter der Kokosnuss») von 1975 war ein Publikumserfolg. Nach 47 Sendungen, 5 Filmen, 19 Platten, 23 Büchern, 8 Computerspielen, mehreren Tourneen, einem Musical und einer unübersichtlichen Zahl von Soloprojekten kam die Gruppe vor fünf Jahren für ein paar Auftritte in der Londoner O2-Halle zusammen. Der erste Termin war innert 45 Sekunden ausverkauft.

Nur ein Kratzer: Die berühmte Szene aus «Monty Python and the Holy Grail». Video: Youtube

Sie wollten einmalig sein. Und sie schafften es sogar in die Wörterbücher. Gemäss Duden steht «pythonesk» als Adjektiv für «absurde Situationen», die dem «sehr schrägen Humor der britischen Komikertruppe Monty Python entsprechen». Im Englischen gesteigert zu «more pythonesque» und «most pythonesque». Am meisten pythonesk sind immer noch die Pythons selber.

Kühe spielen Shakespeare

Als das Kollektiv vor 50 Jahren mit seiner Sendung anfing, hatte man diese Art von Komik noch nie gesehen. Es gab Vorläufer – die «Goons»-Show am Radio, Spike Milligan, die Pythons selber in anderen Sendungen –, aber zusammen trieben sie das Absurde am weitesten.

Von ihnen wissen wir alles über das Problem toter Bischöfe an der Eingangstür. Vom Versuch, Prousts «A la recherche du temps perdu» in 50 Sekunden zusammenzufassen. Von Michelangelos Version des letzten Abendmahls, an dem 28 Jünger und 3 Christusse Platz nehmen («der dünne wird von den zwei fetten ausbalanciert»).

Der unvergessliche Sketch mit dem toten Papagei. Video: Youtube

Bei den Pythons sehen wir Kühen bei einer Aufführung des «Kaufmanns von Venedig» zu und bekommen den Zusammenhang zwischen amerikanischem Bier und Kanusex erklärt: «It’s fucking close to water.» Ausgehungerte Matrosen streiten über das Recht, zuerst aufgegessen zu werden. Ein Katholik aus Yorkshire sagt seinen Kindern, er habe seinen Job verloren und müsse sie für wissenschaftliche Experimente verkaufen. Im Münchner Olympiastadion wohnen wir dem Fussballspiel zwischen den griechischen und den deutschen Philosophen bei; Hegel streitet mit dem Schiedsrichter über Ethik, Kant reklamiert den kategorischen Imperativ, Marx hat ein Offside gesehen.

Elvis konnte sie auswendig

Damit sind Monty Python in den Kanon der angelsächsischen Kultur eingegangen, selbst in Amerika. Elvis Presley konnte ihre Sketche auswendig. Der Erfolg in Ländern wie den USA oder sogar Japan überraschte die Gruppe selber, weil Humor nicht britischer sein kann als ihrer. Er steigert das Exzentrische ins Absurde, kombiniert schlechten Geschmack mit hoher Bildung und persifliert britische Hemmungen.

«Ich mochte uns früher mehr, als wir die Leute ärgerten.»Eric Idle

Zum 30. Geburtstag zeigte die BBC eine mehrstündige Sondersendung, den 50. feiern die britischen Medien seit Wochen, obwohl die erste Sendung erst Anfang Oktober 1969 im Fernsehen kam. Nicht allen ist bei dieser Feierei gleich wohl. «Ich mochte uns früher mehr, als wir die Leute ärgerten», sagte Eric Idle kürzlich. Aber auch er kennt die Erfahrung von Jean Cocteau, dem französischen Autor: «Zuerst hassen sie dich, dann tun sie dich ins Museum.» Zwar gab es schon beim 30. Geburtstag Misslaunige, welche die Pythons für überschätzt hielten und ihr Material für veraltet, aber es gibt schon einen Grund, warum Netflix alle ihre Fernsehshows aufgeschaltet hat: Weil man sie sich immer wieder ansehen kann.

Angriffe aufs Bürgertum

Das alles wird von Akademikern serviert, die aus kleinbürgerlichen Familien stammen, in den Schulkasernen der rationierten Nachkriegsjahre aufwuchsen und dank Oxford und Cambridge in die Mittelklasse aufstiegen. «Die Pythons führten den Angriff des Bürgertums auf sich selber an», hat ein Schulfreund über sie gesagt. Alle sechs sind oder waren ausgesprochen intelligent und gebildet. Sie stritten dauernd miteinander, hatten aber etwas gemeinsam: die Überzeugung, dass Komik radikal sein muss und sinnlos. «Wir hatten Selbstschussanlagen eingerichtet für den Fall, dass jemand über uns doktorieren wollte», hat Michael Palin gesagt.

Er schrieb seine Nummern zusammen mit Terry Jones, dem impulsiven Waliser, der auch als Regisseur für die Gruppe aktiv war (Jones ist an Demenz erkrankt). Eric Idle arbeitete allein. Das zweite Paar bildeten John Cleese und Graham Chapman, der 1989 an Krebs starb, einen Tag vor dem 20. Geburtstag der Sendung. «Gut, sind wir diesen Typen los», schickte Cleese seinem Freund von der Kanzel nach, «diesen trittbrettfahrenden Dreckskerl, hoffentlich grillt er in der Hölle.» Graham hätte ihm nie verziehen, sagte Cleese später, wenn er nichts in der Art gesagt hätte.

So unmoralisch wie möglich

Als die fünf Engländer Ende der Sechziger beschlossen, eine eigene Show zu lancieren, hatte sich ein Amerikaner zu ihnen gesellt, der später – auch aus Kritik an seinem Land – die britische Staatsbürgerschaft erwarb. Es war Terry Gilliam, der die skurrilen Animationen besorgte und sich später als Regisseur von Filmen wie «Brazil», «The Fisher King» oder «The Imaginarium of Doctor Parnassus» etablierte.

Gilliam war nach eigener Einschätzung als «bibelfrommer Besserwisser» aufgewachsen, bevor er Politologie studierte, die Zeitschrift «Mad» entdeckte und sein Humor ihm den Rest besorgte. Cleese war Jurist, Chapman Arzt, die beiden lernten sich in Cambridge kennen, wo Eric Idle Anglistik studierte. Palin und Jones studierten in Oxford Geschichte. Diese Sozialisierung mag erklären, warum bei ihnen immer wieder Leute etwas erklären wollen oder die laufenden Sketche unterbrechen, kritisieren und dann abbrechen.

Dass man fast nichts mehr ernst nehmen kann, was man am Fernsehen sieht, ist das Vermächtnis von Monty Python.

Zwar liebten sie das Absurde und Groteske, aber ihre Satiren hatten sehr wohl ein Ziel. Die Komiker richteten ihre Angriffe gegen Autoritäten in Politik, Kirche, Schule und Armee. Sie attackierten das britische Klassensystem und die englische Moral. Am besten karikierten sie die Medien selbst. Dass man fast nichts mehr ernst nehmen kann, was man am Fernsehen sieht und hört, ist das Vermächtnis von Monty Python.

Das musste auch ein Freund von ihnen erkennen, von dem John Cleese bei seinem letzten Zürcher Auftritt erzählte. Der Freund habe, damals auf Reisen in Nordengland, am Sonntagabend die BBC eingeschaltet, um die aktuelle Folge von «Monty Python’s Flying Circus» zu sehen. Sie persiflierte den steifen, langweiligen, humorlosen Stil der BBC-Dokumentarfilme, es ging um den Hadrianswall. Der Freund lachte und lachte. Und brauchte eine ganze Zeit, bis er realisierte: Was er im Fernsehen sah, war ein steifer, langweiliger, humorloser Dokumentarfilm der BBC.

Die Fernsehsketche von «Monty Python’s Flying Circus» sind in einer neu gemasterten Fassung auf Blu-Ray und DVD zu haben. Dasselbe gilt für die Filme und Dokumentationen, von denen «Almost the Truth – The Lawyer’s Cut» die beste ist.

Erstellt: 29.09.2019, 15:54 Uhr

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