Chinesische Kampfmaschinen

«Wolf Warrior 2» ist in seiner Heimat ein Riesen-Kinohit. Der Actionfilm lässt sich auch als aussenpolitisches Statement lesen.

Jetzt auf Netflix: Leng Fegn in «Wolf Warrior 2».


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Es bietet so viele Möglichkeiten, dieses Internet. Nach einem harten Arbeitstag abends entspannt einen chinesischen Propagandafilm gucken, zum Beispiel. Netflix macht's möglich: Der Streamingdienst hat zurzeit «Wolf Warrior 2» im Angebot. Mit einem Einspielergebnis von rund 870 Millionen Dollar war es einer der meistgesehenen Filme 2017, obwohl er ausserhalb Chinas fast nirgendwo lief. Dort aber applaudierten die Menschen beim Abspann und sangen die Nationalhymne.

Für das Xi-Jinping-Regime sind das gute Nachrichten. Die «Wolf Warrior»-Reihe verfilmt gewissermassen die neue nationale Erzählung, die es dem Land verordnet hat. Auf der Leinwand erinnert sie an das amerikanische Actionkino der Achtzigerjahre, als die USA noch ihre Potenz als Schutzmacht ausstellten. Mittlerweile hat Hollywood sich aus der irdischen Aussenpolitik weitgehend zurückgezogen und schickt seine Helden nur noch in bunten Superheldenanzügen in den Weltraum, damit sie sich mit Aliens herumschlagen. Hier hingegen gibt es wieder Typen, die in Tanktops Liegestütze machen, wehende Fahnen, Kriegsschiffe in voller Fahrt, die Frieden und Sicherheit bringen.

Im ersten Teil von 2015 stösst der Scharfschütze Leng Feng zu einer Elitetruppe der Volksarmee, den Wolf Warriors. Die halten gerade eine Militärübung an der Grenze ab, als sie unter scharfen Beschuss geraten. Westliche Söldner sind ins Land eingedrungen. Die fremden Soldaten sind regelrechte Kampfmaschinen, eine Truppe wie aus einem Hollywoodfilm, und genauso metzeln sie auch die weitgehend namenlosen chinesischen Soldaten einen nach dem anderen nieder. Doch dann kippt dieses bekannte Erzählmodell. Die vielen mit dem Herz in der Hand setzen sich gegen die wenigen durch, die nur für Geld kämpfen. Fast wie in alten Sowjetfilmen.

Feige Amerikaner

Im zweiten Teil ist China nun in der Offensive. Es geht nicht mehr um die Verteidigung der eigenen Grenze, sondern um Afrika. Leng Feng wurde wegen heldenhafter Befehlsverweigerung aus der Armee entlassen und dient nun auf afrikanischen Frachtschiffen. Wie ein Löwe beschützt er sie vor Piraten und hängt ansonsten mit der lokalen Bevölkerung ab, streichelt Kinder, gibt allen was von seinem Grillfleisch ab und zur Entspannung spielt er Fussball. Er liebt Afrika, und Afrika liebt ihn.

Wer bis dahin noch nicht verstanden hat, worum es hier geht, der wird das spätestens dann tun, wenn Rebellen die Hafenstadt überfallen. Leng Feng führt die Leute in die chinesische Botschaft, dort sind sie sicher. «Afrika und China sind Freunde!», brüllt ein chinesischer Diplomat. So lautet auch die offizielle Losung, die Xi Jinping derzeit zu verbreiten versucht. Afrika spielt eine besondere Rolle bei seinem Projekt einer «Neuen Seidenstrasse». Es geht dabei um Handel, aber vor allem auch um Geopolitik. Im Juli 2017, als «Wolf Warrior 2» in die Kinos kam, marschierten chinesische Soldaten in Dschibuti am Horn von Afrika auf. Angeblich nur, um Chinas Blauhelme logistisch zu unterstützen, die dort, wie Leng Feng, Piraten jagen. Ein richtiger Militärstützpunkt ist laut Peking nicht geplant, aber die Fachzeitschrift «Jane's Defense Weekly» hat Satellitenbilder ausgewertet und gelangt zu einem anderen Schluss. In Dschibuti würden Piers für chinesische Kriegsschiffe gebaut.

In «Wolf Warrior 2» kommen sie, um Afrika beizustehen. So wie einst die Amerikaner, die hier in entgegengesetzter Richtung fahren, nämlich aus dem Hafen hinaus, als das Chaos losbricht. Die obligatorisch zu rettende schöne Ärztin will trotzdem lieber die US-Marines um Schutz bitten, also ruft sie in der amerikanischen Botschaft an. Dort geht aber nur der Anrufbeantworter dran. China hingegen ist da, China ist gütig, China ist stark. So wie Leng Feng. Afrika ist schwach und kommt ohne Hilfe nicht klar. Auch diese Erzählung kopiert der chinesische Propagandafilm von seinen Hollywood-Vorlagen. Aber Spass haben sie, die Afrikaner! Das muss ihnen Leng Feng dann doch lassen: «Sobald unsere afrikanischen Freunde am Lagerfeuer sind, sind Krieg, Armut, Krankheit und andere Sorgen vergessen.» Derweil haben schon wieder böse westliche Söldner die Tanzenden im Zielfernrohr. Doch die brauchen keine Angst zu haben. Die Chinesen sind ja da.

«Wolf Warrior 2» ist auf Netflix abrufbar.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.08.2018, 14:16 Uhr

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