Columbo in Kassel

Im Frankfurter «Tatort» war der Mörder ab Minute eins bekannt. Das war super.

Die Frankfurter Kommissarin Anna Janneke ist nicht ganz so verpeilt wie der berühmte TV-Cop Columbo, aber auch ziemlich kauzig und fahrig.

Die Frankfurter Kommissarin Anna Janneke ist nicht ganz so verpeilt wie der berühmte TV-Cop Columbo, aber auch ziemlich kauzig und fahrig. Bild: Das Erste

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Mehr «Tatort» geht nicht: ein nächtlicher Wald und ein Mörder, der im Regen eine Leiche zerstückelt. Oder doch: Die nächste Szene zeigte eines dieser Häuser, deren Einrichtung im Fernsehen obere Mittelklasse signalisieren soll. Moderner Innenausbau mit Kücheninsel und elegantem Parkett. Bewohner solcher Häuser, auch das weiss der regelmässige «Tatort»-Zuschauer, haben Dreck am Stecken. Entweder wegen einer ausserehelichen Affäre oder finanziellen Ungereimtheiten in der eigenen Firma.

Et voilà! Die gut angezogene Frau in der Wohnung entpuppte sich als die Ehefrau des Mörders, ein smarter Talkmaster, der seinen Stiefsohn umgebracht hatte, weil dieser hinter des Talkmasters Affären gekommen war. Schon wollte man den Krimi abschreiben, aber etwas war hier doch anders als sonst im «Tatort». Der Mörder war von Beginn weg bekannt – was würde in den restlichen 80 Minuten des Films passieren?

Nun: nichts. Und doch einiges. Denn die Autoren von «Das Monster aus Kassel» setzten auf das Columbo-Prinzip, wo der Zuschauer mehr weiss als die Polizei. Der berühmte US-Fernseh-Cop nutzte es aus, dass die Schönen und Reichen ihn, das Tubeli mit dem Knautschgesicht, nie so ganz ernst nahmen. Mit vermeintlich fehlender Aufmerksamkeit wiegte er Verdächtige in falscher Sicherheit, sodass sie einen Fehler begingen.

Die Frankfurter Kommissarin Anna Janneke ist nicht ganz so verpeilt wie Columbo, aber auch ziemlich kauzig und fahrig, ausserdem hat sie im Unterschied zu anderen «Tatort»-Kommissaren meistens gute Laune – eine weiterere Columbo-Eigenschaft. Jedenfalls ging ihr der Talkmaster langsam, aber sicher auf den Leim, was den Reiz des Films ausmachte. Wie der überhebliche Täter, der glaubte, den perfekten Mord begangen zu haben, zu Fall gebracht wurde: Das war befriedigender mit anzusehen als eines der austauschbaren Whodunnits, die die Krimireihe so oft präsentiert. Die sympathische Schrulligkeit der Polizistin passte auch gut zum Running Gag, der die brutale Geschichte gekonnt konterkarierte: In Kassel, das im mondänen Frankfurt als «hessisches Sibirien» gilt, herrschten während der Ermittlungen Mordstemperaturen.

Erstellt: 12.05.2019, 21:42 Uhr

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