Crystal Meth im Gemeinderathaus

Der Himmel ist nicht weiss-blau, sondern grau, der Biometzger verkauft Fleischabfälle und jeder erpresst jeden: «Hindafing» seziert die amigohafte bayerische Lokalpolitik so hinterfotzig wie brillant.

Als «bayerische Antwort auf ‹Fargo›» bezeichneten die Macher von «Hindafing» ihre Serie auf der Berlinale.


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Die Schrammen in Alfons Zischls Gesicht werden von Folge zu Folge mehr. Der Bürgermeister der fiktiven bayerischen Gemeinde Hindafing, Schauplatz der neuen und gleichnamigen BR-Serie, ist schwer gezeichnet. Er nimmt Crystal Meth, um die Reden beim Kleintierzuchtverein durchzustehen, sein Mercedes wurde gepfändet, sein Freund hat ihn entführen und in eine Tiefkühltruhe sperren lassen und sein Dealer hat ihm den Zeigefinger abgebissen. Man sieht Alfons Zischl sein Elend bald an.

Grösser könnte der Kontrast nicht sein. Hindafing ist alles andere als Postkarten-Bayern. Die Serienmacher zeichnen ein hässliches Bild vom Land und seinen Bewohnern. Der Himmel der Bayern ist hier nicht weiss-blau, sondern grau, am Horizont sieht man Stromtrassen statt Berge. Der sogenannte Biometzger verkauft Fleischabfälle aus der Ukraine, und seine Frau meint den Lkw-Strich, wenn sie sich nach dem Abendessen zum «Hot Yoga» verabschiedet. Sogar die Kirche ist ganz unkatholisch schmucklos. Bis auf den Dialekt, von dem die Figuren manchmal willkürlich in die Hochsprache wechseln, gibt es in «Hindafing» kein Lokalkolorit.

Weil ihr Windpark kein Geld abwirft, ist nicht nur die Gemeinde, sondern auch Zischl selbst pleite und als Politiker mehr Witzfigur denn Respektsperson geworden. Das «Donau Village», Bayerns grösstes Bio-Shoppingcenter, das er in einer ehemaligen Konservenfabrik eröffnen will, soll ihm dennoch die Wiederwahl sichern.

Klug, aber nicht verkopft, derb und politisch unkorrekt

Bereits im vergangenen Jahr war es ein Vergnügen, Maximilian Brückner, 38, in dem österreichisch-deutschen Krimi-Vierteiler Pregau dabei zuzusehen, wie er sich immer mehr in Lügen verstrickte. In «Hindafing sind es seine privaten wie politischen Versprechungen, aus denen er sich irgendwann nicht mehr herausreden kann. Seinem Freund, dem Biometzger Goldhammer, hat er zugesagt, dass er im Einkaufszentrum Bayerns grösste Fleischtheke eröffnen darf, seiner passiv-aggressiven Ehefrau und wenig talentierten Malerin ebendort einen «Showroom» für ihre Bilder und der Mutter seines geheimen unehelichen Kindes einen Friseurladen. Gleichzeitig verspricht er dem Landrat, dass er Flüchtlinge im «Village» unterbringt, wenn der ihm Zugang zu den Offshore-Millionen seines toten Vaters verschafft. Nach und nach fliegt alles auf, bis irgendwann jeder jeden erpresst.

Bei jeder neuen deutschen Serie, zumindest wenn es kein Krimi ist (bei Hindafing gibt es mit einer Virtual-Reality-App, mit der man den Tod von Zischls Vater aufklären soll, allerdings quasi ein Krimi-Spin-off), vergleichen die Macher seit ein paar Jahren ihre Projekte mit erfolgreichen Vorbildern aus den USA. Es gab schon sogenannte deutsche Antworten auf «Twin Peaks» (Weinberg), «Breaking Bad» (Morgen hör ich auf, Blochin) und House of Cards (Die Stadt und die Macht). Als «bayerische Antwort auf ‹Fargo›» bezeichneten die Macher von Hindafing ihre Serie auf der Berlinale, in den Medien fielen «Twin Peaks» und «House of Cards» als Grössenordnung.

Nun ergeben sich solche Assoziationen in Hindafing durchaus. Die Abgründe auf dem Land und die surrealen Traumsequenzen, wenn Zischl im Drogenrausch mit einem ausgestopften Fisch oder seinem toten Vater spricht, sowie das metallische Zischen, wenn er sich sein Crystal Meth durch die Nase zieht, erinnern an «Twin Peaks», und auch, dass man sich über weite, düstere Strecken hinweg stets fragt, ob nicht mal jemand das Licht anschalten kann. Bei ambivalenten Figuren wie Zischl kann man Frank Underwood aus House of Cards oder Walter White aus Breaking Bad heranziehen, dabei ähnelt er in seinem Bemühen, sich aus dem Schlamassel zu ziehen, am meisten Lester Nygaard in der ersten Staffel von Fargo.

«Aber des is' doch alles bio!»

Tatsächlich muss man die Vergleiche aber gar nicht von so weit her bemühen. Hindafing seziert die amigohafte Lokalpolitik - samt konspirativen Saunasitzungen mit dem Landrat - so schön wie einst «Der Bulle von Tölz», nur sehr viel derber und bösartiger. Die Handlung ist so wild, die Figuren sind so hinterfotzig und die Wendungen fast so bizarr wie in der österreichischen Satireserie «Braunschlag» von David Schalko und die absurden Dialoge erinnern an Gerhard Polt. Als muslimische Flüchtlinge in der Metzgerei arbeiten sollen und sich weigern, Schweine zu schlachten, wundert sich die Frau des Metzgers: «Aber des is' doch alles bio!»

Und doch ist Hindafing völlig eigen. Klug, aber nicht verkopft, derb und politisch unkorrekt. Oft geht es schief, wenn eine Serie viel auf einmal will - doch in Hindafing passen Amigo-Geschäfte, Wahlbetrug, Schwarzgeld, Drogen, Flüchtlinge, Fracking und Inzest in eine einzige kleine Gemeinde, auch weil die Serie vieles nur andeutet.

Für den BR ist die Serie eine mutige Produktion. Die Idee entstand in Zusammenarbeit mit Studenten der HFF München. Produzent Rafael Parente und Autor Niklas Hoffmann entwickelten zusammen die Sitcom Blockbustaz (ZDF neo) und bewiesen darin bereits ausgezeichneten Humor. Hindafing steigert von Folge zu Folge Tempo und Wahnsinn, sodass es fast schade ist, dass man manche Nebenrollen nicht besser kennenlernt, etwa den Polizisten Erol Yüldürüm mit türkischen Wurzeln und Ausländerphobie, oder den jungen Pfarrer, der sich in einen afrikanischen Flüchtling verliebt. Am Ende kann man die Serie auch als Metapher auf die grosse Politik sehen, spätestens wenn Zischl seinen Wahlspruch vorstellt: «Mir schaffen des.» Hoffentlich auch eine zweite Staffel.

Hindafing, alle Folgen in der BR-Mediathek, und vom 16. Mai an, 20.15 Uhr in Doppelfolgen im BR-Fernsehen.

Erstellt: 23.05.2017, 09:56 Uhr

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