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Das geheime Leben der Vierjährigen

Eine einzigartige Doku beobachtet Kinder mit versteckten Kameras. Zum Beispiel beim Freundschaftenknüpfen.

Willst du meine Freundin sein? Zwei Mädchen, die sich vor dem Experiment noch nicht kannten, nähern sich an.
Willst du meine Freundin sein? Zwei Mädchen, die sich vor dem Experiment noch nicht kannten, nähern sich an.
Sreenshot Vox
Wer baut den höchsten Turm? Und was, wenn man am Ende verliert? Die Kinder werden bei verschiedenen Aufgaben auf soziale Kompetenzen getestet.
Wer baut den höchsten Turm? Und was, wenn man am Ende verliert? Die Kinder werden bei verschiedenen Aufgaben auf soziale Kompetenzen getestet.
Sreenshot Vox
Sreenshot Vox
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Alles haben wir im Fernsehen schon gesehen. Wie sich Leute verhalten, wenn sie zusammen in einen Container gesteckt und mit versteckter Kamera gefilmt werden. Was Cervelat-Promis tun, wenn sie mit anderen Cervelat-Promis im Dschungel aufeinanderhocken und eklige Dinge essen müssen. Welche Zickenkriege Teeniegirls ausfechten, um als schönstes Topmodel auserkoren zu werden. Was Bindungswillige alles tun, um das Herz des Bachelors oder der Bachelorette zu gewinnen.

Wie das Kind, so der Erwachsene?

Aber das Allerbeste fehlte bislang noch: eine Gruppe von Vierjährigen mit versteckter Kamera zu beobachten. Kinder, die sich zuvor noch nicht gekannt haben und die zum ersten Mal aufeinandertreffen. Nur zwei Erzieherinnen sind zusammen mit den Kindern im Raum. Es sind fünf Mädchen und fünf Jungs. Schüchterne, zickige, draufgängerische. Manche mit Geschwistern, manche ohne. Mit allein erziehenden Müttern, Eltern in Scheidung oder Mama und Papa als Paar. Wie verhalten die Kinder sich? Welche Dynamiken entstehen? Zeichnet sich bereits ab, wie sie als Erwachsene sein werden?

Der deutsche Fernsehsender Vox hat das einzigartige Experiment gewagt. Dabei herausgekommen ist eine genauso vergnügliche wie rührende und aufschlussreiche Dokumentation in zwei Teilen (Teil 1 und Teil 2 sind online verfügbar). Das britische Pendant «The Secret Life of 4, 5 and 6 Year Olds» wurde vor einigen Monaten auf Channel 4 ausgestrahlt.

Der Vater bricht in Tränen aus

Die Sendung zieht einen sofort in den Bann, egal, ob man selber Kinder hat (weil man eine Ahnung erhält, wie sich die eigenen Kleinen wohl verhalten, wenn sie sich sozusagen ganz alleine in der grossen weiten Welt durchschlagen müssen) oder kinderlos ist (weil man sich in einem der Kleinen vielleicht selber erkennt oder den Kollegen, der neben einem im Büro sitzt).

Die Eltern können aus der Ferne via Bildschirm zuschauen, aber nicht eingreifen, zwei Entwicklungsexperten kommentieren jeweils, was gerade in Sachen Sozialverhalten geschieht. Zum Beispiel, wenn der kleine Tom anfangs einfach keinen Anschluss findet, obwohl er es immer wieder versucht. Da kann man fast nicht hinsehen, und auch seinem Vater zerreisst es sichtlich das Herz. Irgendwann hält der Vater es nicht mehr aus und muss mal kurz weinend den Raum verlassen. Als der kleine Tom später mutig und bestimmt für die Gleichberechtigung von Jungs und Mädchen einsteht («Alle dürfen von der Torte essen»), ist er umso stolzer. Und muss wieder Tränen vergiessen, was seine Frau, die neben ihm sitzt, schmunzelnd und gerührt zur Kenntnis nimmt.

«Wer ist dieses Kind?»

Besonders köstlich ist es, wenn die Eltern ihre eigenen Kinder plötzlich nicht mehr wiedererkennen. Wenn diese daheim Draufgänger sind, in der Gruppe aber plötzlich ständig heulen (herrlich auch, wie die anderen Kinder darauf reagieren: «Ich kriege diesen Ton nicht mehr aus einem Ohr! Vielleicht kriege ich einen Ohrwurm», sagt der genervte Eric). Wenn der Sohn immer die grösste Klappe von allen hat, dann aber bei einer «Gefahr» (eine Spinne aus Plüsch) schreiend in die Puppenecke flüchtet. Oder wenn die Eltern ihren Sprössling für fair halten, der dann aber ganz fies schummelt. Denn die Kinder müssen sich verschiedenen Aufgaben stellen, die sich die beiden Entwicklungsexperten ausgedacht haben.

Es geht dabei zum Beispiel darum, wie sich Kinder im Wettbewerb mit den anderen verhalten und wie sie mit Sieg oder Niederlage umgehen. Wer mitfühlt, wenn sich die Erzieherin in den Finger schneidet, wer ihr sofort zu Hilfe eilt und wer sie ignoriert und lieber spielt. Wer sich beherrschen kann, wenn eine verlockende Torte auf dem Tisch steht, von der man nicht naschen soll. Wer sich an die Regeln hält, wenn niemand zuschaut.

Entscheidende Weichenstellung

In diesem Alter passiert ganz viel mit den Kleinen. Vieles, was wegweisend ist für später. Viel mehr, als man vielleicht vermuten würde. Sie lernen täglich etwa fünf neue Wörter, aber auch Dinge wie Empathie oder wie sie sich verhalten müssen, um das zu bekommen, was sie wollen. Sie realisieren unter anderem auch, dass es Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen gibt. «Mädchen wollen immer Mama, Papa, Kind» spielen, nervt sich ein kleiner Junge, der lieber mit den Muskeln spielt.

Ein anderer erklärt seinem neuen Freund, dass sie nicht heiraten können, weil sie beide Jungs seien. Als dieser ihn später umarmt, fragt er ungläubig: «Du bist doch nicht etwa in mich verknallt?» Man könnte den kleinen Kindern stundenlang weiter zusehen. Nur schon wegen Reaktionen auf Fragen wie diese: «Was willst du einmal werden?» Die Antworten: «Polizist.» «Ärztin.» «Oma.» «Spiderman.»

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