TV-Kritik: Das Leben der Zappelphilippe

SRF hat drei ADHS-Kinder getroffen – zum zweiten Mal.

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Es gibt diese Krankheiten, über die plötzlich alle reden, als wären sie in Mode, sodass man den Eindruck erhält, jeder Zweite leide daran. Womöglich sogar man selber? Oder das eigene Kind? Lebensmittelallergien sind zum Beispiel seit einiger Zeit im Hoch, vor allem auch medial. Davor sprachen alle über Burn-outs. Oder über ADHS.

Und irgendwann wird es stiller um diese Krankheiten, und man fragt sich: Waren sie nur ein Phänomen der Zeit? Sind sie verschwunden? Oder leiden immer noch genauso viele Menschen daran, bloss nicht mehr vor den Augen der medialen Öffentlichkeit?

Ein Zappelphilipp bis ins Erwachsenenalter

Sechs Jahre ist es her, da SRF den Dokumentarfilm «Hyperaktive Kinder – Modeerscheinung oder Warnsignal?» ausgestrahlt hat. Der fahrige Kilian (9), die perfektionistische Céline (14) und der Einzelgänger Dominik (12) wurden darin porträtiert. Damals war ADHS in aller Munde; im Live-Chat nach der Sendung wurden die Experten von Zuschauerfragen regelrecht überschwemmt.

ADHS geht nicht einfach so weg. Die Krankheit begleitet einen ein Leben lang.

Nun hat SRF-DOK die Fortsetzung ausgestrahlt: In der Doku «Leben mit ADHS» besucht die Reporterin Michèle Sauvain die drei Kinder von damals erneut. Sie sind inzwischen Teenager. Und schnell wird deutlich: ADHS geht nicht einfach so weg. Die Krankheit begleitet einen ein Leben lang. Zur Verstärkung dieser Erkenntnis hat Sauvain zusätzlich zu den drei Jugendlichen zwei Erwachsene in den Film integriert, die schon von der Krankheit betroffen waren, als kaum jemand darüber Bescheid wusste.

Ritalin nehmen beide nicht, auch weil das Medikament lange nicht die Lösung für alles ist, was die Krankheit mit sich bringt. Stattdessen haben die beiden Männer im Laufe der Zeit ihre eigenen Strategien entwickelt, um mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom umzugehen. Zappelig, chaotisch und zuweilen überfordert sind sie – und mit ihnen auch ihr Umfeld – bis heute.

Wegen ADHS von der Schule geflogen

Am meisten fokussiert sich der Film auf den heute 15-jährigen Kilian, der am meisten mit ADHS und dem Leben allgemein hadert – so sehr, dass er schon mit dem Gedanken gespielt hat, sich das Leben zu nehmen. Immer wieder muss er die Schule wechseln, vor allem, weil er sein aufbrausendes Gemüt nicht im Griff hat.

Manchmal dauert es ein paar Wochen, manchmal – wie in seiner neuen Schule – auch nur einen Tag, bis er in die erste Schlägerei verwickelt ist, trotz aller guten Vorsätze. Erstaunlich bei der zarten Erscheinung, die Kilian auch heute noch mit 15 ist. Während der Dreharbeiten muss Kilian rund vier Monate ins Zwangs-Time-out, weil die Behörden nicht wissen, was sie mit ihm anstellen sollen. Ergänzt werden die Einblicke in sein Leben und das der übrigen Protagnisten von Einordnungen des Experten Heiner Lachenmeier.

Keine aufregende Reportage

Wie sich ADHS im Alltag tatsächlich auswirkt, und vor allem, wie sich die Schwierigkeiten äussern, erfahren wir im Film aber fast nur vom Hörensagen. Im Gespräch geben sich die drei Jugendlichen besonnen, ruhig und reflektiert, besonders bei Kilian klingt es teilweise so, als würde ein Therapeut aus ihm sprechen. Nur ganz selten fängt die Reporterin Szenen ein, in denen ein wenig von dem aufblitzt, was den Betroffenen und den Angehörigen das Leben vermutlich schwer macht. In der einen verbannt Céline ihre Mutter scharf aus der heimischen Küche, und zwar beinahe im selben Atemzug, in dem sie erzählt, sie sei viel ruhiger geworden und ticke nur noch selten aus.

Die Fortsetzung «Leben mit ADHS» – sechs Jahre nach Teil 1 – ist keine allzu aufregende Reportage geworden. Es ist vielmehr ein Reden mit Betroffenen, die, so gut es geht, mit ihrer Krankheit umzugehen versuchen, während die breite Öffentlichkeit ihre Aufmerksamkeit schon auf die nächste spannende Krankheit gerichtet hat, über die gerade alle sprechen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.10.2017, 09:32 Uhr

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