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Das macht den «Tatort» heimelig

Drei Jahre lang haben drei Forscher die nicht enden wollende Krimiserie unter die Lupe genommen. Fazit: Die Sendung gibt Geborgenheit.

SDA
Immer anders und doch gleich: Der «Tatort» appelliert an das Seriengedächtnis der Zuschauer. Hier mit dem Ludwigshafener Team Odenthal und Kopper in der Folge «Freunde bis in den Tod», die am 6. Oktober ausgestrahlt wird.
Immer anders und doch gleich: Der «Tatort» appelliert an das Seriengedächtnis der Zuschauer. Hier mit dem Ludwigshafener Team Odenthal und Kopper in der Folge «Freunde bis in den Tod», die am 6. Oktober ausgestrahlt wird.
SRF
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Immer wieder sonntags: Die vertraute Titelmelodie, die eisblauen Augen im seit über 40 Jahren unveränderten Vorspann, das Fadenkreuz und endlich: «Tatort». Die quotenstarke Kultkrimireihe läuft schon fast 900 Folgen lang. Was ist daran eigentlich so toll? Das hat sich auch ein Wissenschaftlerteam um den Karlsruher Literaturprofessor Stefan Scherer gefragt. Er kam zu dem Ergebnis, dass die TV-Macher geschickt an das Seriengedächtnis der Zuschauer appellieren. Der «Tatort» bringt für sie ein Stück Geborgenheit ins Wohnzimmer.

Forscher hat sich 488 Folgen angeschaut

Stefan Scherer, seit Jahrzehnten begeisterter «Tatort»-Gucker, knöpfte sich 488 Folgen vor – die nach eigenen Worten bislang umfassendste Studie über dieses Sendeformat. Finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) kümmerte er sich mit zwei Kollegen aus Göttingen drei Jahre lang um «Formen und Verfahren der Serialität» in der Filmreihe.

Im September schlossen sie das Projekt ab, die Ergebnisse sollen in den nächsten Monaten veröffentlicht werden. «Mithilfe eines eigens entwickelten Analyserasters haben wir die Folgen durchsucht», erklärt er. Beleuchtet wurden die Standorte der Teams, Ermittlerlogiken, Ton- und Bildästhetik, Neben- und Haupthandlung, Rückblenden, Kamerabewegungen und so weiter. Zeitaufwand pro Folge: acht Stunden.

Thiel und Boerne aus Münster sind die Quotenkönige

Die Wissenschaftler wiesen nach, dass sich die «Tatort»-Folgen über die Sendergrenzen hinweg aufeinander beziehen, voneinander abschauen, sich miteinander vernetzen. «So tauchen zum Beispiel ‹Tatort›-Kommissare eines Senders bei Teams eines anderen Senders auf.»

Aber es wird nicht nur Amtshilfe im Film geleistet. Auch Kameraeinstellungen ähneln sich, Ermittlerkonstellationen werden wiederholt; kinofilmartige Ästhetik zieht in den «Tatort» ein mit der Verpflichtung renommierter Regisseure wie Dominik Graf.

Hin und wieder versucht auch ein Sender, das «Tatort»-Team eines anderen Senders nachzuahmen – so geschehen etwa mit den Ermittlern Stellbrink und Marx aus Saarbrücken, die mit «absurder und völlig überdreht grotesker Komik» auf die Quotenkönige Thiel und Boerne aus Münster verweisen. «Mit wenig Erfolg zwar, aber gerade solche Verweise prägen das ‹Tatort›-Seriengedächtnis des Zuschauers», sagt Scherer.

RAF-Terrorismus ist Machern zu heikel

Der Zuschauer kuschelt sich auf dem vertrauten Sofa bereits gesehener Folgen ein und freut sich auf die nächste. Der «Tatort» verschränke das «Prinzip abgeschlossener Folgehandlungen mit Elementen der Fortsetzungsgeschichte», heisst ein Ergebnis der Forscher. Obwohl als 90-Minuten-Werk in sich abgeschlossen, appelliere der «Tatort» an das Seriengedächtnis der Zuschauer, die jeden Sonntag das Format wiedererkennen und sich geborgen fühlen.

Das liegt auch an den Themen. «Der ‹Tatort› bildet das gesamte Leben Deutschlands ab», sagt Scherer. Einfach alles sei beleuchtet worden, «von der Intersexualität über Rechtsextremismus bis hin zum Afghanistan-Einsatz». Nur um das Phänomen der Terrorfraktion RAF hätten sich die Sender herumgedrückt. «Das war ihnen wohl zu heikel.»

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