Der Berg gebiert eine Maus

Ein unaufgeklärter alter Mord und zwei neue: Der Wiener «Tatort» verstrickt sich in einer Affäre um Militär, Politik und Eifersucht.

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Moritz Eisner und Bibi Fellner, das grantelnde Wiener Traumpaar des «Tatorts», dazu der Schweizer Bühnenstar Robert Hunger-Bühler als Geschäftsmann im Zwielicht – welcher Fan des Sonntagabendkrimis könnte bei dieser Ausgangslage widerstehen!

Auch wenn die Ermittler diesmal besonders abgekämpft wirken, der Oberstleutnant Eisner (immer wieder amüsant bei den Nachbarn, die militärischen Dienstgrade für Polizisten!) nur noch aus Desillusion zu bestehen scheint, seine Partnerin wieder nicht Fälle, sondern Schicksale sieht, und die Musik das Schicksalhafte des Lebens aufdringlich untermalt. Auch wenn die Abwiegelungsgespräche mit dem Vorgesetzten «Ernstl» auf dem Dach der Behörde diesmal stereotyp, fast wie Selbstzitate wirken.

Auch wenn die Dialoge sich weit unter dem gewohnten Schmäh-Niveau bewegen, banale Fragen («Warum haben Sie uns das nicht früher gesagt?») mit platten Drohungen abwechseln («Sie werden noch von mir hören» – «Da werden Köpfe rollen»). Und den Typus der querschiessenden, nassforschen Dame von der «Inneren Sicherheit» hat man schon ein bisschen oft gesehen.

Kurz, langsam, aber sicher kippt die Vorfreude um in Enttäuschung. Am Kern der Geschichte lag es nicht: Der ungeklärte Tod des ehemaligen, in Waffengeschäfte verwickelten Verteidigungsministers Karl Lütgendorf (der sich tatsächlich 1981 ereignet hat) wird von einer Journalistin neu recherchiert, die wird ermordet, ein alter Gefährte auch, offenbar will man «ganz oben» die Sache vertuschen, und Ernstl warnt verlegen, aber deutlich: «Lassts die Finger davon.» Klassisch Wien eben.

Aber wie die Geschichte dann entwickelt wird (Buch und Regie: Thomas Roth), ist weder packend noch plausibel. Die Freundin der Toten (Emily Cox) und der Geschäftsmann (Hunger-Bühler spielt ihn immerhin mit undurchsichtiger Noblesse) umkreisen einander, bis sie sich tödlich verhaken, ohne dass man ihnen ein Wort, eine Szene geglaubt hat. Am Schluss kreisst der gewaltige politisch-militärische Berg aus Waffenschiebung, Korruption und Bereicherung und gebiert die Maus einer Eifersuchtstat.

Die Wiener «Tatorte» gehören meist zu den besseren. Dieser hier nicht.

Erstellt: 13.01.2019, 21:46 Uhr

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