Der bessere 007 – und erst noch am Matterhorn

«The Night Manager» nach John le Carré gibt es jetzt als hochkarätige Miniserie – James Bond lässt grüssen.

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Teure Hotels, Kaviar, Champagner. Ein Agent, der die Frau des schlimmsten Mannes der Welt verführt, um dessen Waffengeschäfte auffliegen zu lassen. Schnellboote, Helikopter, Schiessereien. Das ist doch eigentlich das Gebiet von James Bond. Aber nein, im Einsatz ist hier ein Mann namens Jonathan Pine. Sein Beruf: Nachtportier.

Erfunden hat diesen ehemaligen Soldaten, der doch nur ein ruhiges Leben hinter Hoteltheken führen wollte, der englische Schriftsteller John le Carré. Sein Roman «The Night Manager» erschien vor 23 Jahren, ein 500 Seiten dicker Thriller, der sich der Welt nach dem Kalten Krieg annahm, in der Waffenhändler und Drogenkartelle das Sagen haben. Das Buch stand monatelang auf der Bestsellerliste, doch zwei Versuche, es ins Kino zu bringen, scheiterten: zu viele Personen, zu viele Handlungsstränge für zwei Stunden Film.

Die Serie spielt teilweise in Zermatt

Jetzt gibt es die Verfilmung trotzdem: als sechsstündige Miniserie, die von der BBC produziert wurde. Premiere der beiden ersten Episoden war im Februar an der Berlinale. In Grossbritannien läuft «The Night Manager» seit Ende Februar, in den USA im April, und in Deutschland können alle sechs Folgen ab dem 28. März bei Amazon Prime gesehen werden. Das Schweizer Fernsehen SRF hat, wie es auf Anfrage mitteilt, noch nicht entschieden, ob es die Serie ausstrahlen will – Ende März wisse man mehr.

Gründe gäbe es alleweil, «The Night Manager» spielt teilweise sogar in der Schweiz. Während in der Buchvorlage der Titelheld in einem (imaginären) Zürcher Hotel angestellt ist und ab und zu im Berner Oberland klettern geht (einmal besteigt er das Wetterhorn), hat er in der Serie nun seinen Arbeitsplatz an einem für TV-Bilder spektakuläreren Ort am Fuss des Matterhorns: Er arbeitet in Zermatt (die Aussenaufnahmen wurden auf der Riffelalp gedreht). Dort sieht der Nachtportier seinen Widersacher, den Waffenhändler, zum ersten Mal.


Ankunft im Wallis: Der böse Waffenhändler (Hugh Laurie) und seine Frau (Elizabeth Debicki).

Sie hätten den grösstmöglichen Kontrast zur ägyptischen Wüste gesucht, wo der Anfang der Serie spiele, sagte Regisseurin Susanne Bier an der Berlinale-Premiere. Und: «Das Matterhorn passt doch gut zu den Pyramiden.» Die dänische Oscargewinnerin hat alle Folgen der Serie inszeniert. Und auch ihren Nachtmanager ausgewählt: Es ist Tom Hiddleston, bekannt als missgünstiger Bruder Loki des Hammergottes Thor aus dem gleichnamigen Blockbuster. Oder für Studiokinogänger wohl eher als lebensmüder Vampir aus «Only Lovers Left Alive» von Jim Jarmusch.

Interessant ist die Besetzung seines Gegenspielers: «Dr. House» Hugh Laurie gibt den Mann, der im Buch und in der Serie «als schlimmster Mann der Welt» bezeichnet wird. Der Engländer, der als TV-Arzt lange in Amerika lebte, ist nach London zurückgekehrt und zeigt in dieser Rolle dämonische Grösse hinter einem sanften Lächeln.

Aus dem Mann im Buch wurde eine Frau

Die dritte Schlüsselfigur heisst Angela Burr. Sie ist eine Frau im britischen Geheimdienst, die den Nachtportier in die Entourage des Waffenhändlers schleust. Gespielt wird sie äusserst überzeugend von Olivia Colman, die bei den Dreharbeiten schwanger war. Das hätte der Figur im Buch nicht passieren können: Dort hiess sie Leonard Burr und war ein Mann.

Regisseurin Bier wollte eben mehr Frauen in der Serie und baute auch die Schwangerschaft der Darstellerin kurzerhand ins Drehbuch ein. Auch sonst stellte sie einiges um: Die Handlung verlegte sie von den 1990er-Jahren im Roman in die nähere Gegenwart. Besonders offensichtlich ist das in den Anfangssequenzen in Kairo. Sie spielen jetzt mitten in den Unruhen des Arabischen Frühlings, was der Handlung zusätzliche Brisanz verleiht.



Dies alles geschah in vollem Einverständnis und sogar mit der Unterstützung von John le Carré. Hergestellt wurde die Serie nämlich von der Firma The Ink Factory, die von Simon und Stephen Cornwell geführt wird – das sind die Söhne des Autors, der mit bürgerlichem Namen David Cornwell heisst. Ihr Papa hat sogar einen sekundenschnellen Auftritt als Schauspieler: Einmal sitzt er im Restaurant und gibt eine Bestellung auf.

Hiddlestons Bewerbungsbrief als James Bond

Alles in allem ist «The Night Manager» eine unterhaltende Serie, die manchmal eher zu viel Schauwerte bietet als zu wenig: immer wieder Hochglanzsex und Hochglanzverbrechen in wunderschönen Dekors. Natürlich liegt da der Vergleich mit 007 auf der Hand. «Besser als James Bond», urteilte zum Beispiel der britische «Telegraph». Der «Independent» dagegen befand, alles sei ein wenig klischiert und die Bond-Anbiederung «over the top».

Wie auch immer, für Tom Hiddleston hat sich der Einsatz auf jeden Fall gelohnt. Im Rennen um die Nachfolge von Daniel Craig, der eigentlich noch gar nicht zurückgetreten ist, gehört der 35-Jährige jetzt mit Tom Hardy und Idris Elba zu den Favoriten. Er glänzt mit Ernsthaftigkeit, Schalk – und zeigt seinen nackten Oberkörper in «The Night Manager» so oft, wie es der diesbezüglich auch nicht geizige Daniel Craig in all seinen Bond-Einsätzen nie getan hat.

Erstellt: 26.03.2016, 18:07 Uhr

John le Carré

Der Autor hinter «The Night Manager» lieferte schon manche Vorlage für Filme und TV-Serien: John le Carré (84) wurde 1963 mit dem Thriller «Der Spion, der aus der Kälte kam» weltberühmt. Damals war er selber noch Mitarbeiter des britischen Geheimdiensts, den er fürs Schreiben verliess. Seine berühmteste Figur ist Meisterspion George Smiley, der zuletzt 2011 von Gary Oldman im Kinofilm «Tinker Tailor Soldier Spy» gespielt wurde. Le Carré hat mannnigfaltige Beziehungen zur Schweiz, die er als «zweite Heimat» bezeichnet: Er ist Ehrendoktor der Universität Bern, wo er einst studierte, er verfasste ein Buch über die Affäre um den wegen Landesverrat verurteilten Brigadier Jean-Louis Jeanmaire («Ein guter Soldat») und er fährt gerne nach Wengen in die Ferien.

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