Am Endpunkt der Komik

Ricky Gervais ist bekannt für Schamlosigkeiten. Seine neue Netflix-Serie aber zeigt: Die Luft ist raus.

In Interviews verteidigt Gervais seit Jahren sein Menschenrecht auf Provokation.

In Interviews verteidigt Gervais seit Jahren sein Menschenrecht auf Provokation. Bild: Keystone

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Fernsehen Bald 20 Jahre ist es her, seit der britische Komiker Ricky Gervais in der BBC-Serie «The Office» den erbarmungslos peinlichen Bürochef erschuf – und damit auch gleich die Vorstellungen dessen sprengte, was eine Sitcom sein kann. Und fast zehn Jahre sind vergangen, seit Gervais als notorisch unkorrekter Moderator an der Golden-Globes-Verleihung auftrat, wo die Stars über Witze lachten, die sie sonst höchstens mal im privaten Rahmen machen würden. Dass er jetzt mit seiner neuen Netflix-Serie «After Life» an einem Endpunkt der Komik angekommen ist, folgt einer gewissen Logik: Gervais möchte sich weiterhin wie der unverschämteste Trampel aufführen, aber damit das noch irgendwie funktioniert, schiebt er jetzt ein Höchstmass an Rührseligkeit vor.

Ricky Gervais ist Tony, Stadtanzeiger-Journalist in einem schmucken Küstenstädtchen. Vor ein paar Monaten ist seine Frau Lisa an Brustkrebs gestorben, weswegen Tony depressiv und von Suizidgedanken geplagt zwischen Redaktionsbüro und Wohnhaus hin- und herschlurft, wenn er nicht gerade mit dem Hund rausgeht. Sicher lässt er keine Gelegenheit aus, Leute vor den Kopf zu stossen oder sie seiner ausserordentlich schlechten Laune auszusetzen. Für Tony ist unmögliches Benehmen wie eine Supermacht: Wenn es irgendwann zu viel wird, kann er sich ja immer noch umbringen. Wer will ihm so je etwas anhaben?

Allerdings gibt es auch im Leben nach dem Tod noch ein paar Dinge, die Tony etwas bedeuten. Selbst für eine Sitcom ist das nicht gerade eine bahnbrechende Erkenntnis – zumal der neue Lebensmut in «After Life» vor allem dadurch mobilisiert wird, dass die Nebenfiguren immer wieder auf Tony einreden und ihm sagen, was er doch eigentlich für ein herzensguter Kerl sei. So wirds oft übel sentimental.

Es riecht flau

Ricky Gervais hat sich schon immer für Figuren interessiert, die sich gewaltig überschätzen oder grandios danebentreffen. Dass es im Allgemeinen besser ist, wenn man anderen Menschen mit Freundlichkeit begegnet, hat er uns bereits in der Serie «Derek» zu verstehen gegeben. «After Life» schreckt nicht einmal davor zurück, alte Gervais-Witze zu recyceln. Riecht flau, dieser aufgewärmte Humor.

So landet der Komiker dort, wo er nie hinwollte: in der Harmlosigkeit. In Interviews verteidigt Gervais seit Jahren sein Menschenrecht auf Provokation, erst recht in der Zeit von Polarisierung und politischer Korrektheit. Wenn jetzt aber Tony ein Schulkind auf dem Pausenhof zusammenstaucht, weil es ihn einen Perversling rief, wo er doch nie im Leben ein so fettes Kind missbrauchen würde, und er einem Heroinsüchtigen Geld gibt, damit dieser mit einer Überdosis seinem eigenen Schmerz entkommen kann – dann sind das alles nicht besonders lustige Versuche, mit den Mitteln des ach so grenzwertigen Humors noch irgendwo Anstoss zu erregen. Jemand sei bitte beleidigt!

Auf der Bühne zünden die Schamlosigkeiten, die Ricky Gervais seinen Themen abzwingt, schon länger nicht mehr; für Netflix muss er sich mit viel Gefühlsduseligkeit bewaffnen, um sie noch zu rechtfertigen. Im Grunde besteht die grösste Provokationvon «After Life» darin, dass es Gervais nun für nötig hält, allerhand Leid anzuhäufen, um die Scherze zu erzählen, die er schon immer erzählt hat. Dafür gibt der Schauplatz der Kleinstadt schönes Milieumaterial her: Einmal porträtieren Tony und sein Kollege fürs Lokalblatt einen Leser, der in einem Wasserfleck an der Wand das Gesicht von Sir Kenneth Branagh erkennt. Es sieht überhaupt nicht aus wie Branagh, aber der Mann freut sich von Herzen, dass die Journalisten zu ihm nach Hause gekommen sind, und grinst sehr lustig.

«After Life» läuft auf Netflix.

Erstellt: 15.03.2019, 12:03 Uhr

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