Der Kifferkumpel ist zurück

Fertignudeln und flackernder Blick: Ein neuer Netflix-Film rückt den Dealer Jesse Pinkman aus «Breaking Bad» ins Zentrum.

Aaron Paul liefert in «El Camino» erneut eine intensive Darstellung von Jesse Pinkman. Foto: Ben Rothstein / Netflix

Aaron Paul liefert in «El Camino» erneut eine intensive Darstellung von Jesse Pinkman. Foto: Ben Rothstein / Netflix

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Natürlich tritt in «El Camino» auch irgendwann Walter White wieder auf, der Chemielehrer aus der Serie «Breaking Bad», der in seinem Wohnwagen erstklassiges Methamphetamin kochte. Ein Flashback, aber es ist, als erscheine plötzlich ein alter Freund. Krebskrank hustend zwar, aber immer noch arrogant genug, um seinen Drogenhändler-Komplizen Jesse Pinkman zu korrigieren, weil der im Diner ein Enzym falsch ausspricht.

In einer anderen Welt wären White und Pinkman ein Vaudeville-Duo, in «Breaking Bad» waren sie zwei ineinander verhakte Kriminelle. Im Finale der Serie befreite Walter White seinen Komplizen aus den Fängen einer Nazi-Gang, indem er deren Mitglieder mit einem ferngesteuerten Maschinengewehr rasierte und sich selbst tödlich verwundete. Jesse konnte fliehen, und was ist nun aus dem weissen Gangsta in Hoodie und Baggy-Jeans geworden?

Um das zu beantworten, schickt der «Breaking Bad»-Film «El Camino» die Figur auf eine Reise der Selbstbefreiung. Jesse war ja nie die allerhellste Leuchte, aber wir mochten ihn nicht zuletzt deswegen, weil er den Chemielehrer stets mit «Mr. White» ansprach und seine Meth-Dollars in zwei fette Lautsprecher investierte; er blieb ja doch immer der zweifelnde Verbrecher mit grossem Herz für all jene, die in Gefahr waren.

So etwas macht jeden fertig

Jetzt aber ist dieser Jesse Pinkman vernarbt und verwildert. Seine zwei Kifferkumpel Badger und Skinny Pete helfen ihm fürs Erste mit Fertignudeln und Cash aus, aber Jesse ist wie der verwundete Soldat: flackernder Blick, posttraumatische Störung nach dem Drogenkrieg.

Schauspieler Aaron Paul war schon immer gut in den nervösen Intensitäten, die die Darstellung dieser Figur verlangte. Über die Jahre hat Jesse bei seinen Mitmenschen ein Unheil ums andere verschuldet, ohne dass er etwas davon direkt ausgelöst hätte. Die Dinge sind einfach regelmässig ausser Kontrolle geraten, so etwas macht jeden fertig.

Der Trailer. Video: Netflix/Youtube

Auch wenn Jesse im falschen Leben auf der richtigen Seite stand, hat es ihm mit der Zeit die moralischen Grenzen vernebelt, und wie kommt einer nun halbwegs heil daraus heraus? Am Ende wissen wir vor allem, dass wir es so genau gar nicht zu wissen brauchten. Der schwer geschundene Jesse gewinnt seine Willensstärke zurück, aber nur um den Preis seines früheren Selbsts.

«Breaking Bad» strahlte immer diese filmische Ruhe des Erzählens aus.

Die Struktur ist episodisch, «El Camino» springt vor und zurück, um alle möglichen Figuren auftreten zu lassen, neben Walter White auch den eben verstorbenen Robert Forster als Fixer Ed Galbraith, der zur Tarnung einen Staubsaugerladen führt. Es gibt also wieder super Schauplätze und die Atmosphäre der Wüstenlandschaften New Mexicos. «Breaking Bad» strahlte ja auch immer diese filmische Ruhe des Erzählens aus, besonders in den Breitwand-Verlorenheitsbildern.

Serienschöpfer Vince Gilligan zitiert einmal sogar Alfred Hitchcock, der in «Marnie» in einer Einstellung eine Spannungsszene erfand: In der rechten Bildhälfte plündert eine Diebin einen Bürotresor, links bewegt sich eine wischende Putzfrau durch den Flur langsam auf sie zu. «El Camino» verlegt die Situation vor eine Wohnungstür, eine Putzfrau kommt aber auch noch vor.

Wäre der Netflix-Algorithmus minimal intelligent, würde er als nächstes «Marnie» empfehlen, nur gibts diesen Klassiker beim Streamingdienst gar nicht. Stattdessen meldet die Startseite einen anderen Trend, nachdem vermutlich ein paar Millionen Kunden «El Camino» gesehen haben. Viele davon schauen jetzt offenbar wieder «Breaking Bad».

«El Camino»: auf Netflix

Erstellt: 14.10.2019, 22:03 Uhr

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