Starbucks undercover: «Umsatz machen, Schnauze halten»

Ein Dokumentarfilm zeigt, wie Starbucks funktioniert. Was man ahnt, wird einem hier ungefiltert serviert: Effizienzwahn und leere Versprechungen.

Einst eine alternative Kaffeestube, heute ein Milliardenkonzern: Eine Starbucks-Filiale in Indianapolis, USA.

Einst eine alternative Kaffeestube, heute ein Milliardenkonzern: Eine Starbucks-Filiale in Indianapolis, USA. Bild: Keystone

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Die Haltung der Filmemacher Gilles Bovon und Luc Hermann drückt von Anfang an stark durch: Lasst uns hinter die Türen eines bösen Konzerns blicken. «Starbucks ungefiltert» lief gestern auf ARTE.

Doch da sich der Konzern sehr bedeckt über sein Innenleben hält, schicken die Filmemacher eine Reporterin los, die sich bei Starbucks anstellen und den Zuschauer so am Barista-Alltag teilhaben lässt. Dieser ist von Effizienzsteigerung, Putzen und Zeitdruck geprägt. Die Baristas drücken vor allem Knöpfe und heizen Milch auf. Alles andere, also richtig Kaffee machen, würde zu lange dauern. «Umsatz machen, Schnauze halten», nennt es ein Angestellter, geplagt von Rückenschmerzen wegen ständigen Bückens und Kaffeereichens.

Alles wird gemessen. Die Einnahmen kann man mit Fragen aufbessern: Mandelmilch? Haselnusssirup? Extrastarker Kaffee? Sahne? Schwupps, kostet die Bestellung ein Drittel mehr. Das wird dem Kunden vorher natürlich nicht gesagt. Im Angestelltenbereich hängen Zettel mit dem letzten Verkaufsrekord.

Gute Vorsätze verbrüht

Zwischendurch lernt man Erstaunliches: Starbucks war einst ein Statement gegen Konsum und Kapitalismus. Eine Art Symbol für Alternativkapitalismus, ganz im Sinne der Gegenkultur der Hippies im Amerika der 60er- und 70er-Jahre. Seattle war damals eines der Zentren der Bewegung und auch der Ort, an dem die drei Starbucks-Gründer 1971 ihr erstes Geschäft eröffneten. Sie verkauften hochwertige Kaffeebohnen. Ihr Laden: überschaubar, authentisch.

28'000 Cafés in 75 Ländern: Starbucks ist überall. Die Doku zeigt, welche Methoden hinter dem starken Wachstum stecken. Quelle: Youtube/ Arte

Davon ist die Kette heute weit entfernt. Diesen Wandel illustriert ein Streubildkünstler, indem er vor den Augen des Zuschauers immer wieder neue Bilder aus Kaffeepulver streut. Die einst barbusige Meerjungfrau wird mit der Übernahme von Starbucks durch den neuen Eigentümer bedeckter, mit den steigenden Kaloriengehalten in Kaffeekreationen und den dazu servierten Cheesecakes und Muffins wird sie fetter und fetter. Wegen der anstrengenden Arbeit kriegt sie Augenring um Augenring. Der Kaffeepulvertrick scheint dabei erstaunlicherweise nicht billig, sondern tatsächlich sehr passend, treffend.

«Du musst jonglieren, immer 5 Dinge gleichzeitig. Sonst gehst du unter», sagt ein Mitarbeitender im Film. Gemütlich ist die Arbeit bei Starbucks nicht. Bild: Reuters

Dazu ist es durchaus unterhaltsam, die offiziellen Statements von Mitgliedern und Ehemaligen der Starbucks-Chefetage zu hören. Sie beharren darauf, ein Konzern zu sein, der Verantwortung trägt, für Mitarbeitende, die Gesellschaft und die Umwelt.

Immerhin sollen 99 Prozent des Kaffees aus ethisch korrekter Herkunft stammen. Die Dokuautoren hakten nach und fanden heraus: Starbucks kreierte das Label dafür gleich selbst. Überwacht auch die Einhaltung der selbst aufgestellten Richtlinien. Die Bauern haben anstatt Fair Trade das Nachsehen. Starbucks will nicht direkt mit ihnen verhandeln, sondern zockt sie über einen Zwischenhändler ab, zeigen die Filmer. Zynisch, dass der Direktor einer der Kooperativen, denen Starbucks das Blaue vom Himmel versprach, an die Eröffnung des 300. Stores nach Mexiko-Stadt eingeladen wurde. Mittlerweile hat seine Kooperative die Zusammenarbeit mit Starbucks beendet. So wie auch andere Enttäuschte.

Nichts Neues, aber man will es sehen

Enttäuscht wird der Konsument auch, wenn es um die Umweltfreundlichkeit geht. Das Versprechen, die Becher recycelbar zu machen, wurde bisher nicht eingelöst. Und so schmeckt der Kaffee aus der weissen, beschichteten Pappe mit der grünen Meerjungfrau gleich noch ein Stück bitterer. Starbucks ungefiltert.

Die Sprünge zwischen den Schauplätzen USA, Frankreich und Südamerika wirken während des ganzen Films nie chaotisch oder unruhig. Die Puzzleteile fügen sich schön ineinander, ein Sprecher bietet zusätzliche Orientierung in der langen Liste an Themen, die der Film aufgreift. Zu viel und vor allem alles schon mal gehört?

Nun, streng genommen bringt der Film nicht viel Neues an den Tag. Und doch verbildlicht er, was viele ahnen, aber noch nie selbst nachgelesen oder recherchiert haben: dass Starbucks tatsächlich nicht die nette Kaffeestube von nebenan ist.

Erstellt: 29.08.2018, 15:37 Uhr

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