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Die Bösewichte der anderen

Auf Netflix und ähnlichen Diensten sind zahlreiche Serien zu sehen, die nicht aus den USA kommen. Das ist toll!

MeinungThomas Widmer
Die Gangster sind auch hier so richtig finster, aber die Gewaltszenen sind weniger explizit als jene in US-Serien: Szene aus «Kaçak». Foto: PD
Die Gangster sind auch hier so richtig finster, aber die Gewaltszenen sind weniger explizit als jene in US-Serien: Szene aus «Kaçak». Foto: PD

Eine Stadt in Anatolien, ein paar Männer beim Tee, sie sind alle arbeitslos, doch gut gelaunt samt dem Teehausbesitzer. Im türkischen Alltag ist viel Lebensart, denkt man anlässlich der Thrillerserie «Kaçak». Der Respekt der Leute voreinander fällt auf. Ihre gelassene Körperlichkeit, ihre Nicht­gestresstheit. Die Art, wie sie ihre Kinder herzen.

Eines Tages geschieht Schreckliches. Zwei Verbrecher von auswärts überfallen die Bijouterie. Der Teehausbesitzer, der zufällig vorbeikommt, schaltet die Verbrecher aus mit einer Kaltblütigkeit, die befremdlich ist. Offensichtlich ist er nicht der, für den er sich ausgibt. Seine alte Identität holt ihn ein: Er war Mitglied eines Istanbuler Mafiarings, bis er den Sohn des Mafia­bosses tötete, floh, untertauchte.

«Kaçak» ist zu sehen auf Netflix, der amerikanischen, auch hierzulande abonnierbaren Online­videothek. Die Geschichte aus der Türkei, natürlich deutsch untertitelt, erfreut das Herz des Seriensüchtigen, weil sie enorm spannend ist. Weil sie nicht aus 10 oder 12 oder 22 Episoden besteht, sondern gleich aus 50. Und weil sie vor allem Einblick bietet in eine fremde Kultur.

Alles ist verblüffend anders

Irgendwie ist in «Kaçak» alles verblüffend anders als in amerikanischen Thrillern: der Stil der Gewaltszenen (nicht so detailreich und explizit). Die gefühligen Episoden (im Orient ist mehr Zeit für gepflegtes Schmachten und Trauern). Das Zusammenspiel der Geschlechter (die Frauen­figuren sind unklischeehaft stark).

Natürlich bieten auch das Schweizer Fernsehen, das ZDF und der ORF regelmässig Filmkost aus dem Ausland. Oft werden aber – speziell gilt das für den Kultursender Arte – doch eher Spielfilme der gehoben-pädagogischen Art serviert. Serien wiederum bringen die etablierten Fernsehsender meist im Wochenrhythmus, was den Konsumenten zum Wahnsinn treibt; man lebt in einer Instantgesellschaft und will sofort alles. Die harm­losesten Krimis sind zudem in den Mediatheken vieler TV-Sender zwecks Jugendschutz erst ab 20 Uhr abrufbar.

Isländisches Schweigen

Alles Gründe dafür, dass so viele Leute auf Netflix oder Amazon Prime ausweichen. Zum Glück erwartet sie dort nicht nur Amerikanisches und Englisches. Klar, die Anwaltsserie «Better Call Saul» oder die Kleinstadt-Moritat «Fargo» sind grandiose Filmkost aus den USA. Doch der Kulturmix macht es aus. Derweil das Sortiment wächst, bedient Netflix die globale Kundschaft mit auffallend viel globaler Fiktion – seien es nun Eigen­produktionen oder Eingekauftes.

Die Onlinevideothek wird zum modernen Weltspiegel und Spiegel der modernen Welt – im Einklang mit der Kundschaft, die gut unterhalten werden will, aber nebenbei gern etwas aus anderen Ländern erfährt. Filmeschauen ist wie Reisen. Drei sehenswerte Beispiele:

Netflix stimuliert den Geschmack an Geschichten aus anderen Ländern. Dass es den Managern um die Eroberung fremder Märkte und anderssprachiger Publika geht – na und? Für den Abonnenten resultieren Ausflüge nach anderswo.

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