Das ist das neue «Big Brother» – und richtig gut

Zwar gibt es auch in «The Circle» blonde Bikini-Models. Trotzdem ist die neue Netflix-Show ziemlich clever.

Kandidaten von «The Circle»: In Instagram-optimierten Zimmern auf Like-Fang. Bild: Netflix

Kandidaten von «The Circle»: In Instagram-optimierten Zimmern auf Like-Fang. Bild: Netflix

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Das Konzept von Reality-TV hat lange gut funktioniert, mit überwachten Brothers, geschundenen Topmodels aus Germany, Kakerlakenfressern im Dschungel, talentfreien Talenten. Doch irgendwann gab «die Realität» nicht mehr genug her, und der Voyeurismus des Publikums musste mit Sendungen wie «Wild Wanna Bees – Die ­Luder-WG» bedient werden. Inzwischen haben sich auch eingeschweizerte Hits wie «Der Bachelor» oder «Bauer, ledig, sucht» totgelaufen.

Nun startet mit der Netflix-Show «The Circle» eine Reality-Show, die dem Genre neues Leben einhaucht. Acht Teilnehmer, zwischen 20 und 30 Jahren, wohnen allein in schalldichten Wohnungen und kommunizieren nur über «The Circle» – eine Art Social-Media-App, mit der sie chatten, ihren Status aktualisieren oder Emojis und Bilder schicken können. Wie in herkömmlichen Reality-Shows sind die Kandidaten möglichst typenverschieden gecastet: Ein blondes Bikini-Model, ein IT-Nerd, ein semiprofessioneller Basketballspieler und so weiter.


Trailer zur Netflix-Show «The Circle»

Regelmässig müssen sich die Teilnehmer gegenseitig liken. Die zwei Kandidaten mit den meisten Likes werden zu «Influencern» und müssen jemanden «blocken», was Social-Media-Slang für «eliminieren» ist. Gelegentlich kommen neue Bewohner hinzu; am Ende der Staffel stimmt die Gruppe über das beliebteste Mitglied ab, das dafür 100’000 Dollar einstreicht. Also werden Allianzen geschmiedet, Geheimnisse gelüftet und Tränen vergossen – ohne dass sich die Leute jemals zu Gesicht bekommen.

Was für ein cleveres Konzept! Denn der Abstieg von Reality-TV war nicht nur der Reizüberflutung geschuldet. Der eigentliche Grund war der Aufstieg von Social Media, die reale Reality-Show, wo sich die User ganz ohne Kamerateam öffentlich entblössen und gegenseitig fertigmachen.

Warum man sich das anschauen soll? Weil «The Circle» weniger auf altbekannte Reality-TV-Mechanismen wie Zynismus, Schadenfreude und Fremdschämen setzt, sondern ein psychologisches Experiment und vor allem ein Kommentar auf die Social-Media-Gesellschaft ist: unsere Obsession mit Aufmerksamkeit und Likes. Die Show konzentriert sich ganz auf die Kommunikation, voyeuristische Szenen auf der Toilette oder im Bett gibt es nicht.

Fake-Kandidaten

Ausserdem zeigt «The Circle» eindrücklich, wie soziale Medien Bühnen für unsere Vorstellungen von uns selbst sind – und wenig mit der Realität zu tun haben. Zwei der Kandidaten haben sich denn entschieden, falsche Fotos und Angaben von sich zu teilen. «Ich will der Welt zeigen, dass man Menschen nicht aufgrund des Äusseren beurteilen kann», sagt eine der Fake-Kandidatinnen im Off-Interview. Dass sich die dickliche Frau als attraktiven Vamp ausgibt, bestätigt allerdings gerade den Instagram-Imperativ: Schönheit gewinnt. Ein anderer Kandidat wurde offenbar als Social-Media-Skeptiker gecastet. Doch auch er ist schnell im Circle eingebunden – und bewertet die Konkurrenz eifrig danach, wie «echt» sie ihm erscheint.

Noch ausgeprägter tragisch-komisch ist die Weise, wie die Kandidaten miteinander texten. Total gelangweilt und ohne Ironie schreibt da einer als Antwort auf einen miesen Witz «Lache meinen Arsch weg». Das ist die wahre Leistung des Circles: Zeigen, wie wir virtuell versuchen, uns mit anderen zu verbinden, und dabei Gedanken, Gefühle und Identitäten optimieren, um ja nicht negativ aufzufallen.

«The Circle, Staffel 1». Jetzt auf Netflix abrufbar.

Erstellt: 15.01.2020, 14:34 Uhr

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