Die «Chpetzial Zendung»

Die Westschweizer Satiriker Vincent Veillon und Vincent Kucholl produzieren eine Sondersendung von «26 Minutes». Mit Schlagerstar Melanie Oesch und auf Deutsch.

«26 Minutes» auf Deutsch, Trailer.

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Was sagt es über unser Land aus, wenn sich Welsche und Deutschschweizer in Englisch unterhalten?

Die Frage stellt sich umso mehr, als die beiden Welschen, die sich mit dem Deutschschweizer Produzenten unterhalten, zuvor gerade eine Fernsehsendung auf Deutsch aufgezeichnet haben.

Und sie gewinnt an Brisanz, wenn man bedenkt, dass alle drei bei unserem staatlichen Radio und Fernsehen angestellt sind, das in Lausanne RTS und in Zürich SRF heisst. Das also ist die gelebte Idée suisse.

«Düütsch, merde!»

«26 Minutes» hat vor eineinhalb Wochen eine Sondersendung aufgezeichnet. Für SRF und dessen Sonderprogramm Comedy-Frühling, auf Deutsch. Das wöchentliche Satireformat der beiden Vincents – Kucholl und Veillon – am Samstag zur Primetime hat in der Westschweiz Kultstatus und inzwischen auch in der Deutschschweiz Anhänger. Es funktioniert so: Veillon präsentiert als seriöser Journalist eine fiktive Nachrichtensendung. Kucholl ist in verschiedenen Rollen bei ihm zu Gast, analysiert, erklärt, bilanziert, er mischt in den Gesprächen mit dem richtigen Studiogast als falscher mit. Sitzt als Anhänger der jungen SVP, als Sozialhilfeempfänger, Chaletbauer, Escortdame oder Oberstleutnant im Studio. Einige seiner Figuren sind inzwischen selber Kult.

Es ist 16 Uhr, noch vier Stunden bis zur Aufzeichnung. Hauptprobe. Vincent Veillon sitzt an seinem Moderationspult, neben sich eine Dose Red Bull, vor sich einen Text, der ihn an den Rand der Verzweiflung treibt. «Diese verdammte Scheisssprache», die ihn immer wieder aus seiner Moderation herauskatapultiert. «Düütsch, merde!» Was, wenn ihm das später in der Sendung passiert? Er stolpert ein ums andere Mal über Wörter wie Jodelschlager, Primarschule, über Konjunkturaussichten, selbst über Fremdsprache. Er sieht sich zudem ausserstande, «Ideen» richtig zu betonen. Und «Iden» versteht kein Mensch. Zumindest kein Deutschschweizer Mensch. «Merde!»


Vor der Sendung ist hinter der Kulisse: Vincent Veillon bespricht das Interview mit Melanie Oesch.
Fotos: Anne Bichsel (RTS)

Um seine Nervosität abzuführen, wird Vincent Veillon noch viel fluchen und ein bisschen singen bis 20 Uhr. Der andere Vincent dampft derweil E-Zigarette, redet allen und überall drein. «Bin ich nervös», sagt Kucholl nach der Sendung beim Chinesen nebenan und bestellt die zweite Magnumflasche Roten, «nuggle ich daran wie ein Baby an seinem Schoppen.»

Diese Dampfschwaden im Studio und backstage verraten die Präsenz Kucholls – er selber ist kaum greifbar, er ist überall und nirgends und unglaublich nervös. Er sei nicht nervös, sagt er und inhaliert eine weitere Dampfdosis, er habe Angst, «richtig Angst». Der Dampfomat ist in diesen Stunden sein bester Freund. Er ist immer griffbereit, er muss immer wieder nachgefüllt werden. Weil der Text nicht sitzt. Und weil Kucholl für einmal nicht improvisieren kann.

Der Komplex der Kleineren

Etwas, das uns Deutschschweizer sonst an der Sendung «26 Minutes» verblüfft: Wie treffend Kucholl, Schauspieler und Politologe, uns imitiert. Wie er uns vorführt, wie er die Arroganz des Grösseren (und damit auch den Komplex der Kleineren) herausarbeitet. Dabei macht er uns glauben, er spreche Deutsch. Der muss doch Deutsch sprechen! Tut er aber nicht, er imitiert bloss unser Français fédéral und unsere Gesten.

Mit der «Chpetzial Zendung über den Zonderfall Schweiz» (Abschrift der Anmoderation auf dem Teleprompter) haben Kucholl und Veillon einen Stunt gewagt. «Die hoïtige AusgAbe haben wir für Sie, liebe Doïtschweizer FroïndiNEN und Froïndè, Mass-Geschneidert», liest Veillon; eine ganze Sendung in einer Sprache, die sie allenfalls radebrechen, aber keinesfalls sprechen: Deutsch.

Von Berndeutsch ganz zu schweigen. Und so antwortet Kucholls Figur später im Interview mit Volksmusikerin Melanie Oesch von «Oesch’s die Dritten», dem Studiogast dieser Sendung, auf eine Gegenfrage mit: «Ich bin aus Uri.»

Spass über die Sprachgrenze hinweg (v. l.): Vincent Veillon, Melanie Oesch und Vincent Kucholl alias Bandleader Klaxon.

Von der Sprachbarriere profitieren andere, zum Beispiel der Copyshop um die Ecke. Kucholl verliert das Vertrauen in sich selber und sein «Deutsch». Er schickt Assistentin Maude los: Sie soll ihm einen Prompter basteln, Format A 2, mit dem Text seiner Figur. Maude ruft an: «19 Franken pro Seite!» – «Egal, tchao!» Maude ruft wieder an: «Sie machen es nicht, sie schliessen in 10 Minuten. A 3?» – «Merde, okay, tchao!» Dampf.

«Merde», wiederholt Kucholl irgendwann zu Veillon, als der gerade geschminkt wird. «Ich bin überhaupt nicht entspannt.» SRF sei verrückt, sie für ein solches Experiment angefragt zu haben, sind sie sich einig. Und sie seien noch viel verrückter, zugesagt zu haben. Zu spät. Er freue sich auf den Moment, wenn das durch sei, sagt Kucholl. «Die Erleichterung muss kolossal sein.» Jetzt gerade weiss er noch nicht genau, woher er den Mut nehmen soll, sich derart zu exponieren. Noch dazu vor einem Publikum, das um ein Vielfaches grösser ist als jenes in der Westschweiz. «Wir können eigentlich nur scheitern, oder?»

Eine Sendung in Deutsch zu moderieren, sagt Veillon, sei wie Gehirnwäsche. Folter. «Man ist der Sprache ausgeliefert, komplett abhängig vom Text auf dem Prompter.» Das Hirn spiele ihm immer wieder gefährliche Streiche: Dann, wenn er sich beim Kontrollieren des ­Gesagten erwische. «Weil der Text im Moment des Vortragens nur mehr eine Abfolge von Worten ist, frei von Sinn.»

Veillon repetiert immer und immer wieder seinen Text. Auch während der Einspieler in der Sendung murmelt er vor sich hin, dirigiert sich durch den nächsten Teil seiner Moderation. Der Einstieg glückt fehlerfrei, die Basis ist gelegt. Nach jedem gemeisterten Textabschnitt ballt Veillon jetzt die Faust.

Einfach an Federer denken

Da lebt man also in einem Land, in dem Französisch und Deutsch (und umgekehrt) in der Schule dazugehören – und dann sitzt da einer vor der Kamera, der keine Ahnung hat, was er gerade erzählt. Einem kleinen Kind gleich, für das Zählen von eins bis zehn wie das Singen eines Liedes ist: eine rein fonetische ­Angelegenheit.

Vincent und Vincent dürfen am Donnerstag auf die Sympathien der Deutschschweizer hoffen. Darauf, dass die ihnen die kleinen Holperer als das verzeihen, was sie sind: charmante Versprecher in einer verdammt kniffligen Sprache. ­Zudem waren sie in der «Chpetzial-­Zendung» für einmal ziemlich nett mit uns. Sie können überdies auf den Roger-Federer-Effekt vertrauen: Den mögen die Westschweizer seiner Rückhand ­wegen, lieben tun sie ihn aber für seine Interviews in Französisch. Auch wenn man zugeben muss, dass Federer besser Französisch spricht, als die Vincents ­Tennis spielen.

Ach, wie sagt und schreibt man doch? TA-Redaktor Nicola Brusa instruiert und korrigiert Vincent Veillon.

Beim Schminken entspannt sich Veillon mit einem Kollegen, der später auf der Bühne Akkordeon spielen wird. Sie singen ein bisschen, blödeln herum, trinken Bier und rauchen. Dasselbe passiert später auch auf der Bühne: Musik entspannt. Es ist einer der besten Momente der Sendung: Kucholl fühlt sich als Bandleader Klaxon (Deutsch: Hupe) wohl. Er mischt sich frech ins Gespräch mit Melanie Oesch ein, blufft mit seinen Erfolgen in der waadtländischen Pampa, schwafelt von Expansionsplänen in die Deutschschweiz und präsentiert dem Jodel-Schlager-Schätzeli mit seiner Band den neusten Song «Petunia». Melanie, heute laut Einblender Mélanie, singt und jodelt später mit:

Meine Blume ist gestorben; all ihre Blätter sind verdorben. Joladi joladi jodadiuu!

Die Musik funktioniert auf Anhieb als Sprache über den Rösti­graben hinweg. Oder sind es doch die Petunien?

Niemals war damals, sagt Oesch

Melanie Oesch gibt nach der Sendung auch noch das gute Beispiel der Völkerverständigung über den Röstigraben. «Merci viumau», schreibt sie ins «26 Minutes»-Gästebuch. Und sie unterhält sich locker und charmant in Französisch mit den beiden Vincents. Die drei sprechen über die Unterschiede zwischen Deutsch- und Westschweiz (die Klischees treffen schon ein bisschen zu, findet Oesch), darüber, ob es sich gehört, «Bumsen» am Fernsehen zu sagen (in der Deutschschweiz vielleicht weniger, meint Oesch).

Bleibt noch die Frage, weshalb ausgerechnet Melanie Oesch die Deutschschweiz in dieser Spezialausgabe von «26 Minutes» repräsentiert. Wieso das «Heidi von heute» (Veillon)? Melanie, Vincent und Vincent trafen sich im vergangenen Jahr zufällig im RTS-Studio in Genf, Oesch war auf Promotour für das neue Album ihrer Familienkapelle. Ob sie nicht in die Sendung kommen wolle, fragten die beiden Vincents. Auch wenn ihr die beiden auf Anhieb sympathisch gewesen seien: «Niemals, wenn ich Französisch sprechen muss.»

Niemals? «Eventuell», sagt Melanie Oesch nach der Aufzeichnung, «würde ich eine nächste Einladung nicht ausschlagen.» Kucholl und Veillon haben den Stunt schliesslich unter viel schwierigeren Bedingungen gewagt. Mit dem Resultat, dass die Sendung für ihre Verhältnisse eher milde war. Obschon das Wort «Bumsen» darin vorkommt.


«26 Minutes», Do 22.25 Uhr, SRF 1.

Erstellt: 26.03.2017, 23:18 Uhr

Eine lustige Woche

Comedy-Programm auf SRF

Diese Woche widmet sich das Schweizer Radio und Fernsehen dem Humor. Noch bis Samstag sendet SRF verschiedene Comedy- und Satiresendungen. Dafür wurden im vergangenen Sommer auch die Macher von «26 Minutes» angefragt, weil sie «wild und lustig sind», wie es vonseiten von SRF heisst, und weil sie eine gute Aussensicht auf die Deutschschweiz hätten. Schon seit Samstag gibt es auf SRF 1 eine Programmansage wie in den guten alten Zeiten. Nach der «Tagesschau» geben zum Beispiel Lara Stoll (Slam-Poetin) oder Emil Steinberger (Emil) einen kurzen Überblick über das Programm zur Primetime. Beim Blick ins SRF-Programm für die Comedy-Woche fallen auch noch auf: Toncollagen von Gabriel Vetter («Vetters Töne»), Beat Breu ist Komiker («Samschtig-Jass») und der Abschluss am Samstag mit dem Film «Anchorman». (bra)

Programm: www.srf.ch

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