Die grösste Pflegestation ist die Familie

SRF beendet seine dreiteilige Serie über «Das ganze Leben» mit der Frage «Wohin mit unseren Alten?». Die Doku bot Service public vom Besten.

Sogar der Coiffeur ist inklusive: Ruth Stampfli freut sich über die gute Betreuung und die moderaten Preise im ungarischen Seniorpalace. Bild: SRF

Sogar der Coiffeur ist inklusive: Ruth Stampfli freut sich über die gute Betreuung und die moderaten Preise im ungarischen Seniorpalace. Bild: SRF

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Die «Club»-Diskussion über das Alter vor ein paar Wochen hatte das SRF schön in den Sand gesetzt. «Alt ? Ich doch nicht!», war der Tenor der munteren Ewigjungen um Emil Steinberger. Simon Christen und Helen Arnet machten es jetzt sehr viel besser. Im dritten und letzten Teil der Serie «Reporter Spezial – Das ganze Leben» zeigten sie, ohne zu verdrängen oder zu beschönigen, was das Alter wirklich ausmacht.

Es bedeutet für viele: nicht für sich selbst sorgen können, die Autonomie verlieren, Hilfe brauchen. Und wenn es zu Hause nicht mehr geht: das Heim. Ein rotes Tuch für die meisten. Reporterin Mona Vetsch zog es weg und zeigte die Realität. Auch die bittere Seite: Eine diskrete Kamera folgte Pflegekräften auf einer geschlossenen Demenzstation, ohne die hilflosen Patienten jemals blosszustellen; selbst der Windelwechsel an einer Stehhilfe wurde dezent angedeutet.

Furchtbar, möchte man reagieren, aber auch: gut, gibt es diese Einrichtungen. Und solche wie den Pfleger Reiko Schulz, der genau differenzierte zwischen den Problemen der Dementen, die oft in ihrer eigenen Welt gar nicht so unglücklich sind, und denen der Angehörigen, denen ein vertrauter Mensch entgleitet. Kann es für diesen so etwas wie ein «Happy End» geben?, fragte Mona Vetsch. Ja, meinte der Pfleger – wenn ein gutes Leben schmerzfrei und wohlbetreut zu Ende gehen kann, also sogar auf einer Demenzstation.

Man müsse «fast auf die Knie»

Kaum jemand geht freiwillig ins Pflegeheim. Der Entscheid kommt oft Hals über Kopf – etwa nach einem Sturz – oder von aussen, wenn der Kranke aus dem Spital gleich überführt wird. Wir sehen Heidi Isler (84) mit dem Elektroscooter munter ihre Kurven drehen. Aber auch Vreni Vetsch (76, nicht verwandt mit der Reporterin), deren Erspartes von den Heimkosten aufgezehrt wurde und die jetzt auf Ergänzungsleistungen angewiesen ist. Demütigend sei das, man müsse «fast auf die Knie», um etwas zu bekommen, kommentiert ihr Mann.

Ein Ausweg ist für manche, der Preise wegen, das Ausland. Etwa der Seniorpalace im ungarischen Nemesbük am Plattensee. Dort trifft Mona Vetsch rundum zufriedene Bewohner. Alles da, alles preiswert– rund 2000 Franken im Monat ist ein Wort –, die Betreuer nehmen sich Zeit, nur das Essen sei ungewohnt. Albert Bär würde seine Tante auch gern hierher bringen, aber die Kesb legte ihr Veto ein. (Warum? Das erfuhr man in der Sendung nicht.) Die Kehrseite des ungarischen Paradieses spüren die Ungarn selbst: Sie können sich den Seniorpalace nicht leisten, und die Pflegekräfte, die hier mehr verdienen, fehlen den heimischen Heimen.

Weil er mein Mann ist

Die Mehrheit der Hilfsbedürftigen in der Schweiz wird zu Hause betreut, die grösste Pflegestation sei die Familie, meint eine Fachfrau. Im Normalfall der Ehepartner. Zwei Beispiele führte die Sendung vor, verschwieg nicht die Grenzen, an die die Angehörigen stossen (und verwies auf mögliche Entlastungsdienste), nannte aber auch unpathetisch und glaubhaft die Motive: Liebe. Etwas zurückgeben wollen. «Weil er mein Mann ist.»

«Die Neige des Lebens»: Diese SRF-Doku war Service public vom Besten. Erheblich dazu beigetragen hat die bei aller Aufgestelltheit einfühlsame, zugewandte Reporterin, deren spürbares, über die Professionalität hinausgehendes echtes Interesse die Gesprächspartner regelrecht öffnete. Der Film war privat und politisch zugleich, indem er zeigte, dass das Alter jeden anders trifft, aber dass man die letzte Lebensphase nicht den Betroffenen und ihren Nächsten allein überlassen darf. Das Fazit der Sendung lautete deshalb: Alter in Würde für alle möglich zu machen, ist eine gesellschaftliche Aufgabe von hoher Priorität.

«Die Neige des Lebens – Wohin mit unseren Alten?» wird am Sonntag, 4. 8., 8.45 Uhr wiederholt.

Erstellt: 29.07.2019, 08:36 Uhr

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