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Die Mädchen greifen an

Lena Dunhams Serie «Girls» hat fünf Jahre lang hemmungslos ehrlich vom Leben mit Anfang zwanzig erzählt. In der letzten Staffel radikalisiert sich ihr Ton.

Anne Philippi

Lena Dunham, Hauptdarstellerin, Autorin und Erfinderin der HBO-Serie Girls hat wegen Donald Trump abgenommen. «Donald Trump wurde Präsident und ich bin nicht mehr in der Lage, echtes Essen zu mir zu nehmen.» Lenas Diät-Tipp klingt nach hartem Liebeskummer, nach Schmerz, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit verbunden mit dem amerikanischen Prinzip des «Revenge Body»: Ein toller, trainierter Körper ist die beste Rache, zum Beispiel an einem Ex-Freund, der einen nicht gut behandelt hat, oder eben an Donald Trump.

Lena Dunham und ihre Mitspielerinnen starten an diesem Wochenende in die sechste und letzte Staffel von Girls. Und wenn man derzeit am Sunset Boulevard im Nachmittagsgegenlicht an den grossen Plakaten vorbeifährt, schaut man in andere Gesichter als noch vor ein paar Jahren. Als die Girls noch angriffslustiger, süsser dreinschauten. Als es noch nur darum ging, sich gegen die Eltern aufzulehnen.

Die Zeiten aber sind heute andere, und die Gesichter der vier Girls erzählen von den Dingen, die sie gelernt und gesehen haben. Sie wissen jetzt, wie man Traurigkeit aushalten kann, wie Fremdgehen funktioniert, wie sich schlechter Sex anfühlt und wie sich einem der Magen umdreht, wenn man verlassen wird. Die Zeiten ihrer Millennial-Krisen, die von falschen Facebook-Freunden oder fehlgesendeten SMS handelten, sind vorbei. Früher wirkte die New Yorker Clique aus Hannah (Dunham), Marnie (Allison Williams), Jessa (Jemima Kirke) und Shoshanna (Zosia Mamet) mit ihren erstaunlich ähnlichen Secondhand-Kleidern wie eine eigene Person, ein eigenständiger, aber zusammenhängender Problemkomplex dieses Jahrtausends.

Dunham wurde deshalb bedroht und beschimpft

All das basierte noch auf Lena Dunhams Idee, auf ihrem «schrecklichen» (Dunham) Pitch, mit dem sie einst beim Bezahlsender HBO auflief. Es ging ihr damals um dieses Schlachtfeldgefühl zwischen später Teenagerzeit und Erwachsenwerden, wenn man aus dem College oder aus der Universität kommt und direkt in eine Welt ohne «Glamour und Struktur» hineinrauscht; es ging um diesen Fluxus-Zustand, den fast niemand gut und unbeschadet übersteht.

Dunham wollte von Frauen (und ihren Freundinnen) erzählen, und Girls entstand auf dem Höhepunkt einer neuen, liberalen, halb neurotischen, sehr sexuellen Welt, und erzählt davon wurde in einem neuen und sehr liberalen Vokabular. Diese Sprache hatte es bis dahin im Fernsehen nicht gegeben, sie klang wie eine Therapiestunde auf Amphetaminen und eine Lehrstunde im sogenannten «Oversharing», einer amerikanischen Disziplin, die darin besteht, übermässig viele, peinliche und intime Dinge loszuwerden und das in Sekunden und vor Menschen, die man eben auch erst seit ein paar Sekunden kennt.

In Girls schien es keine Grenzen zu geben. Analsex über eine ganze Folge lang? Kein Problem. Der Vater wird schwul? Klar, ein Thema für drei Folgen. Deine Eltern drehen nach dem College den Geldhahn zu und du sollst für eine langweilige Lifestyle-Zeitschrift Dinge erfinden? Niemals, nein, sofort kündigen. Selten wurde von einer Welt, die nur einfach erscheint, es aber nicht ist, so frisch, so präzise, so universell erzählt wie in Girls. Lena Dunham hat mit ihrer Serie etwas erschaffen und nicht nur abgebildet. Sie hat eine neue Fremdsprache erfunden: Girltalk im Jahr 2012, als «Sex and the City», die andere grosse HBO-Serie über vier Frauen und ihr Leben in New York, ganz plötzlich wie billige Luxuswerbung aussah. Carrie und ihre Freundinnen waren immer perfekt gestylt und makellos, Lena Dunham hatte Speck am Bauch und war ganze Episoden lang nackt.

Dunham erzählte aus einer Welt, die sie kannte

Im Sommer des vergangenen Jahres begann Dunham mit einer neuen Reflexion ihrer Show. «Ich war übermässig viel daran interessiert, irre Mädchen, übergewichtige Mädchen und merkwürdige Halbjuden zu repräsentieren. Ich hatte vergessen, dass es da draussen eine ganze Welt von Frauen gibt, die nicht repräsentiert waren.» Dunham erzählte in Girls aus einer Welt, die sie kannte, und aus der sie stammte, eine wohlhabende, weisse Welt. Sie gab nie vor, über schwarze Frauen oder Latinofrauen Bescheid zu wissen oder sogar für diese zu sprechen. Dunham wurde zum Sinnbild der Grossstadtfrau in ihren Zwanzigern, die die letzten Geheimnisse einer aufgeklärten Heranwachsenden verpetzt: Ja, mein Freund pinkelt in der Dusche. So hätte das ewig weitergehen können.

Diese Welt, in der Girls über diese Dinge recht hemmungslos räsonierte, erhielt im November nach der Wahl von Donald Trump einen Schlag auf den Kopf. Dunhams Sprache kollidierte direkt mit der simplen republikanischen Rhetorik von Trump und dessen Berater Stephen Bannon. Dunham gilt als Paradebeispiel der privilegierten Künstlertochter, die ab dem Alter von sieben einen Kindertherapeuten aufsucht, ganz anders als Ivanka Trump, die mit sieben Jahren ihren Vater zu Firmenterminen begleitete. Lena Dunham galt sehr früh als Repräsentantin der bösen Filterblase Hollywood, die nichts mehr rafft, was im Land passiert, und sich angeblich nur noch mit Fragen der Sorte beschäftigt, wie viele Transgender-Toiletten es in New York gäbe.

Doch Dunham raffte eine ganze Menge und liess sich eine Menge bieten, um Hillary Clinton im Wahlkampf zu unterstützen und die Organisation «Planned Parenthood», die sich unter anderem für das Recht auf Abtreibung starkmacht. «Ich habe Drohungen und Beschimpfungen auf einem Level erhalten, das ich mir nie hätte vorstellen können. Meine Twitter-Nennungen steigerten sich von gemein zu gewalttätig. Mein Telefon wurde gehackt und man schickte mir Bilder mit toten Babyföten und Waffen. Ich wurde eine fette Hure genannt, eine Behinderte, und man sagte mir, ich sollte in Gegenwart aller, die mich kennen, getötet werden», schrieb Dunham nach der Wahl.

«Wir wurden alle radikalisiert»

Wer so etwas eineinhalb Jahre lang mitmacht, ist kaum als «Snowflake» zu bezeichnen, so wie die neue Trump-Regierung angeblich überempfindliche, weinerliche Wähler nennt, die jetzt ihre liberale Welt in Schutt und Asche sehen. Die Generation, die gerade im Alter von Lena Dunham ist, und die «Zerstörung des Establishments» nach dem Willen von Stephen Bannon jetzt gefälligst aushalten soll.

Die Fans von Lena Dunham und Girls werden da jedoch nicht mitmachen. Dunham sagte kürzlich: «In dieser neuen Realität wurden wir alle radikalisiert.» Jede Radikalisierung aber beginnt mit einer neuen Sprache, und die wird in der letzten Staffel gesprochen, auch wenn die vor Trumps Sieg gedreht wurde. Das macht aber nichts, denn Lena Dunham und ihre Freundinnen brauchen Trump nicht, um zu wissen, wie man Kriege führt. Sie sind offenbar tatsächlich erwachsen geworden. (Süddeutsche Zeitung)

Die letzte Staffel von «Girls» läuft jetzt auf HBO und ab April auf TeleClub.

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