Die Nächste, bitte

Neid, Konkurrenz, Zickenkrieg – in «Germany's Next Topmodel» spiegeln sich viele Erfahrungen, die junge Menschen aus ihrer Lebenswelt kennen.

Die Moderatorin und ihre «Meeedchen»: Heidi Klum umgeben von den zehn erfolgreichsten Teilnehmerinnen der 14. Staffel ihrer Casting-Show. Foto: Micah Smith/ProSieben

Die Moderatorin und ihre «Meeedchen»: Heidi Klum umgeben von den zehn erfolgreichsten Teilnehmerinnen der 14. Staffel ihrer Casting-Show. Foto: Micah Smith/ProSieben

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«Schnipp, schnapp, Haar ab», sagt Heidi eingangs diabolisch grinsend, zwei Werbeblöcke später gellen schon die Oh-mein-Gott!-Schreie durchs Studio, und bei Justine kullern Tränen, weil sie ja von einer langen Mähne träumt, jetzt aber einen Kurzhaarschnitt verpasst bekommt, während die in die Modelvilla zurückgekehrte Jasmin klagt, dass sie von den anderen Mädchen gemobbt werde (was sich zwei Folgen später von selbst erledigt, da Jasmin im Zorn Lena ein Büschel Haare ausreisst und rausfliegt).

Nach noch mal zwei Werbeblöcken muss auch Sarah weinen, weil Heidi beim Fotoshooting sagt, sie wisse immer noch nicht, wer Sarah eigentlich sei, was Sarah verständlicherweise «etwas hart» findet, worauf Heidi tröstet, sie habe sie «nur ein bisschen pushen» wollen. Und siehe da, nach 165 Minuten fliegt auch gar nicht Sarah raus, sondern Leonela.

Das war in aller Kürze die Handlung der 5. Episode der 14. Staffel von «Germany's Next Topmodel», der umstrittensten Sendung im deutschen Fernsehen. Für Geniesser: GNTM. Die «Umstyling-Folge», ausgestrahlt am 7. März bei Pro Sieben, haben sich 2,75 Millionen Menschen angesehen; bei der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen betrug der Marktanteil erstaunliche 22 Prozent.

Halten wir fest: Die Sendung, die an diesem Donnerstag mit Simone, Cäcilia und Sayana ins Finale geht, hat in ihrer 14. Auflage zwar nicht mehr ganz so viele Zuschauer wie in früheren Jahren, aber immer noch ein Millionenpublikum. Sie ist so erfolgreich, dass Heidi Klums Vertrag gerade um sechs Jahre verlängert wurde. Wie kann das sein?

«Mädchen holen sich da heute eher Tipps, wie sie sich selbst inszenieren können.»

Kritik von allen Seiten begleitet GNTM seit der allerersten Folge, in gleichbleibend schriller Tonlage. Die Sendung postuliere ein unrealistisches Schönheitsideal, das junge Mädchen seelisch unter Druck setze. Sie vermittle ein ungesundes Körperbild, das der Magersucht Vorschub leiste. Bei der stets aufgekratzt fröhlichen Moderatorin Heidi Klum handele es sich in Wahrheit um eine Art Monsteratorin, die ihre «Meeedchen» in erniedrigende Situationen manövriere, um sich dann an ihrem Elend zu ergötzen.

Gefordert werde «Personality», belohnt aber würden Konformität, Gehorsam und totale Unterwerfung, also alles, was Frauen kleinmacht. Die Kandidatinnen würden als Stereotype inszeniert und der schenkelklopfenden Öffentlichkeit zum Frass vorgeworfen – die Zicke, die Heulsuse, die Durchgeknallte -, von wirklicher Diversität jedoch fehle jede Spur.

Man addiert den Vorwurf der Dauerwerbesendung, der dröhnenden Langeweile und totalen Verblödung und kommt bei einer Schlagzeile an, die mal in der Welt zu lesen war: «Die hässlichste Fratze im deutschen Fernsehen». Wenn sich demnächst herausstellte, dass GNTM die Ozeane vermüllt, man wäre nicht überrascht.

Nun aber doch die Frage: Stimmt das denn alles? Und warum schauen da jeden Donnerstag eigentlich immer noch so viele Menschen zu?

Was macht die Anziehungskraft der Sendung aus?

Die Sendung ist von Feministinnen, Kolumnistinnen, Pädagogen und Psychologen so anhaltend und vollumfänglich vernichtet worden, dass man sich eigentlich schon beim Einschalten schuldig fühlt. Weshalb es einen bei Ansicht von Staffel 14 nun nahezu körperliche Mühe kostet, all den Empörungsballast kurz beiseitezuwuchten. Es fühlt sich wirklich so an: tief Luft geholt, innerlich Anlauf genommen, beiseitegehoben – los geht's.

Erster Eindruck: Die durch Werbepausen in unfassbare Längen zerdehnte Sendung ist auf perfide Weise tatsächlich unterhaltsam, ein Basisinteresse an Teenagern, Promis und Mode vorausgesetzt. GNTM appelliert dabei oft an die niedrigsten Instinkte – Voyeurismus, Neid, Schadenfreude -, genauso häufig kommen aber auch positive Gefühle wie Sympathie, Mitleid, Heiterkeit hoch.

Es tritt in dieser 14. Staffel das Kaliber von Leuten auf, die in überschaubareren Zeiten und vor einem rührend geehrten Fernsehpublikum mal bei Thomas Gottschalk auf der Wettcouch sassen: Gisele Bündchen, Toni Garrn, Naomi Campbell, Paris Hilton, nicht zuletzt auch Gottschalk selbst. Und Heidi natürlich. Die Model-Mutti, in ihre Aggregatzustände aufgedröselt, besteht bei GNTM zu sechs Teilen aus guter Laune, zu zwei Teilen aus Trost und zu zwei Teilen aus Erbarmungslosigkeit. Man kann daraus eine Monster-Mutti montieren, man kann aber auch sagen: Sie ist im 14. Jahr immer noch unglaublich professionell.

Die Diversitäts-Debatte ist ähnlich flott abgeräumt. Es sind oder waren diesmal unter anderem eine Füllige, eine Transsexuelle und eine Tamilin in der engeren Auswahl. Die GNTM-Kritiker haben das unter dem insgesamt zynischen Kalkül der Sendung abgebucht. Doch auch sie können nicht leugnen, dass die noch amtierende Gewinnerin aus Staffel 13 eine Deutschnigerianerin namens Oluwatoniloba Dreher-Adenuga ist, die in ihrer Stuttgarter Kindheit wegen ihrer dunklen Hautfarbe bespuckt und mit Steinen beworfen wurde.

Magersucht? Findet der Psychologe «absurd»

Nun zum Thema Magersucht. Heikel. Bei einer Umfrage unter Essgestörten im Jahr 2015 gaben 34 Prozent tatsächlich an, die Sendung habe einen «sehr starken Einfluss» auf ihre Erkrankung gehabt. Die Kommission für Jugendmedienschutz hat das Format daraufhin mehrmals überprüft und kam zu dem Schluss, dass GNTM «keine Essstörungen fördernde Tendenzen» aufweist. Der Psychiater Borwin Bandelow spricht auf Anfrage sogar von der «untersten Schublade der Trivialpsychologie». Die Vorstellung, dass eine Fernsehsendung so komplexe Krankheiten wie Magersucht oder Bulimie hervorrufen könne, sei «absurd», sagt er.

Das bei GNTM postulierte Körperbild ist natürlich trotzdem bedenklich. Es stimmt schon, die meisten Kandidatinnen sind schöner, grösser, dünner als die meisten ihrer Altersklasse. Aber dann auch wieder nicht so schön, so gross und dünn, dass sie morgens an der Bushaltestelle auffallen würden. Das ist ja eben das Konzept der Sendung. Eine normale 14-Jährige soll sich mit den Kandidatinnen identifizieren, mit ihnen mitleiden und mitfiebern können. Eine andere, für die real existierende Modewelt unglaublich bittere Wahrheit lautet: Wenn Heidi Klums sogenannte Topmodels bei der Pariser Fashion Week mitlaufen wollten, müssten die meisten erst mal abnehmen.

Generationen sitzen zusammen

Die jungen Mädchen übrigens, die die Öffentlichkeit durchaus ernst nimmt, wenn sie freitags für das Klima demonstrieren, denen sie aber jegliches Urteilsvermögen abspricht, wenn sie donnerstags GNTM gucken – sie sind vor dem Fernseher nicht mal in der Mehrheit. Die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung hat vor fünf Jahren einmal die Verteilung der Zuschauer nach Geschlecht und Altersgruppen untersucht (der Sender selbst will neuere Daten nicht herausgeben). Ergebnis: Am grössten war das Interesse bei den Frauen im Alter zwischen 20 und 29 Jahren, gefolgt von Zuschauerinnen in den Dreissigern, Vierzigern und Fünfzigern. Nur Frauen ab 65 Jahren schalteten seltener ein als die Gruppe der 14- bis 19-jährigen Mädchen. Und fast jeder dritte Zuschauer war männlich.

Tatsächlich sitzen die Generationen am Donnerstagabend sogar häufig zusammen vor dem Fernseher. Hört man sich im eigenen Bekanntenkreis um, dann scheint GNTM nahezu die einzige Unterhaltungssendung zu sein, die sich Eltern und Kinder noch gemeinsam ansehen. Die Eltern tun das entweder, um das Gesehene hinterher kritisch zu besprechen, oft aber auch, weil sie insgeheim selbst Spass daran haben (was sie aber ungern zugeben und niemals ohne den Nachsatz, die Sendung sei natürlich der letzte Scheiss). Ausnahmslos alle beschäftigt dabei auch die Frage: Was macht GNTM mit meiner Tochter?

«Es geht darum, dass du toll aussiehst.»

Darüber kann man wunderbar mit Maja Overbeck reden. Für ihr Buch «I love Teens», vor einem Jahr erschienen, hat sie viele Interviews mit Jugendlichen geführt. Bei den Mädchen spielte GNTM eine grosse Rolle, nicht nur als Gesprächsthema am nächsten Tag auf dem Schulhof. Sie fanden auch vieles aus ihrem eigenen Alltag in der Sendung wieder. Overbeck, 51, hat GNTM selbst jahrelang verfolgt, das Format habe sich seit den ersten Staffeln spürbar verändert: «Da sind viele Themen eingeflossen, die für Teenager heute eine Rolle spielen. Es geht nicht mehr in erster Linie um die Inszenierung von Mode. Mädchen holen sich da heute eher Tipps, wie sie sich selbst inszenieren können.»

Der Schönheitsdruck sei angesichts von sozialen Netzwerken wie Instagram und der Selfie-Kultur brutal geworden, sagt Overbeck. «Bei Instagram geht es ja nicht in erster Linie darum, dass dein Leben so toll ist. Sondern dass vor allem du selbst toll aussiehst.» Wie style und schminke ich mich richtig, wie posiere ich, wie schaue ich in die Kamera? Bei GNTM gibt es die Vorlagen dazu. Es gibt ausserdem die Zickenkriege, die Konkurrenz, den Neid auf andere, die schöner sind: «All das haben die in ihrem Alltag auch.» Am Ende ist es wahrscheinlich wirklich so: dass die Sendung ähnlich grell, oberflächlich und voyeuristisch ist wie die Welt, in der viele junge Menschen heute leben.

Also alles halb so wild mit den Topmodels? Da zitiert Maja Overbeck aus der Dr.- Sommer-Studie der Zeitschrift Bravo: 78 Prozent aller Elf- bis 17-Jährigen stellen einen Zusammenhang her zwischen Beliebtheit und Dünnsein. Jede vierte Zwölfjährige hat schon einmal eine Diät gemacht. «Wie die Mädchen in meinem Umfeld diesem Ideal ausgeliefert sind, das bewegt mich zutiefst», sagt sie. «Was ist eigentlich, wenn du heute nicht dünn und langbeinig bist, sondern klein und ein bisschen dick?» GNTM sei eher Ausdruck als massgebliche Ursache dieser Entwicklung. «Aber deswegen kann man auch nicht sagen, dass die Sendung harmlos ist.»

Wenn man selbst eine 14-jährige Tochter hätte, wäre es einem lieber, sie würde «Germany's Next Topmodel» nicht einschalten. Genauso lieb wäre einem, sie würde Instagram nicht nutzen, keine Modemagazine anschauen und die Plakatwerbung mit Wäsche- und Bikinimodels ignorieren. Dann müsste sie aber mit geschlossenen Augen durchs Leben gehen. Und das wäre letztlich auch nicht die Lösung.

Erstellt: 23.05.2019, 18:32 Uhr

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