Die Ökos sind Esos sind Faschos

Im Schwarzwald kauft ein Neonazi-Netzwerk verlassene Höfe und schleust Kita-Betreuer ein. Ein gruseliger «Tatort»? Nein, nur lahm und tapsig.

Eine Art völkische Amish People machen im neuesten «Tatort» den Schwarzwald unsicher.

Eine Art völkische Amish People machen im neuesten «Tatort» den Schwarzwald unsicher. Bild: Das Erste

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Schein trügt, natürlich. Da mag die Kamera noch so genüsslich über intakten Wald und saftig grüne Matten schwenken, im Schwarzwald lauert das Böse, das weiss der «Tatort»-Habitué, das verlangt er. Diesmal bekommt er es auf dem Böttger-Hof geliefert, einer vermeintlich vorbildlich ökologisch orientierten Anlage: «Die ernten die alte Wasserbirne», kommentiert fast neidisch Kommissar Berg (Hans-Jochen Wagner). Dabei hätte ihm der übergross an der Aussenwand prangende Spruch «Boden und Blut: heilig gut» die Augen öffnen müssen: Die Ökos sind Esos sind Faschos.

Die Kommissars-Augen sind aber vorläufig noch vernebelt durch die alte Schulfreundschaft mit dem Hofbesitzer Volkmar (Nicki von Tempelhoff) und die eigenen Zweifel, ob er nicht das Ermittlerbüro verlassen und den väterlichen Hof übernehmen soll. «Werd wieder Bauer», rät ihm Volkmar. Einstweilen kommt die ganze Böttger-Familie, die aussieht wie aus einem Dokfilm über Amish People, zum Zibärtle-Ernten. Beim Begräbnis der an Diabetes gestorbenen Tochter Sonnhild wird Berg dann aber doch mulmig: Die Zeremonie erinnert allzu stark an Ku-Klux-Klan-Rituale, das Gerede vom «Krieg gegen Umvolkung» auch.

Ermittelt wird trotzdem nicht straff und zügig, sondern lahm und tapsig. Der Zuschauer ist den Kommissaren (neben Berg noch Eva Löbau als Franziska Tobler) meist eine halbe Stunde voraus, die ganze Folge dauert gefühlt drei Stunden, was auch daran liegt, dass zwischen Fragen und Antworten meist eine bedeutungsvolle Pause geschaltet wird und kernige Männer sich lange schweigend drücken und auf die Schulter hauen müssen. Irgendwie wollten die Macher diesen provinziellen Tatort (Regie: Umut Dag, Drehbuch: Patrick Brunken) dann doch mit der ganz grossen Kelle begiessen. Da bildet sich nämlich im Schwarzwald gerade ein Neonazi-Netzwerk, kauft verlassene Höfe auf, schleust Kita-Betreuer, Kindergärtner, Lehrer ein, und irgendwie ist der Staatsschutz auch mit dabei. Huch, wie gruselig. Dem sind Tobler/Berg natürlich nicht gewachsen, weshalb sie mehrfach kleine «dei ex machina» brauchen, damit die Folge überhaupt zu einem Ende kommt.

Einen «Schwarzwald-Tatort» hat man eigentlich bisher nicht vermisst. Nach «Sonnenwende», der zweiten Ausgabe, vermisst man ihn immer noch nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.05.2018, 22:24 Uhr

Kritik, Rating, Diskussion

Lesen Sie stets nach dem «Tatort»-Film die Kritik und das Rating der Kulturredaktion – und beurteilen Sie den Film selbst.

Rating

«Tatort»-Folge: «Sonnenwende»

Gesellschaftsrelevanz
Blutzoll
Spannung
Humor
Gesamteindruck

1 Stern = schlecht, 5 Sterne = sehr gut

Umfrage

Wie viele Sterne verdient die Folge?







Artikel zum Thema

Es dunkelt im Heidschnuckenland

TV-Kritik Der dritte «Tatort» mit dem Bundespolizei-Duo Falke und Grosz ist der beste bis jetzt: In Lüneburg führt ein verdächtiger Flüchtling in richtig dicken Provinz-Sumpf. Mehr...

Wenn Kommissar Zufall ermittelt

TV-Kritik Der Nürnberger «Tatort» war das wahrscheinlich grösste Durcheinander in der jüngeren Krimi-Geschichte. Mehr...

Der «Tatort»-Umzug nach Zürich ist eine Chance

Die Limmatstadt als Filmkulisse? Das Potential ist da – wenn die Polizei auch tatsächlich mitspielt. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Muss man tragen können: Eine Teilnehmerin posiert am Leipziger Wave-Gotik-Treffen in Deutschland. (20. Mai 2018)
(Bild: AP Photo/Jens Meyer) Mehr...