Die Rückkehr der Celebrity-Astronauten

In der Schwerelosigkeit essen sie Pizza, spielen mit dem Fidget-Spinner und singen Bowie-Songs. Astronautinnen und Astronauten sind wieder Idole – dank den sozialen Medien.

WG-Essen auf der ISS: Das Pizza-Video mit Astronaut Paolo Nespoli und seinen Kollegen.


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Dass die Pizzen nicht unbedingt wahnsinnig lecker aussahen, störte niemanden. Schliesslich drehten sie sich lustig in der Schwerelosigkeit. Kaum ein Nachrichtenportal, das letzthin nicht vom Pizzaessen auf der Internationalen Raumstation ISS berichtete. Der italienische Astronaut Paolo Nespoli hatte offenbar seine Lieblingsspeise vermisst, ein Nachschubflug lieferte ihm und seinen Kollegen daraufhin die Zutaten. Die Bilder, welche die Runde machten, zeigten Astronauten, die gemeinsam Pizzen belegen – eine Art WG-Znacht auf der ISS.

Tausend-, ja gar millionenfach wurden die Youtube-Videos von der ISS in den letzten Jahren angeklickt. Etwa, wenn die Astronautin Suni Williams durch die Raumstation führte; wenn ihre Kollegin Karen Nyberg zeigte, wie mühsam Haarewaschen im Weltall ist; oder wenn die aktuelle Besatzung den Fidget-Spinner in der Schwerelosigkeit drehen liess. Astronauten scheinen in der öffentlichen Wahrnehmung wieder präsent zu sein.

Suni Williams führt durch die ISS.

Das war nicht immer so. «Schnell, nennen Sie mir den Namen eines Astronauten!» titelte ein US-Magazin einmal zu Beginn der 2000ern – ein bissiger Kommentar auf den Zustand der bemannten Raumfahrt. Die Shuttle-Missionen der Nasa verschlangen zwar jedes Jahr Milliarden US-Dollar, interessierten jedoch niemanden mehr.

Es gab schlicht keine Mercury- und Apollo-Missionen mehr, auf denen Männer wie John Glenn und Neil Armstrong ins Unbekannte aufbrachen und Idole wurden. Es fehlten auch ihre fiktiven Vetter. James T. Kirk vom «Raumschiff Enterprise» etwa, der technischen Fortschritt und gesellschaftliche Utopien verkörperte – all das, was die Raumfahrt der Menschheit noch bringen sollte.

Die Missionen waren austauschbar geworden, die Euphorie des Space-Age war zu verstaubter Nostalgie verkommen, die Astronauten gerieten als Helden in Vergessenheit. Wieso auch in unbekannte Welten drängen, wenn es auf der Erde genug Rätsel und Problem gibt? Die Namen von Astronauten nennen können? Ja, jene aus den 60ern – die sind manchmal Lösungen im Pub-Quiz.

«From orbit: Launch was awesome!!»

Die Wende kündigte sich 2009 an. Der US-Astronaut Mike Massimino twitterte damals als erster Mensch aus dem Weltall: «From orbit: Launch was awesome!!». Die Menschen waren begeistert von diesem direkten Draht ins Weltall. 2013 lieferte der Kanadier Chris Hadfield dann schon regelmässig Videos von der Internationalen Raumstation. Spätestens mit seiner Darbietung von David Bowies «Space Oddity» wurde er zur internationalen Ikone; zum ersten «Celebrity-Astronauten seit Jahrzehnten», wie ein Magazin titelte. Vergangenes Jahr zog schliesslich auch Hadfields britischer Kollege Tim Peake nach – seine Videos von Experimenten und Raumspaziergängen begeisterten halb Grossbritannien für die Raumfahrt.

Chris Hadfield sing Bowies «Space Odity».

Es ist interessant, dass Astronauten ausgerechnet in Zeiten der sozialen Medien wieder Vorbilder werden. Twitter und Co. gelten als Narzissmus-Beschleuniger, als Beweis dafür, dass in der heutigen Welt nur noch die Lauten, die Selbstverliebten und die Alphatiere weiterkommen. Doch ausgerechnet diese Charakterzüge darf nicht besitzen, wer Astronaut werden will.

Die Selbstkritische besiegt die Alphas

Eindrücklich zeigte dies die Show «Astronauts – Do You Have what It Takes», mit welcher die BBC zu Beginn dieses Jahres auf die Tim-Peake- und Raumfahrt-Euphorie der Briten reagierte. Im knallharten Astronauten-Casting unter Chris Hadfield wurde deutlich: Mit Mars-Mission und Asteroiden-Landungen hat die Raumfahrt wieder Visionen. Doch die Astronauten für diese Reisen werden mehr denn je teamfähig und überlegt sein müssen.

Gewonnen hat das Casting die Britin Suzie Imber. Als Preis erhielt die 33-jährige Astrophysikerin und Alpinistin ein Empfehlungsschreiben von Chris Hadfield, mit dem sie sich bei der nächsten Astronautenauswahl der ESA bewerben kann. Imber hatte sich in Hadfields Tests gegen eine ganze Reihe von Alphatieren durchgesetzt, weil sie sich als zurückhaltende und selbstkritische Teamplayerin erwies. Astronauten und werdende Raumfahrerinnen machen wieder gute Vorbilder. Und ja, Dr. Suzie Imber ist auf Twitter.

Erstellt: 11.12.2017, 11:57 Uhr

Tim Peakes Morgenkaffee auf der ISS

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