«Die Suizidszene wirkte abschreckend»

Zwei Schweizer Schüler sprechen über «13 Reasons Why», die Netflix-Serie über Mobbing, Depression und Selbstmord. Jugendliche weltweit schauen sie gebannt. Fachleute sind alarmiert.

Ein Selbstmord, 13 Gründe: Katherine Langford als Hannah Baker in «13 Reasons Why». Foto: Netflix

Ein Selbstmord, 13 Gründe: Katherine Langford als Hannah Baker in «13 Reasons Why». Foto: Netflix

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Netflix-Serie «13 Reasons Why» basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Jay Asher (auf Deutsch: «Tote Mädchen lügen nicht»). Im Zentrum der Handlung steht die 17-jährige Hannah Baker, die Suizid begangen hat. Zwei Wochen nach ihrem Tod erhalten Mitschüler von ihr Kassetten, auf denen Hannah sie des Mobbings und Verrats bezichtigt.

Die knallige Serie löste eine Debatte aus – einige Medienexperten befürchten einen Nachahmungseffekt. In Neuseeland dürfen Jugendliche «13 Reasons Why» inzwischen nur noch zusammen mit Erwachsenen anschauen.

Wie viele in euren Klassen haben «13 Reasons Why» bereits gesehen?
Romiel: Fast alle Mädchen, bei den Jungs sind es weniger.
Felix: Bis auf eine Ausnahme alle.

Video: Trailer zu «13 Reasons Why»

Was fasziniert euch an der Serie?
Felix: Sie geht auf Probleme von ­Jugendlichen ein, die von Serien oder Filmen sonst wenig behandelt werden.
Romiel: Ich hatte das Buch gelesen, mich interessierte die Umsetzung.

Einige Medienexperten befürchten einen Nachahmungseffekt. Könnt ihr das nachvollziehen?
Felix: Der Suizid von Hannah wird tatsächlich glorifizierend dargestellt. Die Frage ist aber, ob man sich mit ihr identifizieren kann. Das tun die meisten ­stabilen Jugendlichen wohl nicht. Aber die weniger stabilen? Ich weiss es nicht. Die wahre Hauptfigur ist aber eigentlich ein Junge, der Hannahs Nöte mitgekriegt, aber nicht gehandelt hat. Die meisten Zuschauer identifizieren sich wahrscheinlich mit ihm.
Romiel: Genau. Die Serie ist keine unfreiwillige Ermunterung zum Suizid, sondern eher das Gegenteil – nur schon die explizite Suizidszene wirkte auf mich extrem abschreckend. Die Botschaft der Serie ist klar: Lasst es nicht so weit kommen, seid nett miteinander. Ob jeder ­Jugendliche diese Botschaft richtig versteht, kann ich natürlich nicht sagen. Bei uns in der Klasse ist es aber so.

Wie nahe ist die Serie an eurer Realität?
Romiel: Dass es hier an der Kantonsschule so weit kommt wie in der Serie, kann ich mir nicht vorstellen. In meiner alten Oberstufenklasse gab es aber ein Mädchen, über das gelästert wurde.
Felix: Die Serie ist aus dramaturgischen Gründen natürlich überspitzt, das Mobbing artet immer weiter aus, am Schluss kommt es sogar zu einer Vergewaltigung. Meine Mobbing-Erfahrungen beschränken sich auf Ausgrenzungen in der Primarschule. Und an der Bezirksschule gab es gewisse beliebte Schüler, die weniger beliebte, weniger cool aussehende Schüler oder sogenannte Streber drangsalierten. Ich war aber in der Mitte der Hackordnung und habe nicht viel davon mitbekommen.

«Bei uns gehen alle in den Kraftraum.»Felix Küng

Die Hauptfigur in der Serie ist auch in der Mitte der Hackordnung und reagiert nicht auf das Mobbing. Wie würdet ihr reagieren?
Romiel: Gerade wenn man «13 Reasons Why» kennt, ist klar, dass man die Situation nicht ignorieren darf. Nicht sagen: Ich kenne den ja gar nicht so gut. Ich würde auf das Opfer zugehen und versuchen, mit ihm zu reden.

Wie wichtig sind Äusserlichkeiten für die Hackordnung?
Felix: Bei uns gehen alle in den Kraftraum. Ich allerdings nicht, weil ich einen tollen Körper will, sondern, weil es guttut. Bei den Mädchen hört man von Slut-Shaming: Mädchen, die übereinander lästern, nicht Romiel?
Romiel: An meiner früheren Schule wurde von einigen das Aussehen, die Kleider oder das Verhalten kommentiert. Und von anderen Schulen habe ich schon gehört, dass man schräg angesehen wird, wenn man nicht dem Mainstream entspricht.

Hier an der Kanti ist es zum Glück eher so, dass cool ist, wer anders ist. Wurdet ihr über Mobbing aufgeklärt?
Romiel: Es gab einmal eine Stunde mit einem Sozialarbeiter.

In Mobbing-Guidelines heisst es immer, Eltern sollen sich regelmässig mit ihren Kindern über ihr Befinden unterhalten.
Felix: Das ist ein gut gemeinter Rat. Aber es ist doch normal, dass man in unserem Alter seine Seele nicht den Eltern ausbreitet. Ich bespreche meinen Alltag eher mit den Geschwistern.

Depressionen und der Umgang damit ist ein weiteres Thema der Serie. Hat euch das angesprochen?
Felix: Ja, das empfand ich als genauso wichtig wie die Mobbing-Thematik. Den Leistungsdruck spüren wir als 16-Jährige schon ziemlich heftig.
Romiel: Ich kenne verschiedene Schüler, die an depressiven Stimmungen litten. Das Unheimliche ist aber, dass man es lange nicht merkt, wenn es sich nicht um eine nahe Freundin handelt.

Hattet ihr auch schon solche Phasen?
Romiel: Gerade die Schule kann ja extrem belastend oder schlicht langweilig sein. Gleichzeitig weiss man, dass unser Leben in der Schweiz alles andere als hart ist, und man denkt sich: Wieso bist ausgerechnet du unglücklich? Du darfst nicht unglücklich sein! Und dann ist man noch unglücklicher.

Was machst du dann?
Romiel: Mit Freunden reden.

Lehrer oder Eltern kommen da nicht infrage?
Romiel: Die Eltern eher nicht. Meine Lehrer würden mir in einer solchen ­Situation nie in den Sinn kommen. Ausser vielleicht einer.

Empfindet ihr solche Stimmungen als normalen Schulstress? Oder müsste man etwas am System verändern?
Romiel: Dass an der Schule so viel Wert auf Noten gelegt wird! Noten zeigen nicht, wie intelligent man ist. Wir lernen auf Prüfungen und vergessen den Stoff danach wieder. Was bleibt, ist der Leistungsdruck.

Die Jobaussichten für eure Generation sind schlechter als früher. Eine zusätzliche Belastung?
Felix: Die Hauptangst ist nicht, ob man einen Job findet, sondern, ob man einen findet, der einem gefällt.

Wisst ihr denn schon, was ihr machen wollt?
Romiel und Felix: Keine Ahnung!

Erstellt: 03.05.2017, 20:17 Uhr

Romiel Sommer

Die 16-Jährige ­besucht die erste Gymiklasse an der Kantonsschule Wettingen.

Felix Küng

Der 16-Jährige besucht die erste Gymiklasse an der Kantonsschule Wettingen.

Erste Hilfe

Wohin man sich wenden kann

Beratung:
Dargebotene Hand, Telefon 143 (143.ch)
Angebot von Pro Juventute, Telefon 147 (147.ch)
Kirchen, (Seelsorge.net)

Anlaufstellen für Suizid-Betroffene
Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (nebelmeer.net)
Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (verein-refugium.ch)
Verein Regenbogen Schweiz (verein-regenbogen.ch)

Kriseninterventionszentrum Zürich, Telefon 044 296 73 10
Kriseninterventionszentrum Winterthur, Telefon 052 224 37 00

Notfallpsychiatrische Dienste in Zürich:
Universitätsspital Zürich, Telefon 044 255 11 11
Stadt Zürich Ärztefon, 044 421 21 21
Jugendberatung Stadt Zürich, Telefon 044 316 60 60

SMS-Seelsorge: SMS an 767

www.tschau.ch
www.feel-ok.ch

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...