«Zürcher glauben, sie seien der Nabel der Welt»

Bern verliert 170 SRF-Arbeitsplätze an Zürich. Pedro Lenz ist erschüttert – und sieht weit grössere Probleme.

Kennt die Schweiz auch wegen ausgiebiger Lesetouren bestens: Autor Lenz.

Kennt die Schweiz auch wegen ausgiebiger Lesetouren bestens: Autor Lenz. Bild: Keystone

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Das Studio muss zügeln. Ihre Reaktion?
Ich bin erschüttert. Kanns nicht recht glauben. Und ich fühle mich schlecht behandelt. Wir haben gemeinsam mit ihnen den Kampf gegen No Billag geführt, und jetzt das. Wenn ich gewusst hätte, dass das ihre erste Handlung nach No Billag sein würde... dann hätte ich mein Engagement hinterfragt.

Sie haben ein langes Gedicht für den Erhalt des Studios in Bern geschrieben (siehe Kasten).
Es ist eher eine Rede als ein Gedicht, für den mündlichen Vortrag gedacht. Ich engagierte mich gegen die No-Billag-Initiative, war Präsident des Vereins «Nein zum Sendeschluss». Wir erinnern uns, No Billag wurde mit fast 80 Prozent abgelehnt. Es will mir nicht in den Kopf, warum die SRG jetzt derart sparen sollte. Zudem haben die Berner ja ohnehin einen schweren Stand in der privaten Medienlandschaft, und jetzt will man ihnen noch mehr wegnehmen, ganz ohne Not. Diese Zentralisierung gefährdet den Föderalismus. Bern ist nicht so wichtig wie Zürich, das ist mir schon klar. Aber es ist ja immerhin der Ort, wo die nationale Politik passiert. Wir brauchen nicht mehr, sondern weniger Zürich.

Die Einnahmen der SRG wurden gedeckelt, ihre Manager müssen aufs Geld schauen. Die Ansage war klar: Wird nicht gezügelt, sind Jobs gefährdet. Das kann nicht in Ihrem Sinn sein.
Ob der Spareffekt des Umzugs gross ist, bezweifle ich. Und selbst wenn man etwas einspart, steht das in keinem Verhältnis zum angerichteten Schaden. Das Radiostudio Bern ist topmodern. Wenn das Studio mitten in Zürich läge, wäre es ja noch das eine. Aber der Leutschenbach ist ja zu allem Übel noch ab vom Schuss, im Gjätt draussen.

Nochmals: Es drohten Entlassungen.
Das wäre unschön. Aber selbst in diesem Fall plädiere ich für den Standort Bern. Entlassungen sind ja nicht per se schlecht. Wenn einer Büez verrichtet, die keiner braucht, kann man schon mal über eine Entlassung nachdenken. Ich setze mich nicht für das Radiostudio ein, damit dort jeder sein Jöbli behalten darf. Das ist nicht meine Motivation.

SRG-Generaldirektor Gilles Marchand über den Umzug. Video: SDA

Letztes Jahr strich die Familienfirma von Bundesrat Schneider-Ammann über 100 Stellen – in Langenthal, wo Sie herkommen. Für die Büezer schrieben Sie kein Gedicht damals.
Gut, ich könnte jeden Tag ein Solidaritätsgedicht schreiben. Ich werde jeden Tag für eines angefragt, ohne Übertreibung. Natürlich tut es mir leid, wenn in der Firma Ammann Stellen gestrichen werden, Schulfreunde von mir sind ja dort angestellt. Nur: Was in der Firma ablief, weiss ich leider nicht genau. Ich hatte keine Einblicke, im Gegensatz zu den Abläufen jetzt bei der SRG. Und ich versuche mich nur zu Fragen zu äussern, von denen ich etwas verstehe.

Wie zeigt sich der Zürich-fixierte Blick der SRG auf die Schweiz, den Sie kritisieren?
Dafür gibts viele Beispiele. Die Landbewohner wirken bei SRF oft dumm, wie inzestgeschädigt. Schauen Sie sich nur die Figuren des «Bestatters» an oder von «Wilder». Das sind Produkte, die in Zürcher Büros hergestellt wurden von Zürchern, die die Leute auf dem Land nicht kennen, die nicht rausgehen. Die deren Geschichten nicht anhören wollen.

Weitere Beispiele?
Nehmen wir eine dieser Jasssendungen, eine vermeintliche Landsendung. Da macht das SRF eine Sendung in Olten. Und wen laden sie als berühmten Oltner ein? Chris von Rohr, einen Solothurner. Die Zürcher haben offenbar nichts mitbekommen von der Rivalität zwischen Olten und Solothurn, ihrem verschiedenen Selbstverständnis. Vom Zürcher Blick auf die Romandie habe ich damit noch gar nichts gesagt. Und dann gibts natürlich auch die Themen, die uns von Zürchern aufgedrückt werden, weil es sie selber so wahnsinnig interessiert. Das Zurich Film Festival zum Beispiel. Es ist offensichtlich, dass die Zürcher glauben, sie seien der Nabel der Welt. Sie seien wie Paris in Frankreich.

«Donnschtig-Jass»: Von Rohr in Olten. (Screenshot SRF)

Bern wird ja öfter der Ineffizienz verdächtigt, nicht nur in der Radiostudio-Debatte. In Ihrem Gedicht stellen Sie selbst fest: «Bärn choschtet».
Dass in den Medien mittlerweile ständig vom «Nettoempfänger Bern» und vom «Nettozahler Zürich» geredet wird, ist auch kein Zufall. Das sind Unworte, in Zürich kreiert. Dabei sind wir doch ein Land mit solidarischen Strukturen. Wir schauen zueinander, das hat bei uns Tradition. Diese Idee steht jetzt auf dem Spiel. Und dass «Bärn choschtet», ist ja nun wirklich nicht schwer zu verstehen. Der Kanton ist stark ländlich geprägt, muss sich um seine Dörfer kümmern, muss Oberland und Unterland verbinden und eine aufwendige Infrastruktur finanzieren. Dieses ganze dumme Gerede über Nettoempfänger und -zahler läuft ja immer auf eins hinaus.

Nämlich?
Letztlich sagen uns die Zürcher ganz einfach: Wir chrampfen, und ihr Berner seid faul, seid weniger geschickt, weniger talentiert. Ich bezweifle das. Ich kenne Zürcher, die recht untalentiert sind.

Eine andere Passage Ihres Gedichts: «Wi d Aare zum Bischpüu, wo so ums Gjätt ume mäanderet.»
So ist das Leben. Es kann nicht immer zielgerichtet vorwärtsgehen, es ist nicht alles stromlinienförmig, nicht alles kalkulierbar. Das Menschenbild der HSGler und der Zürcher, das Rentabilität über alles stellt, ist überholt. Die Aare wollte man ja auch mal begradigen, dann ging sie eben über die Ufer. Man merkte, dass die Schlaufen, die sie nimmt, durchaus ihren Sinn haben.

Das ist jetzt doch sehr pauschal und hart. Die Stadt Zürich besteht ja nicht nur aus neoliberalen HSG-Absolventen, wählt Links-Grün.
Vielleicht bin ich tatsächlich etwas hart. Aber die Zürcher haben definitiv ein Problem mit ihren Magnaten, den Menschen, die in ihrer Stadt die Entscheidungen treffen.

Blick auf Berns Altstadt. (Keystone)

Die Young Boys waren lange eine Chiffre fürs melancholisch-bernische Verliererdasein. Jetzt macht der Club alle platt in der Liga. Kommt da Aufbruchstimmung auf?
Manche Berner laufen jetzt mit geraderen Rücken durch die Stadt, das ist so. Und bei YB wurde definitiv gut gearbeitet. Aber mit Analogien wäre ich vorsichtig. Es ist nur Fussball.

Was vermag Poesie im Säurebad der politischen Debatte?
Wenig, wenig. Leider. Wahrscheinlich resultiert aus diesem Interview hier bloss wieder ein Satz heisser Ohren für mich. Vielleicht kann Poesie emotional was anstossen, jemand in Bewegung versetzen. Falls sie das kann, bin ich mehr als zufrieden.

Erstellt: 20.09.2018, 09:58 Uhr

Zur Person

Der Schriftsteller ist gelernter Maurer, 1995 holte Lenz die Matura nach. Bekannt wurde der Langenthaler 2010 mit dem Roman «Der Goalie bin ig», der 2014 verfilmt wurde. Zuletzt veröffentlichte Pedro Lenz den Roman «Di schöni Fanny». Fürs Radio SRF schreibt er «Morgengeschichten», literarische Miniaturen.

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Lenz-Gedicht: Wägem Room

Ruum heisst uf Änglisch Room.
Ds erschten änglische Wort,
wos i mim Dorf z läse het gä,
isch «Tea-Room» gsi.

«Es» Tea-Room, hei mer gseit,
mit sächlechem Artiku:
«Mir gö i ds Tea-Room.»

Ungerdesse
si mer gschider worde,
mir sägen am Tea-Room
zwar gäng no ds Tea-Room,
aber der News-Room,
dä isch männlech,
niemer seit hütt «ds» News-Room.

Der News-Room isch
ds Tea-Room vo de News.

Und wöu men aanimmt,
dass d Frölein Tee trinke
und d Manne News mache,
isch der News-Room männlech
und ds Tea-Room sächlech.

Und so wi mit em Tee
i de Tea-Room
vo mire Chindheit
wird mit de News Handu tribe,
wi der Tee im ne Tea-Room
wärde d News im News-Room
i Portione serviert,
ufgchochet, erhitzt und zuckeret,
me loht se gärn chli lo zieh,
d News und der Tee,
dass si meh Goût überchöme
und ihri Würkig besser entfaute.

Ds Tea-Room isch e Mode gsi
wi der News-Room e Moden isch,
hütt wott niemer meh i nes Tea-Room,
i zäh Johr wott de vermuetlech
ke Mönsch meh
i so ne News-Room.

Aber mir heis scho erwähnt,
Room heisst bi üs Ruum,
und der Ruum, auso di rümlechi Dimänsion
isch usgsproche wichtig,
im Journalismus wie im Läbe
geits um Ruum.

Es isch fasch aues e Frog
vo Nööchi und Dischtanz,
mängisch bruuchts Dischtanz,
und mängisch
muess me nöcher häre.

Mängisch bruuchts diräkti Wäge,
und mängisch bruuchts Umwäge.

Aber im ne News-Room
muess me sech nümm aanöchere,
muess me nümm nöcher häre,
wöu me jo de scho dörten isch,
aui Content-Collecter,
wo nigunagunöii News generiere,
hocke im News-Room scho schön
a eim Huufe zäme.

Nei, im ne News-Room
muess me sech nümm aanöchere,
muess me nümm nöcher häre,
wöu aui News scho
im News-Room iinne si,
aus scho importiert isch,
gstreamt und beamt,
TV, Website, Radio, Podcast,
Tegscht und Büud
und Ton und Füum
wird aus belieferet,
aues zum gliichen Ort,
aues vom gliichen Ort,
zitgliich, zitnöch, zitgemäss,
grad ir hüttige Zit, wos glii
kener Zitige meh bruucht,
wo d Zitige z Bode gö,
muess der Räscht vom Journalismus
uf der Höchi vor Zit blibe.
D News-Production,
der News-Room-Output
der Event-Content,
People-Content,
Facebook-Content,
Instagram-Content,
Trash-Flasch-Splash-Content,
aues uf technisch höchem
und zwüschemönschlech nöchem
Niveau,
praktisch, zentrau, günschtig,
effiziänt, schnäu, aktuell, sexy,
churz, fräch, prägnant, charmant,
aber vor auem zentrau,
zentrau, zentrau, auso
vom Zäntrum us,
ohni Näbegrüüsch,
ohni Näbeschouplätz,
ohni Näbetheme,
ohni Näbestudios i Näbegägende
vo Näberegione und Näbestädt
wi däm provinzielle Bärn,
wo fasch scho bi de Wäutsche,
wo sowieso ineffiziänt
und es bitzeli langsam, das Bärn.

He mou, do das Bärn,
wo, wi me weiss,
rächt ineffiziänte Züg
dasume schliicht,
wi d Aare zum Bischpüu,
wo so ums Gjätt ume mäanderet
statt mou chli ziiugrichtet.

Aber nei,
überau i däm Bärn steit
rächt unräntable Züg dasume,
Züg, wo ke Rändite
und ke Dividände,
so Verwautigszüg überau
wi do das Bundeshuus,
wo nume choschtet,
wo der Stüürzahler und
der Nettozahler und
zletscht irgendwie ou
der Gebührezahler belaschtet,
so nes Bundeshuus,
wo me glägentlech ou mou
sött zuetue und zäntralisiere,
i ne News-Room chöönnt integriere,
sodass me vilecht ds Regiere
mit em Newsgeneriere
grad chönnt zämefüehre,
was wiederum schnöuer wär
und nöcher, effiziänter,
effekttiver, günschtiger
und weniger müehsam.

D Vorteile si abzwägen und klar,
Journalismus wärs irgendwie ou,
wenn me persönlech häre gieng,
wenn me vom Schribtisch wäg
zu de Mönsche gieng go luege,
rede statt tschätte,
luege statt füume,
zuelose statt streame.

Aber d Journalischte gö jo use,
für das gits jo süsch scho
«SRF bi de Lüt» und au di Schiirenne,
wo me duss isch,
wo me vor Ort isch,
im Land, uf em Land
a de Schwing- und Chäferfescht,
bi Katastrophe, Überschwemmige
und Muurgäng live vor Ort,
aber aus angere
cha me hütt grad so guet zentrau,
wöu dezentrau choschtet,
Bärn choschtet,
oder wi d Betriebswirte vo Sanggaue
bis Züri säge:

«Für Ruhm und Ehre,
ein News-Room
und ansonsten Leere.»

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