Zum Hauptinhalt springen

Ein gewaltiges Epos

Die HBO-Prestigeserie «Westworld» ist zurück. Die zweite Staffel erinnert aber eher an eine Puzzle als eine TV-Serie.

Es war ein hundsgemeiner Streich, den die Verantwortlichen von «Westworld» ihren treuesten Fans spielten. Es hatte ja seit «The X-Files» oder «Lost» nicht mehr derart mannigfaltige Zuschauertheorien zu einer Serie gegeben, also machte Showrunner Jonathan Nolan den Zuschauern auf der Web-Plattform Reddit ein diabolisches Angebot: Wer bei einem 25-Minuten-Video die Abspieltaste drückt, der bekommt sämtliche Fragen zur zweiten Spielzeit schon vor der Ausstrahlung beantwortet. Es war ein zehn Jahre alter Trick, bekannt unter dem Namen «Rickrolling»: den Leuten im Internet etwas Grandioses versprechen, damit sie einen Link klicken - und ihnen dann durch die Präsentation des Musikvideos zu Never Gonna Give You Up von Rick Astley zu vermitteln, dass sie veräppelt wurden. Wer auf das «Westworld»-Video klickte, der sah Darstellerin Evan Rachel Wood, wie sie diesen mehr als 30 Jahre alten Popsong schmettert.

Es gab zu dieser Serie, deren zweite Staffel von Sonntag an auf dem Pay-TV-Kanal HBO und in Deutschland bei Sky zu sehen sein wird, bislang derart viele Blicke in die Glaskugel, dass irgendwann mal eine richtig sein musste. Wer auf Reddit etwas korrekt zu «Westworld» prognostizierte, wurde von den anderen Fans als Prophet gefeiert, selbst wenn er nur Glück gehabt hatte. Mit diesem Fan-Wahnsinn spielte Nolan nun mit seinem Rickrolling-Streich.

Es wäre völliger Blödsinn, an dieser Stelle zu erklären, worum es in «Westworld» geht - ausser um einen futuristischen Freizeitpark, in dem Leute mit den verdammt realistisch aussehenden (und irgendwann verdammt realistisch agierenden) Robotern tun können, was immer sie möchten: Sie können mit ihnen reden, sie können mit ihnen schlafen, sie können sie umbringen. Nun weiter zu erzählen wäre ungefähr so, als würde man kurz mal oberflächlich über das Buch «Unendlicher Spass» von David Foster Wallace sprechen. Man würde die Fans langweilen (und mit Spoilern verärgern) und alle anderen, die noch keine Folge gesehen haben, völlig verwirren.

«Westworld» ist keine Serie im klassischen Sinn, es gibt keine Dramaturgie, die auf einen Konflikt und dessen Lösung oder eine unausweichliche Katastrophe zusteuert. Es ist vielmehr ein Puzzle, das von mehreren Seiten und manchmal auch aus verschiedenen Zeiten zusammengesetzt wird und dabei sämtliche Nuancen des Menschseins beleuchtet. Wem das gefällt, der dürfte «Westworld» für die tollste Erfindung seit dem Zauberwürfel halten, alle anderen wundern sich, was für einen Bockmist sie da sehen.

Nolan ist sich dieser Ambivalenz bewusst, und es war für ihn ein Heidenspass, den gerade perfekt zusammengesetzten Zauberwürfel am Ende der ersten Staffel mit einem Vorschlaghammer zu zertrümmern. Er hat die Show auf den Kopf gestellt, und wer nun die ersten Episoden der zweiten Staffel sieht, der dürfte bemerken: Nolan hat diesem dreidimensionalen Würfel noch ein paar Dimensionen hinzugefügt. Über das Ende der neuen Spielzeit sagt er: «Die letzte Folge wird einfach weitergehen und weitergehen - es wird ein gewaltiges Epos sein.»

Das Faszinierende an «Westworld» ist, dass Nolan seine Zuschauer an diesen Punkt geführt hat, an dem sie unbedingt wissen wollen, worum es wirklich geht und wie es weitergeht; es aber dann doch keinesfalls zu früh erfahren möchten. Es kann für eine Serie kein grösseres Kompliment und für einen Showrunner kein grösseres Lob geben.

«Westworld», Teleclub.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch