Endlich frei von Zwängen

Serienkönigin Shonda Rhimes ist ein Sonderfall in der Unterhaltungsbranche. Ihr bedeutungsvoller Wechsel zu Netflix macht sie zu den wertvollsten Menschen Hollywoods.

Das Gegenteil eines hellhäutigen Testosteronbolzen: Shonda Rhimes.

Das Gegenteil eines hellhäutigen Testosteronbolzen: Shonda Rhimes.

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Die afroamerikanische Schriftstellerin Zora Neale Hurston hat vor neunzig Jahren den Essay «How It Feels to Be Colored Me» veröffentlicht, den man mindestens ein Mal im Leben lesen sollte. Wie man sich fühlt mit dunkler Hautfarbe: Es geht in dem Text um Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung, dazu findet sich der unvergessliche Satz: «Ich fühle mich dann am farbigsten, wenn ich gegen einen krassen weissen Hintergrund geworfen werde.»

Der Wechsel der Produzentin Shonda Rhimes vom TV-Sender ABC zum Streamingportal Netflix wäre eigentlich eine Meldung für die Branchenblätter in Hollywood, allerdings: Rhimes ist eine schwarze Frau vor einem krassen weissen Hintergrund. Und deshalb hat dieser Wechsel eine politisch-gesellschaftliche Dimension.

«Wenn nicht explizit durch ein Adjektiv betont wird, dass es nicht so ist, dann gehen die Leute davon aus, dass der Produzent ein weisser Typ ist.»Shonda Rhimes

Sie geben sich fortschrittlich und weltgewandt in der amerikanischen Unterhaltungsbranche – umso mehr fällt auf, dass die einflussreichsten Leute noch immer meist hellhäutige Testosteronbolzen sind. Shonda Rhimes selbst sagt dazu: «Wenn nicht explizit durch ein Adjektiv betont wird, dass es nicht so ist, dann gehen die Leute davon aus, dass der Produzent ein weisser Typ ist.»

Durchbruch mit «Grey's Anatomy»

Shonda Rhimes wurde 1970 in Chicago als jüngstes von sechs Kindern geboren, beide Eltern arbeiteten an einer Universität. Nach dem Studium an der Filmakademie der University of Southern California schrieb sie das erfolgreiche, künstlerisch jedoch eher fragwürdige Drehbuch für Britney Spears' Filmdebüt «Crossroads».

Ihren Durchbruch feierte Rhimes 2005 mit der Krankenhausserie «Grey's Anatomy», die am vergangenen Freitag um eine 15. Spielzeit verlängert wurde. Es folgten unter anderem die Arztserie «Private Practice», das Drama «How to Get Away with Murder» und der Politikthriller «Scandal», von dem am vergangenen Donnerstag die letzte Folge ausgestrahlt wurde. Damit wurde Rhimes' Wechsel zu Netflix offiziell vollzogen.

Nicht mehr begrenzt von traditionellen Zwängen

Die Personalie ist schon deshalb bedeutsam, weil einer der kreativsten Personen in Hollywood nun absolute künstlerische Freiheit zugesichert wird. Rhimes ist mit ihrer Produktionsfirma Shondaland nicht mehr begrenzt von den Zwängen des traditionellen Fernsehens; sie hat keine Rücksicht zu nehmen auf Werbepausen und ist frei, was die Anzahl der Episoden und die Länge einzelner Folgen betrifft.

Die Unterhaltungsindustrie ist allerdings ein knallhartes Geschäft, und der Wert eines Menschen in dieser Branche wird darüber definiert, wie viel er verdient. Shonda Rhimes wird bei Netflix in den kommenden vier Jahren geschätzt 100 Millionen Dollar verdienen. Sie gehört damit zu den bestbezahlten und damit wertvollsten Menschen in Hollywood.

«Ich musste erst einmal lernen, wie ich nicht permanent übers Ohr gehauen werde.»Shonda Rhimes

Bei ABC hat Shonda Rhimes zuletzt rund zehn Millionen Dollar pro Jahr kassiert. Das ist unglaublich viel Geld, angesichts der gewaltigen Erfolge von Rhimes war das jedoch nicht genug. «Disney hat mit ‹Grey's Anatomy› zwei Milliarden Dollar gemacht, ich nicht», sagt sie: «Ich musste erst einmal lernen, wie ich in dieser Stadt nicht permanent übers Ohr gehauen werde.» Rhimes ist sich ihrer Bedeutung durchaus bewusst.

«Ich bin jeden Tag eine schwarze Frau»

Sie hat sich immer wieder über die mangelnde Vielfalt in der Branche beklagt und die fehlenden Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen angeprangert – dabei jedoch nicht die typische Hollywood-Heuchlerei verwendet. «Ach du meine Güte, im Fernsehen gibt es nun auch Schwarze und Frauen – und die Leute schauen immer noch zu», sagt sie. «Ich bin jeden Tag eine schwarze Frau, und ich muss nicht dauernd darüber debattieren, wie ich mich fühle.»

Wer Shonda Rhimes einmal begegnet ist, der weiss: Es wäre ihr am liebsten, wenn sie nicht mehr wegen ihrer Hautfarbe oder ihres Geschlechts auffallen würde, sondern nur noch wegen ihres Könnens. Denn das würde bedeuten, dass es diesen krassen weissen Hintergrund in ihrer Branche endlich nicht mehr gäbe. Aber so weit ist Hollywood noch lange nicht.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 27.04.2018, 11:51 Uhr

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