Er weiss, wie das Böse aussieht

«Tatort»-Schauspieler Joe Bausch ist im echten Leben Gefängnisarzt. In «Gangsterblues» erzählt er die Geschichten seiner Patienten.

«Man muss das Leben aushalten können»: Joe Bausch, Arzt, Schauspieler und Autor. Foto: Guido Kirchner (Keystone, DPA)

«Man muss das Leben aushalten können»: Joe Bausch, Arzt, Schauspieler und Autor. Foto: Guido Kirchner (Keystone, DPA)

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Es ist noch nicht lange her, da fuhr ein Leichenwagen bei ihm zu Hause vor, die sterblichen Überreste von Joe Bausch wollten sie abholen, sagten die dunkel gekleideten Herren. Ein anderes Mal klingelte nachts das Telefon: Da seien Jungs unterwegs zu ihm, die wollten ihm ans Leder, sagte einer und legte auf. Dann kam die Polizei, eine Schiesserei gebe es hier, ein Notruf sei eingegangen. Und irgendwann stand ein Kurier mit 180 Pizzen vor seiner Tür. «Na ja», sagt Bausch, da habe er ihm eine abgekauft. «Kann ja nichts dafür, der arme Teufel.» 

Es ist wahrscheinlich so, dass man als Arzt ein ruhigeres Leben führen könnte als Joe Bausch. Der 65-Jährige arbeitet sein halbes Leben lang schon als Gefängnisarzt, im November geht er in Pension, nach 32 Jahren in der Justizvollzugsanstalt Werl in der Nähe von Dortmund. Seine Patienten sind Mörder, Geiselnehmer, Kinderschänder. Einer der bekanntesten Häftlinge ist Frank Gust, der Rhein-Ruhr-Ripper, der in den 90er-Jahren vier Frauen tötete und ausweidete. Bausch nennt ihn «Rippchen».

Von seinem Küchentisch aus kann Joe Bausch die vergitterten Zellenfenster sehen und die Gefängniskirche. Bausch lebt in einer Dienstwohnung nah an der Mauer, am Kühlschrank hängt eine Postkarte: «Man muss das Leben aushalten können.» Die Justizvollzugsanstalt Werl gilt als eines der härtesten Gefängnisse in Deutschland. Wer Joe Bausch trifft, merkt sofort, dass ihn nicht der sichere Arbeitsplatz und die solide Pension antreiben. Der Mann hat eine Mission.

Ein Regisseur sagte einmal zu ihm: «Du hast so eine Fresse, dich vergisst keiner mehr.»

Das harte Leben kommt jeden Tag zu Bausch in die Sprechstunde, der Arzt kümmert sich um die Patienten, Polizisten kümmern sich um seine Sicherheit. Sie räumen Kugelschreiber vom Tisch, alles kann zur Waffe werden. 

1992 gab es vor seiner Tür eine Geiselnahme, zwei Häftlinge hatten aus Brot, Seife und Schuhwichse eine Waffenattrappe gebaut, nach 13 Stunden übergossen sie einen Wachmann und eine Arzthelferin mit Wundbenzin und zündeten sie an. Bausch war an dem Tag nicht da, die Gangster bekamen lebenslänglich – und blieben seine Patienten. «Da kommt einem die kalte Wut hoch, wenn einer vor dir sitzt, der Kollegen anzündet», sagt Bausch. Behandelt hat er sie trotzdem. «Ich versuche, Mensch und Tat zu trennen.»

Im Kölner «Tatort» ist er seit 1998 dabei

Anfangs gelang ihm das nicht immer. Als seine Tochter zur Welt kam, vor bald 30 Jahren, kam ein Kinderschänder zu ihm. Bausch sagte zu den Pflegern: «Tut den weg, sorgt dafür, dass ich den nicht mehr sehen muss.»

Angst? Habe er nicht, sagt Bausch, der auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, Häftlinge waren dort Erntehelfer. Manchmal dreht einer durch, ein Häftling versuchte, ihn mit seinem Stethoskop zu würgen. Aber in der Regel gehe es ruhig zu. Der mit dem Leichenwagen, den Drohanrufen und der Pizza war ein Ex-Häftling, stellte sich heraus. «Nicht alle mögen mich, ist okay, es gibt im Knast keine freie Arztwahl», winkt Bausch ab. 

Die Justizvollzugsanstalt Werl sucht seit fast einem Jahr einen Nachfolger für Bausch. In der deutschen «Ärzte-Zeitung» schaltete sie Anzeigen: «Arzt im Gefängnis – nicht nur ein Job.» Darüber ein Foto von Bausch im grünen Kittel in seinem Nebenjob – als Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth im Kölner «Tatort». Kann sein, dass du hier gross rauskommst, sollte das wohl heissen.

Was wahre Verbrechen sei erschreckend banal

Bausch ist kein Allerweltstyp. Glatze, stechend blaue Augen, rotblonder Schnauz im zerfurchten Gesicht, 1,89 Meter gross. Könnte sein, dass man die Strassenseite wechselt, wenn man ihm nachts begegnet. Den ersten Job in einem Gefängnisspital bekam er nicht – weil der Chef fand, dass er der Klientel zu ähnlich sah. Seinen Job im «Tatort» bekam er vermutlich genau deshalb. Der Regisseur Dominik Graf sagte einmal zu ihm: «Du hast so eine Fresse, dich lasse ich einmal durchs Bild laufen, danach vergisst dich keiner mehr.»

Bausch hat in einigen TV-Krimis Nebenrollen gespielt, im Kölner «Tatort» ist er dabei, seit er 1998 in der preisgekrönten Folge «Manila» vor einem toten Pädophilen dröge befand: «Erstochen. Der Stich wurde mit grosser Wucht von vorne schräg zwischen die 4. und 5. Rippe geführt, also mitten ins Herz.» Läuft im Fernsehen ein «Tatort» mit Dr. Roth, ist tags drauf die Sprechstunde voll. Manche sagen zu Bausch: «Toll, Sie kennen zu lernen.» Der gibt jovial zurück: «Dafür müssen Sie doch nicht gleich für Jahre nach Werl kommen.»

Öfters beschweren sich Häftlinge: Der Verbrecher im Krimi sehe aus, wie sich viele Leute Verbrecher vorstellten, so offensichtlich böse. «Die monströsen Täter sind oft unauffällige Fa­milienväter, sie sitzen im Schützenverein, und alle mögen sie», sagt Bausch. Das wahre Verbrechen sei eben erschreckend banal. Darum seien überzeichnete Krimis so erfolgreich: «Die Leute wollen, dass das Böse auch so aussieht, damit sie sich im Alltag sicherer fühlen können.» Bausch hat Medizin, Jura und Theaterwissenschaften studiert. 

Bausch schreibt auch Bücher aus dem Gefängnis

Er weiss um seine Wirkung. Im Gespräch haut er manchmal mit der Faust auf den Tisch. Und er redet und redet. Was ihn aber von anderen Profilaberern unterscheidet, ist, dass er ein Anliegen hat. «Ein Gefängnis ist eine Blackbox», sagt er. Die meisten Menschen wollten lieber ihre Vorurteile pflegen, als zu erfahren, was wirklich dort passiert. Kern des Vollzugs sei nicht: Schlüssel umdrehen und wegwerfen. Sondern die Wiedereingliederung in die Gesellschaft.

Auch müssten Häftlinge medizinisch genauso gut versorgt werden wie draussen. Bausch setzt sich dafür ein, dass drogenkranke Insassen substituiert werden, also Ersatzstoffe zur Entwöhnung bekommen. «Ich bin hier der grösste Dealer», sagt er. Den illegalen Handel in der Anstalt stört er damit, denn wer Stoff vom Doktor bekommt, fällt als Kunde weg. 

Die Erkenntnis, manchmal nur zusehen zu können, treibt ihn um.

Bausch ist Arzt, Schauspieler und Autor. Sein erstes Buch «Knast» wurde zum Bestseller. Nun ist «Gangsterblues» erschienen, darin erzählt Bausch leicht verfremdete Lebensgeschichten von Patienten. Da ist das Grossmaul, das andere im Knast erniedrigt. Als der Mann ein Handyvideo mit dem Missbrauch einer 11-Jährigen in der Anstalt herumschickt, kracht ihm im Kraftraum eine Hantel in die Genitalien. Da ist der Sexualmörder, der den Arzt anbettelt: «Sie dürfen mich nicht rauslassen, das gibt eine Katastrophe.»

Die Erzählungen sind nie voyeuristisch. Bausch schreibt zurückhaltend, empathisch. Ihn interessiert, wie ein Verbrecher in der Haft mit dem zurechtkommen muss, was er angerichtet hat. «Immer schwingt ein an­deres Thema mit», sagt Joe Bausch. Unschuld, Selbstjustiz, Fremdbestimmung, Alter, Depression, Suizid.

Die Erkenntnis, dass er als Arzt manchmal nur zusehen könne, treibt ihn um. «Häftlinge haben nicht nur ein Recht auf Gesundheit, sondern auch auf Krankheit.» Ein Bankräuber, der die anderen Häftlinge kunstvoll frisierte, hatte Krebs. Er lehnte jede Therapie ab und starb, sagt Bausch nachdenklich. Vielleicht war es ein letzter Akt der Selbstbestimmung. «Das ist etwas, was ich nur schwer aushalten kann.»

Joe Bausch: Gangsterblues – Harte Geschichten. Ullstein, Berlin 2018. 240 S., ca. 29 Fr.

Erstellt: 18.10.2018, 09:17 Uhr

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