«Es gibt zu viele Hürden für die Iren»

Holt Dublin James Joyce' Asche aus Zürich? Ein Enkel – «kein umgänglicher Mensch» – könnte das verhindern. Das sagt Joyce-Experte Fritz Senn.

Doch nicht die letzte Ruhestätte? Das Grab des Schriftstellers James Joyce auf dem Friedhof Fluntern (23. Juli 2014). Foto: KEYSTONE/Christian Beutler

Doch nicht die letzte Ruhestätte? Das Grab des Schriftstellers James Joyce auf dem Friedhof Fluntern (23. Juli 2014). Foto: KEYSTONE/Christian Beutler

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Sollte Zürich Dublin die Überreste von James Joyce überlassen?
Ich glaube nicht, dass sich Zürich diese Frage ernsthaft stellen muss. Es gibt zu viele Hürden für die Iren. Erstens ist da auf diplomatischer Ebene die komplizierte Frage der Zuständigkeit. Wer müsste mit wem verhandeln? Dublin mit Zürich? Irland mit der Schweiz? Dann müsste der Enkel von Joyce, Stephan James Joyce, seine Zustimmung geben, und der ist kein umgänglicher Mensch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er einer Verschiebung zustimmen würde. Zudem handelt es sich um ein Gemeinschaftsgrab in Fluntern. Neben Joyce liegen da noch Joyce’ Frau, sein Sohn und dessen Frau, die überhaupt keine Beziehung zu Irland hatte. Eine Öffnung wäre also an sich eine sehr heikle Angelegenheit.

Gibt es Hinweise, dass Joyce eine Verlegung gewollt hätte?
Nein. Von 1912 bis zu seinem Tod 1941 setzte Joyce keinen Fuss mehr auf Irland, besuchte seine Familie dort nicht mehr. Es gibt keine schriftlichen Hinweise, dass Joyce in irgendeiner Form zurück nach Irland hätte gehen wollen.

Von Joyce stammt doch das Zitat «When I die Dublin will be written in my heart»!
Er distanzierte sich von dem, was er nicht loslassen konnte. So blieb Joyce stets Brite, nahm nie die irische Staatsbürgerschaft an. Obwohl er das durchaus hätte tun können. Aber klar, Joyce beschäftigte sich obsessiv mit Dublin, nutzte die Stadt als Vorlage für seine Literatur.

Welches Verhältnis hatte er zu Zürich?
Er kam eher zufällig in die Stadt. 1904 aspirierte er auf eine hiesige Stelle als Sprachlehrer, bekam den Job dann aber nicht. 1915 kam er wegen des Weltkriegs wieder hierher. In Paris wurde er in den Jahren darauf berühmt, Joyce kam aber regelmässig nach Zürich auf Besuch. Es gefiel ihm hier, er hatte Zürcher Freunde. Im Zweiten Weltkrieg bemühte er sich dann sehr, wieder nach Zürich ziehen zu können, wo er schliesslich 1941 eben auch starb.

Joyce verewigte Dublin literarisch. Warum nicht auch Zürich?
Nun, ein paar Verweise gibts schon. In «Finnegans Wake» zum Beispiel kommen die Limmat und die Sihl vor. Im Roman gibt es ein Kapitel über Flüsse, in dem der Satz steht: «Yssel that the limmat?» Das kann man mit «Ist das nicht die Grenze?» übersetzen – aber zugleich ist es eben auch eine Anspielung auf die Flüsse Yssel und Limmat. Andernorts im Buch kommt das Wort «zurichschicken» vor, ein Wortspiel mit «Zurich» und «schicken». Und das Sechseläuten hat James Joyce auch ins Buch aufgenommen.

Was ist mit dem Gedicht «Bahnhofstrasse»?
Das gibt es auch, ja. Joyce hatte mal einen Augenanfall, als er auf der Strasse spazierte. Wo genau auf der Bahnhofsstrasse, lässt sich nicht rekonstruieren. Joyce verwandelte den Anfall dann in Poesie.

Nun ist Joyce im grossbürgerlichen Zürichberg begraben. Das passt irgendwie ja schon nicht richtig zum grossen Aussenseiter und literarischen Revolutionär.
Er starb halt dort. Und Zürich schenkte ihm ein Ehrengrab, mit einer schönen Statue. Bei seiner Beerdigung war vom offiziellen Irland übrigens kein Vertreter dabei, die Grabrede hielt der britische Botschafter. Jetzt hat der Wind in Irland gedreht, und Joyce ist eine Riesenattraktion. Da überrascht es wenig, dass von Zeit zu Zeit ein Politiker auf die Idee kommt, ihn zurückholen zu wollen.

Sie sind einer der renommiertesten Joyce-Kenner der Welt. Woran forschen Sie gerade?
Na, na! Wir lesen in unserer James-Joyce-Foundation wöchentlich die schwierigen Werke Joyce’ und diskutieren über komplizierte Passagen. Diese Lesungen sind übrigens öffentlich, es kann jeder kommen. Ich selber schreibe derzeit an einem Artikel über Gerüchte, die im Werk von James Joyce im Umlauf sind.

Kommt da Zürich auch vor?
Nein, nein. Die gedeihen in Dublin ganz besonders.

Erstellt: 17.10.2019, 17:39 Uhr

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Fritz Senn (*1928) gehört zu den renommiertesten Joyce-Forschern. Seit 1985 leitet er die Zürcher James Joyce Foundation. Vor vierzig Jahren veröffentlichte Senn seine erste Monographie zu Joyce, «Das James Joyce Lesebuch». (Bild: Doris Fanconi)

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