Esel-Polo, geil!

Ein Pressedinner mit den Geissens in Küsnacht zeigt: Mit dem Fernsehehepaar zu speisen, macht Freude – und manchmal stehen selbst stählerne Gemüter etwas neben den Schuhen.

«Die Kacke gehört einfach auch dazu»: Die Geissens auf dem Balkon in Küsnacht. Foto: Goldbach Media

«Die Kacke gehört einfach auch dazu»: Die Geissens auf dem Balkon in Küsnacht. Foto: Goldbach Media

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Damit sie einen Eindruck haben, hier ein paar ikonografische Sätze aus der Sendung «Die Geissens – eine schrecklich glamouröse Familie», die jeden Montagabend bei RTL 2 über den Bildschirm flimmert: «Esel-Polo, geil.» – «Poah, sieht dat Scheisse aus» – «Jetzt brauche ich aber einen Energydrink.» – «Rooobecht!».

Seit nunmehr fünf Jahren pendeln Robert und Carmen Geiss zusammen mit ihren Töchtern öffentlichkeitswirksam zwischen Miami Beach, Dubai und der Karibik. Geben dabei unheimlich viel Geld aus und tun so, als wären sie eine einigermassen normale Familie, was sie schliesslich auch sind.

Und nun kommen die Geissens für einen Abstecher nach Küsnacht, RTL 2 und Goldbach Media laden zum Pressedinner. Da sagt man nicht Nein, zumal auch das Wetter stimmt und einen die Macher direkt neben die Stars des Abends setzen, wo man bei Garnelentürmchen, Rindsfilet und Rotwein mehr als genug Gelegenheit hat, die eine oder andere drängende Frage an die Geissens zu richten. Und auch zu beobachten, worin sich die lebensechten Geissens von denen im Fernsehen unterscheiden.

Entzückt und angewidert

Robert Geiss, Rheinländer mit akzentuiertem Kölner Sprech, hatte mit dem Verkauf seiner Bodybuilder-Kleidungs-Marke Uncle Sam in den Neunzigern eine Menge Geld gemacht – man munkelt 140 Millionen Mark – und führt seither mit seiner Frau Carmen und seinen Mädchen ein Leben im Dauerurlaub, nicht ohne dabei alle Klischees zu bedienen, die generell über Neureiche vorherrschen: Jachten, gestopfte Gänseleber, endlos scheinende Einkaufstouren. Sie bewegen sich in dieser Welt so unverschämt selbstverständlich, dass der Zuschauer gleichzeitig entzückt ist und vielleicht auch etwas angewidert, nicht zuletzt vom scheinbar unverrückbaren Gemüt der Geissens und deren Fähigkeit, das Leben so zu nehmen, wie es halt ist. Geil. Champagnerkelche mit Geissens-Logo, eigene Boutiquehotels an der Côte d’Azur, matt lackierter Geländewagen mit Totenkopf. Alles geil. Eineinhalb Millionen Zuschauer verfolgen die Luxusstreifzüge zu bester Sendezeit Woche für Woche.

Für die Geissens ist das alles «Bisness», die Familie lebt anscheinend ganz fröhlich mit sich und ihrer Marke.

So viel vorweg: Das Erscheinungsbild der Geissens deckt sich mit dem Bild, das sie von sich am Fernsehen vermittelt: Sie sind einfach gestrickt, gesellig und laut. Hätten sie nicht so viel Geld, Philanthropen würden auf die Barrikaden steigen, dass man Menschen am Fernsehen sich selber derart blossstellen lässt. Doch für die Geissens ist das ­alles «Bisness», die Familie lebt anscheinend ganz fröhlich mit sich und ihrer Marke – was im Grunde das Gleiche ist –, also schaut man weiterhin mit gutem Gefühl zu. Macht ja niemandem weh. Vielleicht den kleinen Mädchen, denkt der besorgteste unter den Zuschauern manchmal. Sie müssen ihre Kindheit vor der Kamera verbringen. Aber denen scheints auch gut zu gehen. «Wir schauen unsere Sendung jeden Montag mit der ganzen Familie im Fernsehen», sagt Robert. «Ist wie Ferienfilm gucken.»

Das Pressedinner gestaltet sich entsprechend dem im Raum vorherrschenden geissschen Optimismus sehr locker, fast so, als würde an der Festbank vor einer Currywurst-Bude in Köln bereits die dritte Runde serviert. Nur einmal lässt sich Carmen über Hartz-IV-Empfänger aus, die sollen «sich endlich locker machen und ihren Arsch hochkriegen», sagt sie, was natürlich schlecht klingt aus dem Mund einer Person, die seit mehr als fünf Jahren urlaubt und dabei Unmengen Geld verprasst.

Aber den Geissens lässt man das durchgehen, ihre Show lebt – wie so vieles heute – genau von derartigen Unflätigkeiten und von der Diskrepanz, die zwischen Reichsein und grosser Schnauze klafft. Sie erzeugt Sympathie. Sie gehören zu uns, sagt man sich. Oder sind sogar noch ein paar Geschmacks-Stockwerke weiter unten angesiedelt, aber reich. Ihr Erfolg und das neidlose Begutachten desselben hat etwas Amerikanisches. Deshalb ist es auch schwer, daran etwas auszusetzen; wer es trotzdem tut, landet rasch in der Neid-Ecke.

Es nützt auch nichts, zu bemängeln, dass Robert sein Geld in Dinge wie zum Beispiel die Kleidermarke Roberto Geissini investiert, deren Logo aussieht, als hätten die Hells Angels ihr Signet bei Ed Hardy in Auftrag gegeben, schliesslich aber aus Stilgründen abgelehnt. Doch geschmäcklerisch tun hilft hier ebenso wenig, schliesslich ist ja alles nur Fernsehen und deshalb genau so kalkuliert.

Kleine Risse im Lack

Seit nunmehr fünf Staffeln und insgesamt mehr als 150 Sendungen profilieren sich die Geissens als: sie selber. Für die Geissens gibt es kein Draussen. Nur ganz selten kriegt diese bronzefarbene Erdigkeit, die mir hier gegenübersitzt, kleine Risse. Während Robert in der Serie, wenns ums «Bisness» geht, jeweils den Draufgänger gibt – er ist vor Entscheidungsfreude manchmal kaum mehr zu stoppen –, gibt es im Direktkontakt Momente des Schweigens, der Müdigkeit, möglicherweise der Scham. Ob er dabei rot wird, lässt sich aufgrund seines Teints nicht sagen. Schön aber, wenn die Realität in echt manchmal etwas realer wird als auf dem Bildschirm.

Doch ich wollte noch ein paar Fragen stellen: Robert – man ist mit den Geissens von Beginn weg per Du, ihre zur Schau gestellte Kumpelhaftigkeit führt bei allen Beteiligten in ein als selbstverständlich angenommenes Kumpelverhältnis. Selbst Taxifahrer duzten ihn, sagt Robert. Robert also, wie macht Ihr das eigentlich, Woche für Woche, seit fast 7000 Minuten Sendezeit? Euch selber sein, egal ob beim Tontaubenschiessen, bei mehrstündigen Coiffeurbesuchen oder beim Einkaufen von Häusern an der Côte D’Azur; beim Testfahren von Rennautos, beim Esel-Polo, beim kenntnisreichen Beäugen von Luxusresorts. Immer die Geissens, immer euch selber. Wie schafft Ihr das? «Dat überlege isch mir gar nischt.» Erst mal Stille am Tisch.

Ach, klar, nicht überlegen, warum vergisst man das nur immer wieder? Das Gespräch wechselt zum Small Talk. Die Geissens sind ausgewiesene Profis darin. Es geht um Marihuana, das sie bei «Reggaetypen» in Jamaika zu Präventionszwecken kaufen wollten, wobei sie schliesslich für 20 Dollar eine ganze Einkaufstüte voll kriegten. Grossartig. Später sagt Robert: «Die Kacke gehört einfach auch dazu.»

Ein anwesender Journalist fügt später an: «Die Geissens sind wie Donald Trump, sie nehmen kein Blatt vor den Mund.» Eine Journalistin stellt sie in eine Reihe mit den Bellers, was wohl eher zutrifft. Und weil der Claim von RTL 2 «It’s fun» lautet und nicht «Let’s make Germany great again», kann man erst mal nachschenken und sich einigermassen vergnügt zurücklehnen.

Erstellt: 11.04.2016, 21:07 Uhr

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