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«Geisterbahn» – «Hoffe nicht, dass ich das noch erleben muss»

China setzt auf KI-Moderation. Für manche Schweizer Moderatoren ein Horror.

Computergeneriert: KI-Moderator, dem echten Moderator Zhang Zhao nachempfunden.

Er werde «unermüdlich» arbeiten, beteuert er. Man glaubt es ihm sofort. Schliesslich ist «er» ein Computerprogramm, dem echten Moderator Zhang Zhao nachempfunden.

Chinas staatliche Nachrichtenagentur Xinhua hat den ersten KI-Moderator der Geschichte online vorgestellt. Oder besser: Zhang 2.0 präsentierte sich gleich selbst. Mit steifen Lippen und abrupter Stimme zwar, aber eben auch souverän und fehlerlos. Er freue sich darauf, so der Moderator mit leerem Blick, uns eine «brandneue News-Erfahrung zu vermitteln».

Kritischer SRF-Chefredaktor

Zhang 2.0 gibt Chinas digitaler Offensive ein noch etwas starres Gesicht. Im Land werden Milliarden in KI-Systeme investiert, die Regierung hat Dominanz des Weltmarkts bis 2030 als Ziel vorgegeben. Ist Zhang 2.0 die Zukunft der TV-Nachrichten? Verdrängt Software den Sprecher aus Fleisch und Blut? So, wie Kameraroboter die Kamerafrauen und -männer aus den Studios verdrängt haben?

«Ich hoffe nicht, dass ich das noch erleben muss», sagt Tristan Brenn, TV-Chefredaktor am Leutschenbach. Zhang 2.0 fehlt laut Brenn allzu vieles. «Authentizität, Spontaneität, Emotionalität, Empathie.» Den Ton anpassen, ein gutes Interview führen – das könne der KI-Moderator auch nicht.

Wille, Fischlin, Inhauser, Boesch

In Brenns Team stösst der KI-Moderator ebenfalls auf Skepsis. Susanne Wille sagt: «Ich freute mich, meinen chinesischen Digitalkollegen kennen zu lernen und hörte ihm gespannt zu.» Allerdings: Als Moderatorin sei sie in erster Linie Journalistin. «Ich diskutiere mit dem Team die Themen, die Beiträge, ich recherchiere oder telefoniere mit Interviewgästen.» Das könne KI nicht leisten.

Will nichts wissen von künstlichen Sprechern: «Tagesschau»-Moderator Franz Fischlin. Bild: Keystone
Will nichts wissen von künstlichen Sprechern: «Tagesschau»-Moderator Franz Fischlin. Bild: Keystone

Franz Fischlin sagt, die Zeit des News lediglich vorlesenden TV-Sprechers à la Leon Huber sei längst vorbei. Die Chinesen zeigten Moderationskunst «auf dem Level eines Tagesschau-Sprechers aus dem letzten Jahrhundert». Dass dereinst eine Software seinen Job übernehmen könnte, ist für Fischlin schlicht «undenkbar». Florian Inhauser sagt, auf dem Teleprompter stehe nichts, was er nicht selbst geschrieben habe, über das er nicht selbst nachgedacht, über das er sich nicht auf der SRF-Redaktion ausgetauscht habe. «Was mir der Teleprompter zeigt, ist das veröffentlichte Resultat meiner Arbeit.»

Und Cornelia Boesch sagt, das Wichtigste einer journalistischen Moderation bleibe die Authentizität. «Beim digitalen Kollegen fühlte ich mich eher in die Geisterbahn versetzt als in ein Nachrichtenstudio.»

Nau ist offen

Auch Markus Gilli kann mit Zhang 2.0 nichts anfangen. Der Mann sei «grauenhaft», so der TeleZüri-Chef. Er sehe hier eine Mischung aus «Tiefkühltruhe, Labor und Abdankungshalle». Offener ist da Yves Kilchenmann, CEO von Nau. Sein letztes Jahr gegründetes Newsportal setzt stark auf Videos. Kilchenmann sagt: «Roboter können Nachrichtensprecher ersetzen und auch andere Funktionen im Journalismus übernehmen. Bei Nau prüfen wir alles.» Sich reflexartig Grenzen zu setzen sei falsch.

Ein künstlicher Moderator spart nicht zuletzt Geld. Die Chinesen betonen die Wirtschaftlichkeit eines computergenerierten Moderators. Zhang 2.0 könne 24 Stunden auf allen Kanälen im Einsatz stehen, Social Media inklusive. Gilli befürchtet, dass KI-Moderatoren für Medien attraktiver werden, falls der Spardruck weiter zunehme. Das hoffe er aber nicht: «Unsere Moderatorinnen und Moderatoren aus Fleisch und Blut sind ganz wichtig für die Nähe zu unseren Zuschauerinnen und Zuschauern.»

Der zweite KI-Nachrichtensprecher: Xinhua-Moderator Qiu Hao stellt sein digitales Alter Ego vor. Bild: Reuters
Der zweite KI-Nachrichtensprecher: Xinhua-Moderator Qiu Hao stellt sein digitales Alter Ego vor. Bild: Reuters

Aber ist nicht zumindest der garantiert fehlerlose Vortrag eine unstrittige Stärke von Zhang 2.0? Susanne Wille sieht das anders. Für sie ist selbst ein Versprecher kein menschlicher Makel, sondern ein Vorzug. Denn ein Versprecher zeige den Zuschauern, dass eine Livesendung tatsächlich live sei. Dass nicht manipuliert werde.

Doch vielleicht wird sich Chinas KI-Moderator ja demnächst ein wenig verplappern, schief grinsen – und dem Menschen wieder ein Stückchen näherrücken. KI-Experten sagen, dass sich vielleicht schon Zhang 2.0, mit Sicherheit aber seine Epigonen durch stete Datenzufuhr menschliche Finessen aneignen werden. Die künstlichen Moderatoren werden humaner und zugleich jederzeit für einen Einsatz bereitstehen.

Wie sagte Zhang 2.0 bei seiner Bildschirmpremiere? «Text wird ununterbrochen in mein System einfliessen.»

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