Frau Stadelmann verbrennt ihre Absagen

Im gesellschaftlichen Abseits, zermürbt von Zweifeln: Das SRF zeigt das Los von 50+-Arbeitslosen auf. Dabei gibt es tatsächlich auch heitere Momente.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Arbeitslosenquote ist auf einem Zehnjahrestief. Doch zeitgleich, wie diese neusten Zahlen gefeiert werden, zeigt der SRF einen Dok über Arbeitslosigkeit.

«50+ und arbeitslos. Wege aus der Altersfalle» – der Titel lässt es erahnen: Der neuste SRF-Dok hört heiterer auf, als er beginnt. Aber er beginnt zuerst einmal im Loch, im Abseits. In der Welt von vier Langzeitarbeitslosen.

«Plötzlich ruft niemand mehr an.» Auch die unzähligen Sitzungen, E-Mails, Geschäftsreisen, alles fällt weg. «Das war hart», erzählt Andreas Knuchel (59), Ingenieur mit jahrzehntelanger Erfahrung in Führungspositionen. Nun ist er am Staubsaugen. Danach räumt er die Geschirrspülmaschine aus. Dazwischen erzählt er, wie er trotz Arbeitslosigkeit an einem fixen Tagesablauf festhält. Doch die Zweifel nagen an ihm. Ist er selbst schuld an seiner Situation? Hätte er etwas anders, besser machen können?

Mit diesen Fragen ist er nicht allein. Die anderen drei Protagonisten des Films sitzen im gleichen Boot. Alle sind sie kurz vor oder über 50, arbeitslos und wissen nicht, warum.

An zu wenigen Bewerbungen oder zu geringer Motivation, diese zu verschicken, liegt es nicht. Zwar gehören sie in der Schweiz zu jener Altersgruppe, die mit 2,7 Prozent am wenigsten von Arbeitslosigkeit betroffen ist. Doch mit 50+ gehören sie auch zu der Gruppe, die am stärksten von den Folgen betroffen ist. In den letzten zehn Jahren hat die Anzahl Sozialhilfebezüger über 50 um 40 Prozent zugenommen, erklärt die Stimme aus dem Off.

Abstieg, Isolation, Depression

Was das in der Realität heisst, zeigt unter anderem die Geschichte von Alfred Waser (58). Der Ingenieur wohnt in einer kleinen Wohnung. Küche und Bad teilt er mit anderen. Sein Leben ist klein, seit sein Versuch mit der Selbstständigkeit gescheitert ist. Der Abstieg kam erschreckend schnell. Die Sozialhilfe beträgt 986 Franken im Monat.

«Komisch» werde man dann, erzählt Waser. Man schäme sich für die eigene Situation, schotte sich ab. Erst eine Selbsthilfegruppe hat ihn wieder aus der Isolation geholt.


Alt, älter, zu alt Wer über 50-jährig arbeitslos wird, bleibt es länger. Kaum eine Firma stellt sie ein. Besuch in einem Coaching für Jobsuchende. (Abo+)


Bei Ruth Stadelmann, 61, war es ein Minijob und Freiwilligenarbeit, die ihr Anerkennung brachten und sie aus der Depression holten.

Raffael Spielmann hat den Anschluss im Berufsleben bereits wieder gefunden, wenn auch in ungewöhnlicher Form: Er ist mit 49 einer der ältesten Lehrlinge der Schweiz. Nun ist es seine Tochter, die ihn für die guten Noten in der Berufsschule lobt.

Zeigen, was gerne übersehen wird

Der Film greift kein neues Thema auf. Das Problem der Arbeitslosigkeit im Alter ist bekannt. Es ist kein Massenphänomen, welches den Staat oder die Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern würde. Und doch zeigen die vier Geschichten eindrücklich, was Arbeitslosigkeit mit Menschen machen kann und was eine solche Situation für die Familien der Betroffenen bedeutet.

Die Protagonisten erzählen ehrlich, ungeschönt, persönlich. Sie sprechen Dinge an, die unangenehm zu hören sind in einer Gesellschaft, die auf Leistung aus ist, in der der Erfolg zählt und Misserfolg oft als Eigenverschulden gesehen wird. Sie treten an gegen Vorurteile, dass ältere Arbeitnehmende nicht flexibel seien und nichts Neues lernen könnten.

Ingenieur Knuchel zeigt, dass er auch gerne Lastwagen fährt. Frühere Führungsposition hin oder her. Diese Bescheidenheit und Dankbarkeit beeindruckt. Die Geschichten werfen – wenn auch nicht zum ersten Mal – Fragen auf, wie in dieser Gesellschaft mit erfahrenen, motivierten, aber eben älteren Arbeitskräften umgegangen wird.

Wege aus der Altersfalle

Der Film zeigt auch, was der Normalbürger oft nicht glauben will: Es kann jeden treffen. Einfach so. Auch Leute, die jahrelang gearbeitet haben und vorher nie Sozialhilfe bezogen, ein normales Familienleben hatten.

Bild und Ton dazu sind ruhig, schlicht. Keine reisserische Musik, um Schicksalsschläge zu untermalen, keine voyeuristischen Bilder, welche die Einsamkeit ausschlachten würden. Das Unschöne kommt auch ohne Kunstgriffe zum Vorschein.

Trotz der ungeschönten Realität endet der Film tatsächlich heiterer, als er begonnen hat: Neue Jobs, neue Berufsträume und sogar eine neue Liebe hält das Leben für die Protagonisten bereit.

Der heiterste Moment ist aber definitiv jener, in dem Ruth Stadelmann vor einem Feuer steht. Sie verbrennt dort all die platten Absagen auf Bewerbungen. Doch es ist auch dieser Moment, der zeigt: Anstatt die Arbeitskraft älterer Leute einfach in Rauch aufgehen zu lassen, täte die Politik und Wirtschaft gut daran, das vorhandene Potenzial zu nutzen. Und das, indem sie tut, was sie 50+-Arbeitssuchenden oft nicht mehr zutraut: flexibel und offen für Neues beziehungsweise eben Altes sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.06.2018, 10:58 Uhr

Artikel zum Thema

Alt, älter, zu alt

Wer über 50-jährig arbeitslos wird, bleibt es länger. Kaum eine Firma stellt sie ein. Besuch in einem Coaching für Jobsuchende. Mehr...

«Ältere müssen beim neuen Job weniger Lohn akzeptieren»

Interview Daniel Neugart hilft älteren Arbeitslosen bei der Stellensuche. Er erklärt, wieso ein stärkerer Kündigungsschutz nicht hilfreich wäre. Mehr...

Ohne Job gibt es im Alter auch keine Rente

Wer die Stelle verliert, muss die Pensionskasse verlassen. Eine andere Kasse gibt es nur mit einem neuen Job. Doch es gibt eine unbekannte Alternative. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Kampf gegen Rassismus: Ein Demonstrant protestiert gegen die Kundgebung «Liberty of Death», eine Versammlung von Rechtskonservativen vor der Seattle City Hall in Seattle, Washington. (18. August 2018)
(Bild: Karen Ducey/AFP/Getty) Mehr...