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Frauen und Hunde mit gleichem Schicksal

Eine 68er-Aktivistin trifft auf eine Feministin von heute: Der SRF-Dokfilm mit Andrée Valentin und Tamara Funiciello zeigt, dass die Revolution noch nicht vorbei ist.

Juso-Präsidentin Tamara Funiciello und Aktivistin Andrée Valentin betreten die Ausstellung über den Aufbruch von 1968. Die Zeitreise beginnt. Bild: SRF
Juso-Präsidentin Tamara Funiciello und Aktivistin Andrée Valentin betreten die Ausstellung über den Aufbruch von 1968. Die Zeitreise beginnt. Bild: SRF

Historisches Museum Bern, Juso-Präsidentin Tamara Funiciello und 68er-Aktivistin Andrée Valentin streifen durch die «Spiesserhölle», ein originalgetreu nachgestelltes Wohnzimmer der 1960er-Jahre in der Ausstellung über den Aufbruch von 1968.

Valentin erweckt die ausgestellten Fotos und aufgehängten Parolen zum Leben. Sie erzählt, wie es war, damals, in jener Zeit, als Sex vor der Ehe tabu war, als zwei Drittel aller Frauen ungelernt waren und nur mit der Zustimmung des Ehemannes arbeiten gehen durften. Eine Historikerin, Christina Späti, wird eingeblendet. Sie ordnet das Gesehene und Gehörte ein. Dazu idyllische Musik. Ein schaurig gelungener Einstieg für den «DOK»-Film «1968 – Frauen verändern die Gesellschaft».

Die 74-Jährige Valentin erlebte die Enge einer konservativen Kleinfamilie hautnah. Ihre Mutter lebte ein Leben fern von ihren Wünschen und Talenten. Valentin sah darin keine Zukunft für ihr eigenes Leben.

«Nicht jubilieren, protestieren!»

Einblendung von Archivaufnahmen. Ein Hund wird auf der Strasse angebunden. Die Originalstimme aus dem Off kommentiert: Die Schweizer Frauen teilen sich vor dem Wahllokal das Schicksal mit den Hunden.» Dagegen gehen die Frauen auf die Strasse, mit brennenden Fackeln, schweigend.

 Andrée Valentin entdeckt sich in der Ausstellung auf einem Foto. Sie engagierte sich damals lautstark für Frauenrechte. Bild: SRF
Andrée Valentin entdeckt sich in der Ausstellung auf einem Foto. Sie engagierte sich damals lautstark für Frauenrechte. Bild: SRF

Valentin stürmt während eines Jubiläumsanlasses die Bühne des Schauspielhauses und ergreift das Mikrofon: «Wir sollten nicht jubilieren, sondern protestieren und diskutieren!» Kurz darauf gründete sie zusammen mit anderen Mitstreiterinnen die Frauenbefreiungsbewegung FBB, in einem Umfeld aus Demonstrationen gegen bestehende Machtverhältnisse und Krieg. Der Gipfel der Konfrontationen: die Globus-Krawalle in Zürich. Mittendrin: die damals 24-jährige Valentin. Bescheiden wirkt sie, wenn sie mit Funiciello durch die Ausstellung geht und immer wieder bejaht: «Ich war dabei, ja.»

Trotz der Begeisterung Funiciellos angesichts Valentins Erzählungen über die Aufbruchstimmung scheut sich Historikerin Späti nicht, auf problematische Umstände der 68er hinzuweisen. Zum Beispiel dass die Aktivisten damals wie heute zweifelhafte Helden verehrten, etwa Mao oder Ho Chi Minh. Leider tut die Kamera der Historikerin keinen Gefallen, wenn Letztere jeweils eingeblendet wird. Späti scheint zu nah und ausgestellt im Vergleich zu den ansonsten sehr natürlich gefilmten Hauptprotagonistinnen.

Aktivistinnen der Frauenbefreiungsbewegung FBB an einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg und für Mao am 1. Mai 1969. Bild: Keystone
Aktivistinnen der Frauenbefreiungsbewegung FBB an einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg und für Mao am 1. Mai 1969. Bild: Keystone

Auch der Auftritt der anderen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, nebst Valentin, sind filmisch nicht ganz so elegant gelöst. Etwas unerwartet werden sie eingeblendet und verschwinden sogleich wieder. Doch das mindert nicht den Inhalt ihrer Aussagen: So können sich die Mitstreiterinnen Valentins zum Beispiel nicht daran erinnern, dass ihre männlichen Kollegen damals das fehlende Frauenstimmrecht angeprangert hätten.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Historikerin hält fest: Die sexuelle Revolution habe stattgefunden, ebenso die gesellschaftliche. Wieso also ist die Juso-Präsidentin und Feministin Funiciello überhaupt dabei auf dem Rundgang durchs Museum?

Was wollt ihr denn noch?

In einer Gesellschaft, in der man scheinbar alles kann und darf, in der man schon alles an Körperlichkeit und Nacktheit gesehen hat und sich aussuchen kann, was davon man selbst will, in so einer Gesellschaft mag es seltsam anmuten, sich immer noch für die Gleichstellung der Frau einzusetzen.

Die eine hat die Anfänge der Frauenrechtsbewegung miterlebt, die andere kämpft heute weiter: Valentin und Funiciello vor einem Ausstellungsplakat. Bild: SRF
Die eine hat die Anfänge der Frauenrechtsbewegung miterlebt, die andere kämpft heute weiter: Valentin und Funiciello vor einem Ausstellungsplakat. Bild: SRF

Aber vielleicht ist es wie 1968, als man die freie Liebe und das Ende der Eifersucht verkündete. Denn laut einem Zeitzeugen sei nächtelang geredet worden. Die Psyche des Menschen sei bei diesen Diskussionen aber nicht immer mitgekommen. Valentin stellt fest: Oft sei sich die Frau «gebraucht» vorgekommen. An dieser Stelle erneut etwas unkoordiniert und unverhofft eingeblendete Zeitgenossen Valentins, teils im Hochformat, wohl per Handy gefilmt. Doch auch da: Der Inhalt stimmt.

Wie es denn heute aussehe mit der Sexualität der Jungen, will Valentin von Funiciello wissen. «Wir sind die erste Internetpornogeneration.» Das Bild, mit dem junge Menschen aufwachsen würden, sei von ganz bestimmten Vorstellungen geprägt. Diese hätten mit frei sein wenig zu tun, oft mit Gewalt und Dingen, die man eigentlich gar nicht wolle, konstatiert Funiciello. Schlanke Frauen in Castingshows flimmern über den Bildschirm, auf zu explizite Darstellungen verzichtet der Dokfilm. Funiciellos Worte sind klar genug.

Andere Zeit, gleiche Forderungen

Was tun? Was gibt die Frau mit 50 Jahren Erfahrung in der Frauenbewegung der jungen Feministin mit auf den Weg? «Niemals aufgeben!» und Gleichgesinnte finden, die einen bestärken. Beide sind sich einig: Zu den Gleichgesinnten können und sollten alle gehören, auch Männer. Schliesslich würden auch sie unter den ihnen aufgezwungenen Rollen leiden.

Die Wahl von Präsident Trump verlieh auch der Frauenrechtsbewegung in der Schweiz neuen Schub. Viele demonstrierten gegen Sexismus. Bild: SRF
Die Wahl von Präsident Trump verlieh auch der Frauenrechtsbewegung in der Schweiz neuen Schub. Viele demonstrierten gegen Sexismus. Bild: SRF

Trotzdem seien die Machtverhältnisse dieselben wie vor 1968. Valentin glaubt, dass sie damals aus dem genau gleichen Grund das Mikrofon ergriffen hat, wie das Funiciello heute mache. Die Bedingungen seien heute zwar andere, die Forderungen aber dieselben: Frauen sollen dieselben gesellschaftlichen Möglichkeiten haben wie Männer, ihre Anliegen einbringen können und gehört werden.

Und Funiciello ist noch lange nicht müde, dies immer wieder öffentlichkeitswirksam einzufordern, scheut sich nicht, BHs zu verbrennen, zu provozieren, diskutieren und zu einer neuen Revolution aufzurufen, inspiriert von den Aktionen Valentins und ihren Mitstreiterinnen.

Fakten haben keine Gesinnung

Man kann Revolutionen, die Juso-Präsidentin, die 68er-Bewegung oder den Feminismus mögen oder nicht – Fakt ist: Die Gleichstellung ist noch nicht dort, wo sie laut Gesetz sein sollte, und auch noch nicht dort, wo man sie in einem Land, das sich stets Fortschrittlichkeit auf die Fahne schreibt, erwarten würde. Männer sind bis heute oft nicht dazu bereit oder in der Lage, ihre Arbeitspensen zugunsten der Familie zu reduzieren, Frauen verdienen oft weniger als Männer, in den Geschäftsleitungen grosser Schweizer Unternehmen sitzen 7 Prozent Frauen. Der Film ist eine freundliche Erinnerung daran.

Die Frauen lachen über die «Spiesserhölle» der 1960er-Jahre. Doch der Film zeigt: Auch heute gibt es noch viel zu tun in Sachen Gleichstellung. Bild: SRF
Die Frauen lachen über die «Spiesserhölle» der 1960er-Jahre. Doch der Film zeigt: Auch heute gibt es noch viel zu tun in Sachen Gleichstellung. Bild: SRF

Der Rundgang mit den beiden Frauen durchs Museum scheint dafür eine passende Form zu sein. Denn er zeigt, dass die Ausstellungsstücke nur bedingt museal sind. Was die Generation von Funiciello nur von Schwarzweissfotos kennt, hat Valentin miterlebt und mitgestaltet. Gleichzeitig ist vieles, was auf den Fotos zu sehen ist und was die ausgestellten Plakate fordern, bis heute aktuell. Darüber sprechen die beiden Frauen direkt vor den jeweiligen Exponaten mit Bezug auf aktuelle Ereignisse und Erfahrungen.

Mehr als Nostalgie

Historikerin Späti und eine Stimme aus dem Off erklären und kommentieren die Archivaufnahmen und Erfahrungen und schlagen gegen Ende des Films den Bogen zur aktuellen #MeToo-Debatte.

Obwohl mit den beiden Hauptpersonen des Films und dem Thema an sich linke Gesinnungen eine grosse Bühne bekommen, zeigen diese Einordnungen in den Schweizer, aber auch den globalen Kontext, dass man es mit mehr zu tun hat als mit einer Nostalgikerin und einer Aufmüpfigen. Es geht tatsächlich darum, wie Frauen die Gesellschaft verändern.

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