«Legalisiert sie!»

Wagner Moura spielt in der Hit-Serie «Narcos» Pablo Escobar. Hier spricht er über den Massenmörder und über Drogenpolitik.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wagner Moura ist der erste brasilianische Schauspieler, der für den Golden Globe Award nominiert wurde, und zwar für seine Darstellung von Pablo Escobar in der Netflix-Serie Narcos. Moura, 40, studierte Journalismus, bevor er Schauspieler wurde. 2000 gab er mit «Woman on Top» 2000 sein Debüt an der Seite von Penelope Cruz, den internationalen Durchbruch brachte ihm der Kinofilm «Tropa de Elite» (2007), in dem er den Chef einer Eliteeinheit der brasilianischen Militärpolizei spielt.

An diesem Freitag geht die zweite Staffel von «Narcos» online. In der Serie verkörpern sie einen kolumbianischen Drogenboss nach realem Vorbild. Wie war es, ein Monster zu spielen?
Ich erspare Ihnen den üblichen Schauspieler-Bullshit. Von wegen, «Das eine ist nur eine Rolle und das andere bin ich.» Ich habe Pablo Escobar über zwei Jahre gespielt. Nicht nur, dass ich für die Rolle fett geworden bin – natürlich baust du eine Beziehung zu deinem Charakter auf, zu dem Umfeld, zu der Energie.

Wie haben sie sich auf die Rolle vorbereitet?
Indem ich angefangen habe, nur noch leckere Sachen zu essen. Ich musste 20 Kilo zunehmen. (lacht) Bei Charakteren geht es um Widersprüche. Pablo war ein gemeiner Mensch, ein Psychopath. Er hat Bomben in Strassen gelegt, ein Flugzeug in die Luft gesprengt, er hat Hunderte von Leuten kaltblütig ermordet. Aber er war eben auch ein liebevoller Familienvater. Mutig, sehr charismatisch. Wenn ich mir einen Charakter anschaue, geht es mir nicht um Gut und Böse. Wir haben beide Seiten in uns. Am Ende war Pablo Escobar ein Mensch.

Narcos ist überall in der Welt ein Riesenerfolg - nur nicht in Kolumbien.
Narcos ist eine US-amerikanische Produktion mit einem Brasilianer in der Hauptrolle. Die Leute sind erst mal skeptisch. Aber Narcos ist keine Show, in der coole US-amerikanische Cops in das Land eindringen, um die Leute vor dem Bösewicht zu retten. Alle Charaktere sind komplex.

Eine kolumbianischer Filmkritiker schrieb: Wagner Moura ist als Escobar eine Fehlbesetzung. Es ist, als ob ein Deutscher Sherlock Holmes spielen würde.
Ha, das ist gut! Ich verstehe das. Kolumbien hat sich in den vergangenen 20 Jahren sehr gewandelt. Bogotá zum Beispiel ist eine supercoole und moderne Stadt. Aber jedes Mal, wenn ein Kolumbianer seinen Ausweis zückt: «Oh, Kolumbien? Kokain!» Ich kann nachvollziehen, wenn die Leute sagen: «Fuck you!»

Worauf kam es Ihnen an?
Ich habe vor dem Dreh Spanisch in Bogotá gelernt - und die Schulbank mit japanischen Teenagern und deutschen Managern gedrückt. Ich habe jedes Buch über Pablo gelesen, um alles wieder zu vergessen, sobald ich ich meinen Charakter erschaffen habe. Ich wollte Pablo nicht imitieren. Die Leute, die ich mit meinem Spiel am meisten überzeugen wollte, waren Kolumbianer.

«Wir müssen akzeptieren, dass eine drogenfreie Welt eine Illusion ist», sagt Friedensnobelpreisträger Kofi Annan vor Kurzem. Hat er recht?
Drogen sind eine Realität. Leute nehmen sie. Keine Massnahme hat den Drogenkonsum bisher verhindert. Jeder sollte die Freiheit haben, selbst zu entscheiden ...

... aber wenn jemand unter Drogeneinfluss eines Ihrer Kinder überfahren würde?
Wenn du Drogen nur für dich nimmst, keiner Person schadest und für deine Taten verantwortlich bist, ist das okay. Aber du kannst auch nicht fahren, wenn du betrunken bist! Drogen sollten als Gesundheitsproblem behandelt werden. Wenn du süchtig bist, solltest du Hilfe bekommen. Anstatt von einem Polizisten festgenommen zu werden, der dich ins nächste Gefängnis schleppt.

Also legalisieren?
Ich habe schon immer geglaubt, Drogen sollten legalisiert werden. Nach der Erfahrung mit Narcos bin ich mir zu hundert Prozent sicher: Legalisiert sie! Der ganze Drogenkrieg war ein grosser Fehler! Es ist absurd.

Wieso?
Der Anti-Drogen-Krieg ist US-amerikanische Politik. Aber er findet nicht dort statt. Sondern in Mexiko. In Kolumbien. In den Ländern, die Drogen produzieren und vertreiben. Menschen sterben dort. Der Drogenkrieg hat mehr Opfer gefordert als der Missbrauch von Drogen. Insbesondere lateinamerikanische Länder sollten den Scheiss mit der Moral endlich über Bord werfen. Sie leiden am meisten darunter.

Ihr Vater war Soldat. Jetzt drehen Sie als Regisseur einen Film über die brasilianische Militärdiktatur.
Er war bei der Marine - und die netteste Person, die man sich vorstellen kann. Leider nicht politisch. Ich wäre gerne in einem politischeren Umfeld aufgewachsen.

Spätes Aufbegehren gegen den Vater?
Mag sein. Vielleicht ist das der Grund, warum ich jetzt Regie führe bei einem Film über einen Kommunisten. Es gibt Dinge, die ich mit der Kunst eines Schauspielers ausdrücken kann. Aber um einen politischen Moment in meinem Land zu porträtieren, brauchte ich mehr Kontrolle. (Frank Steinhofer/«Süddeutsche Zeitung»)

Erstellt: 07.09.2016, 08:09 Uhr

Zwei weitere Staffeln

Die Serie «Narcos» wird auch nach der zweiten Staffel weitergeführt. Der US-Streamingdienst Netflix hat eine dritte und vierte Staffel der Serie über Lateinamerikas Kokainkartelle angekündigt.

Die erste Staffel handelte vom Aufstieg Escobars zum mächtigsten Drogenboss der Welt, die zweite erzählt nun von der Jagd auf ihn und von seinem gewaltsamen Tod. Für Eric Newman von Netflix ist der Tod von Eskobar aber kein Grund, die Serie zu stoppen: «‹Narcos› handelt von Kokain, und Kokain gibt und gab es auch nach Escobar.» (kpn)

Artikel zum Thema

Der Untergang des Kokain-Milliardärs

Heute stellt Netflix die zweite Staffel des Escobar-Epos «Narcos» online. Wieder erwartet die Zuschauer überwältigendes Fernsehen. Mehr...

Saftige Landschaften, verstümmelte Leichen

Eine weitere grossartige Netflix-Serie: «Narcos» handelt von den Wahnsinnstaten des kolumbianischen Drogenhändlers Pablo Escobar. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Auf Händen getragen: Eine handgeschnitzte Statue der Jungfrau Maria wird anlässlich des Fests zu Ehren der «Virgen del Carmen» durch die andalusische Stadt Málaga geführt. (16. Juli 2019)
(Bild: Daniel Perez / Getty Images) Mehr...